Die Offenbarung.. Teil 1

Das Wetter ist mies, meine Motivation mich irgendwie wieder auf die wesentlichen Themen meines Blogs zu konzentrieren ist, nach wie vor, nicht zurück. Was bleibt sind die lyrischen Highlights meines kranken Daseins nieder zu schreiben und euch, meine treuen Leser, eine Zeit lang von anderen Dummheiten fern zu halten.

In nicht allzu ferner Vergangenheit hatte ich angekündigt, fremde Menschen zu interviewen und ihre Geschichten zu präsentieren. Das hätte auch funktioniert, wären mir nicht immerzu andere Menschen aus meinem Bekanntenkreis aufgefallen, deren Geschichten ich eigentlich für viel interessanter halte. Bisher hatte ich allerdings noch nicht die Muße, um diesbezüglich etwas in die Wege zu leiten. Nicht nur aus dem Grund habe ich mich dazu entschlossen einfach meine eigene Geschichte aufzuschreiben.

Meine Geschichte

.. beginnt in einer Zeit, in der das Internet, in der heutigen Form, noch gar keine Bedeutung hatte. Damals, wo man sich mit seinen Freunden bereits Stunden oder Tage vorher verabredet hatte, wo man noch telefoniert hat – oder auch nur einige wenige über einen eigenen Computer verfügten.

An den Nachmittagen, nach der Schule, den Hausaufgaben oder in den Ferien – haben wir Gleichgesinnten aus unserem Viertel einer gehobenen Wohngegend uns meist irgendwo versammelt, Fußball gespielt, Gameboy gespielt, Fahrrad rennen gefahren oder sind sonstigen Aktivitäten nachgegangen, die Heranwachsende nun mal so unternehmen.

Das andere Geschlecht hat damals nie eine Rolle gespielt. Die Anzahl an Mädchen, die sich unserer Gruppe angeschlossen hatten, lag bei exakt: Null. Sämtliche Interaktionen mit Mädchen beschränkten sich auf die heimliche Schwärmerei des hübschesten Mädchens in der Schulklasse, oder der netten Töchter in der Nachbarschaft.

Offen über seine Gefühle und Gedanken mit jenen Mädchen sprechen? Undenkbar. Lieber wäre man nackt über den Pausenhof gelaufen. Die Sorge, dass sich jemand über die eigenen Gefühle belustigen kann, möglicherweise sogar in ganzen Gruppen darüber gelacht wird – ein Albtraum, den es unbedingt zu vermeiden galt.

Die Blöße hätte ich mir nie gegeben, noch nicht einmal in einem Brief ohne Angabe des Absenders. So schleppte ich Jahr für Jahr meine inneren Sehnsüchte mit mir herum, konnte aber damit aber wunderbar leben.

7

Die 7. Klasse auf der Realschule war das Jahr des Umbruchs. In dem Jahr haben sich meine Eltern getrennt und diese schwere Phase in Kombination mit meiner eigenen Faulheit haben dafür gesorgt, dass ich das Klassenziel seinerzeit nicht erreicht hatte. Die Chance, doch noch versetzt zu werden, scheiterte an ebenfalls an einer Nachprüfung im Fach: Deutsch.

Meine Erinnerungen an diese Zeit sind schwach. Die prägnanteste Erinnerung habe ich an ein Mädchen aus der Parallelklasse. Langes, glattes, rotes Haar. Ein Körper, eine Ausstrahlung – wie nur der Herr selbst hätte erschaffen können. Mein Schwarm. Unerreichbar weit weg, noch nicht einmal in der selben Klasse.. Noch heute sehe ich sie deutlich neben der Klassenzimmertür an der Wand stehen, mit karierter Bluse und einem feinen Lächeln, wie von Zauberhand gemalt. Die schönste Frau der Welt.

Als die Ferien, nach dem vergeigten ersten 7. Schuljahr, zu ende waren, trat ich also meine Ehrenrunde an. Die neue Klasse bestand ausschließlich aus Wiederholern und Schulwechslern. Beim ersten Gang durch die Klassenzimmertür traf mich dann sofort der Blitz – die Schönheit aus der Parallelklasse, über die Ferien beinah vergessen, saß auch dort.

Das Schuljahr in der sog. Wiederholerklasse war besonders. Die Klassengemeinschaft war sensationell und an jeder Ecke herrschte reger Kontakt.

