Abseits

Beim täglichen stöbern in meinem Lieblings-Kleinanzeigenportal fiel mir  vor einiger Zeit ein Billardtisch auf. Es handelte sich um einen (ziemlich alten) 7ft Kneipentisch, mit Münzeinwurf – für einen äußerst lächerlichen Preis. Wirklich haben wollte ich den Tisch zu der Zeit nicht, daher verschwand er erstmal auf meiner Merkliste.

Einige Wochen später stolperte ich dann eher zufällig wieder über den Tisch, der immer noch auf der Merkliste stand, und war erstaunt, dass der damals schon lächerlich niedrige Preis – nochmal reduziert wurde. Es half alles nichts und ich habe zugeschlagen. Der, sehr nette, Kontakt über das Kleinanzeigenportal lief über eine Verkaufsagentur – diese vermittelte mir einen Termin zur Abholung.

Wenige Tage später fuhr ich dann, mit drei kräftigen Helfern, in einen eher leblosen Nachbarort. Der Treffpunkt war eine alte Gaststätte, die, wie der äußere Eindruck vermuten ließ, schon vor langer Zeit ihre Türen für immer geschlossen hatte.

Da meine kräftigen Helfer und ich viel zu früh vor Ort waren, blieb viel Zeit für Fachsimpelei: Die klassische Dorfkneipe, eigentlich super Lage, trinkfeste Dorfgemeinschaft, Nichtrauchergesetz, hohe Preise, ich saufe lieber Zuhause.. Gründe, warum eine Gaststätte in der heutigen Zeit „dicht“ macht gibt es wahrlich viele – dennoch ist es immer wieder schade zu sehen, dass alt-eingesessene Läden den Anschluss irgendwann verpassen und aus dem, in diesem Fall, Dorfbild für immer verschwinden.

Zur vereinbarten Zeit traf dann die ehemalige Wirtin der Gaststätte ein und öffnete uns die Türen. Unmittelbar nach dem Öffnen der Türen stach einem dieser herrlich gemütliche Geruch von altem Bier in die Nase, wie man ihn nur aus einer alten Gaststätte kennt.. Nach dem Eintreten wurde der Geruch allerdings etwas moderig – was wohl an den massiven Feuchtigkeitsschäden am Gebäude festgemacht werden konnte.

Am verbliebenen Interieur merkte man schnell, dass der Betrieb wohl schon länger eingestellt wurde und wahrscheinlich zeichnete sich eben dieses Ende auch schon einige Jahre vor Ladenschluss schon ab. Veraltetes und zerschlissendes Mobiliar,  die Gestaltung der Wände, Böden und Decken – aller Wahrscheinlichkeit nach, wurde an diesen Stellen seit der Eröffnung in den Sechzigern nicht mehr viel verändert.

Der Billardtisch stand in einem gesonderten Bereich, angrenzend an den einstigen Festsaal, voll gepackt mit altem Geschirr. Einer der kräftigen Helfer, die ehemalige Wirtin und ich räumten den Tisch frei, dabei konnte ich es mir natürlich nicht nehmen lassen und habe einige Fragen zur Vergangenheit gestellt.

Die Gaststätte wurde von ihr und ihrem Mann über knapp 50 Jahre lang geführt. Vor einiger Zeit wurde der Mann dann leider schwer krank und verstarb schlussendlich. Die Wirtin allein konnte und wollte den Laden nicht alleine weiterführen, auch das Alter spielt dabei eine Rolle – die Kinder hatten kein Interesse das Geschäft zu übernehmen und so wurde die Gaststätte dann Anfang 2017 geschlossen. Seit dem versucht die Wirtin die Reste, wie z.B. das Inventar, noch irgendwie an den Mann zu bringen.

Unter Berücksichtung aller Umstände, die ich in meinen knapp 10 Minuten vor Ort gewonnen hatte, konnte ich die Entscheidung der Kinder gut nachvollziehen. Der Investitionsrückstau ist einfach zu groß um hier auch nur annähernd von einer „soliden Basis“ oder gar einem „gesunden Betrieb“ sprechen zu können. Allein der Ort, ohne nennenswerten Zuwachs in den letzen 20 Jahren, verspricht keine Goldgrube.