Das war auch die Zeit, in der Handys schwer in Mode kamen und für jedermann erschwinglich wurden. Der heilige Gral, ein Nokia 3210 mit Vertrag. Dank meines Vaters kam ich tatsächlich in den Genuss eines solchen Privilegs. Erst am heutigen Tag weiß ich, wie dankbar ich dafür eigentlich sein musste, es aber natürlich nicht war.

Im Laufe des Schuljahres dann fasste ich einen Entschluss: Ich wollte Sie. Um jeden Preis. Meine Angebetete saß zu dem Zeitpunkt in der letzten Reihe, die Bank links neben ihr war frei. Der bisherige Kontakt beschränkte sich auf das relativ proletenhaftes Gehabe pubertierender Kinder. Aber irgendwie musste ich sie ja davon überzeugen, wer ich wirklich bin.

Um, natürlich mit äußerster Vorsicht, zu ihr vorzudringen, überzeugte ich meine damalige Klassenlehrerin davon, die Bank links neben ihr belegen zu dürfen. Schließlich habe ich bis dato neben meinem besten Freund gesessen und die ständigen Ablenkungen waren schlecht für meine Aufmerksamkeit und schulischen Leistungen 😉

Meine Überzeugungskraft war offenbar enorm, ohne weitere Diskussion durfte ich von dannen ziehen und meinen neuen Platz beheimaten – in unmittelbarer Nähe zu ihr.

Im weiteren Verlauf der Zeit habe ich dann immer wieder versucht ihre Aufmerksamkeit zu gewinnen. Mit Erfolg. Irgendwann haben wir sogar unsere Handynummern ausgetauscht und uns im Rahmen der Nachmittage, meist im Beisein weiterer Klassenkameraden, sogar in ziemlich regelmäßigen Abständen getroffen. Häufig haben wir uns, bis spät in die Nacht, SMS geschrieben und immer hatte ich den Eindruck, absolut das richtige zu tun..

Ich fühlte mich großartig in ihrer Gegenwart – und dennoch hatte ich, nach wie vor, Angst davor meine Gefühle ihr gegenüber zu offenbaren. Obwohl ich teilweise sogar deutlich gespürt habe, dass von ihrer Seite auch irgendwas magisches ausging, habe ich es nie geschafft sowohl ehrlich zu ihr, als auch ehrlich zu mir selbst zu sein.. Immerzu wartete ich ab, ob sie nicht vielleicht den entscheidenden Schritt machen will.

Die Zeit flog dahin, das Schuljahr ging auf das Ende zu. Im zweiten Anlauf hatte ich das Klassenziel erreicht, Sie jedoch nicht. Stück für Stück riss der Kontakt ab. Sie wechselte die Schule, der Klassenverband aus den Wiederholern wurde aufgelöst und auf die anderen Klassen verteilt.

Moral

Innerlich war ich frustriert, sauer und wütend. Das Ziel war zum Greifen nah – doch ich habe das Zeichen der Zeit verpasst und stand mit leeren Händen da. Ich war so überzeugt davon mein Ziel zu erreichen und habe dann kurz vor dem Ziel den Schwanz eingezogen… Zu feige den entscheidenden Schritt selbst zu gehen, aus Angst auszurutschen und nie wieder aufzustehen..

Der Kontakt brach ab, ab uns zu traf ich sie nach der Schule, auf dem Heimweg, im Bus. Aber es war zu der Zeit nicht mehr das Selbe. Ich fühlte ich verletzt und missmutig.

Von allen Geschichten, die mein Leben bis dato so geschrieben hat, hat diese Geschichte einen besonderen Stellenwert für mich.

Ich habe gelernt, dass wenn ich etwas wirklich will – bin ich dazu in der Lage mein Ziel zu erreichen. Ich hab gelernt, dass es sogar möglich ist, das, für mich, Unmögliche zu erreichen. Und vor allem habe ich gelernt, dass man niemals warten sollte, bis der Andere den ersten Schritt macht, denn meist hat er genau so viel Angst sich selbst zu verlieren, wie ich.

Diese Geschichte hat mich ziemlich lang verfolgt. Oft hab ich Nachts sogar tatsächlich davon geträumt ihr zu sagen, was ich damals wirklich empfunden habe. Das gute Gefühl an sich war natürlich lange verschwunden, dennoch blieb der Schmerz ziemlich nachhaltig. Wenn ich nach so einem Traum aufgewacht bin, hatte ich immer den Eindruck, dass ich die Sache bereinigen muss um meinen inneren Frieden zu finden.