Aber sei es drum. Ich war schließlich nicht da, um einen Betrieb zu übernehmen, sondern einen kleinen persönlichen Traum zu erfüllen – sondern um einen schönen, alten Kneipentisch abzuholen.

Das besondere an diesem Tisch ist natürlich nicht unbedingt das Alter – sondern seine Spielfläche. Billardtische in Gaststätten oder Spielhallen sind zu großer Wahrscheinlichkeit qualitativ hochwertig und besitzen eine Spielfläche mit Schieferplatte. Leider hat so eine Schieferplatte den Nachteil, dass der sowieso schon sehr schwere Tisch, im wahrsten Sinne des Wortes, „untragbar“ wird.

Vor Ort wollte und konnte ich den Tisch nicht demontieren – also mussten wir das ca. 350 Kg schwere Ungetüm an einem Stück und mithilfe von Rollbrettern aus der alten Gaststätte  in meinen Anhänger befördern. Abgesehen von einer kleinen Unannehmlichkeit an einer Glasscheibe verlief das Ganze, unter massivem Krafteinsatz, relativ problemlos. Einer der kräftigen Helfer erwarb noch die Musikanlage aus der alten Gaststätte und nachdem alles eingepackt war, machten wir uns auf den Weg nach Hause.

Das Ausladen verlief hier, wir sehen wiederholt von einer Unannehmlichkeit mit einer Glasscheibe ab, ebenfalls problemlos. Meine kräftigen Helfer verließen unter tosendem Applaus die Bühne und der Tisch und ich hatten Zeit uns etwas kennen zu lernen.

Ein Schild des Herstellers war leider nicht mehr zu finden, lediglich ein Aufkleber des Aufstellers war am Tisch angebracht. Die vierstellige Postleitzahl darauf verriet, dass der Tisch auf jeden Fall vor dem Jahr 1993 aufgestellt wurde. Einige Recherchen brachten aber auch keine echte Klarheit über das genaue Alter oder den Hersteller. Auf der Rückseite des Münzprüfers jedenfalls ist eine „92“ eingeprägt – höchst wahrscheinlich das Baujahr. Der Aufsteller, zum Glück noch am Markt, arbeitet laut eigenen Aussagen seit 30 Jahren nur mit der Firma Leonhart zusammen. Es könnte sich also um einem Tisch aus dem Hause Leonhart von 1992 handeln – oder auch nicht.

Über die Jahre hat der Tisch diverse Gebrauchsspuren angesammelt und kleinere Beschädigungen sind ebenfalls vorhanden. Zu gern würde ich den Tisch zu seiner Vergangenheit befragen: Das beste Spiel oder gar wie viele Leute sich auf ihm wohl vergnügt haben?! Ich bin mir sicher, dass der Tisch einiges zu erzählen hätte..

Derzeit arbeite ich den Tisch wieder auf. Ohne echte Bezugsquelle für Ersatzteile ist das gar nicht mal so leicht zu bewerkstelligen – aber bisher habe ich tatsächlich alles bekommen. Es ist zwar noch viel zu tun, aber abseits vom Smart-Home und 0-8-15 Job-Alltag ist es auch mal wieder schön zu schleifen, reinigen, lackieren und improvisieren. Ich freu mich schon richtig auf das Endergebnis und viel mehr auf das erste Spiel. Auf dass der Tisch ein zweites Leben erhalten wird und definitiv bis zu meinem Ableben in meinem Besitz bleibt 🙂

PS: Ein(e) erste(r) Kandidat(in), die/der mir ihre Geschichte erzählen möchte ist gefunden. Aus gesundheitlichen Gründen habe ich es noch nicht geschafft mich persönlich mit ihm/ihr zu treffen – aber die ersten Eindrücke waren sehr vielversprechend.

PPS: Die Tage erwarte ich übrigens wieder Post – aus Fernost. Damit mir hier niemand denkt, ich würde mein Kernthema vernachlässigen 😉

 

 

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