Jahre später

Meine Geschichte spielt im Jahr 2000. Fast 15 Jahre lang habe ich diese Bürde mit mir herumgeschleppt ehe sich mir die Gelegenheit bot ihr gegenüber einzugestehen, dass ich ein Idiot war. Die Träume sind seitdem verschwunden und der innere Frieden wieder hergestellt.

Back in 2000

Das Jahr 2000 hatte aber noch ein prägendes Erlebnis für mich zu bieten.

Schon immer hatte ich ein besonderes Verhältnis zur Musik. Hörte ich bis Dato eigentlich nur das, was die Charts so hergaben, sollte das Jahr 2000 alles bisherige mit einem wuchtigen Schlag auslöschen.

Der Initiator für diesen Wuchtschlag war, mal wieder, mein Vater. Der Tag des Geschehens war der 29. Mai – an diesem Tag erschien ein Meilenstein der Musikgeschichte. Ein Album, das alles bisher da gewesene in den Schatten stellte und auf diesen Schatten auch noch fröhlich herumsprang.

Es war eine Art von Musik, die ich bis dato noch gar nicht wahrgenommen hatte. Kraftvoll, wunderschön, emotional, aufladend, ansteckend. Beim Hören kam die Musik eigentlich gar nicht aus den Lautsprechern, sondern aus tiefster Seele. Man fühlte sich Eins mit der Musik und überschwemmt vor Glücksgefühlen.

Das Album von dem ich hier spreche, das ich im zarten Alter von grade einmal 13 Jahren kennenlernen durfte heisst Brave new World.

Aus der Distanz betrachtet ist der Name – Programm, hat es auch mich in eine neue Welt versetzt. Wenn man des Abends im Jahr 2000, während eines Fahrradrennens mit den Nachbarskindern, nur noch „Out of the silent Planet“ singt, dann hat man definitiv eine neue Welt erreicht.

Live

Den absoluten Höhepunkt erreichte die neue Welt am 6.11.2000 – in der Grugahalle in Essen. Mein erstes Konzert. Iron Maiden – Brave new World Tour. Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass ich mich an dem Tag mit meinem Vater gestritten hatte und wir beide eigentlich keinen Bock mehr auf das Konzert hatten. Dennoch fuhren wir hin.

Als Vorgruppe trat Rob Halford, der Sänger von Judas Priest, auf um die Masse auf das bevorstehende einzuheizen. Mit 13 Jahren war ich glaub ich der Jüngste auf dem Konzert, aber ich denke auch der, der am meisten Freunde empfand.

Als Halford seine Show beendet hatte, kam die Umbaupause. Die Zeit kam mir vor wie ein ganzes Jahr, ehe das Licht in der Halle wieder abgeschaltet wurde und ein majestätisches Intro im klassischen Stil anlief und ankündigte, wofür jeder Einzelne hier im Saal war. Die Atmosphäre innerhalb der Halle, als das Intro lief, war atemberaubend – über 20.000 Menschen – jeder gespannt wie ein Flitzebogen.

Dann geschah es – das Intro endete und in einer nie zuvor gespürten Wucht und Lautstärke stimmte Adrian Smith „The Wicker Man“ an. In einem Bruchteil einer Sekunde wurde mein ganzer Körper von so unfassbar vielen Glückshormonen geflasht, dass das pure Glück mir sogar in Form von Tränen aus den Augen lief. Ich war vollkommen unfähig mich in irgendeiner Form zu bewegen, zu sprechen oder zu atmen. Aber nur wenige Augenblicke später schrie ich aus ganzem Körper, jede einzelne Silbe des Songtextes mit voller Kraft mit.

[Ein Glück für mich, dass ich bis zu dem Zeitpunkt nur ein Album von Iron Maiden kannte, nicht auszudenken was mit meiner Stimme passiert wäre, wenn ich das volle Konzert hätte mitsingen können.]

Alles war zuvor war, war vergessen. Der Streit mit meinem Vater – ausgelöscht. Noch Tage später fühlte ich mich unfassbar frei und erhaben.

In meiner neuen Welt bin ich seitdem Zuhause. Eins mit der Musik. Heavy Metal. Und absolut nichts wird dieses Band jemals zerschneiden können. Meine Andenken an diesen Tag, das Tourposter, wird ewig als Zeichen, der Erinnerung, irgendeine Wand in meiner Behausung schmücken.

Carry on

In der Schulzeit hatte ich musikalisch nicht so sehr viele Gleichgesinnte, ich konnte zwar einige zum Metal bekehren, dennoch genoss ich immer ein Dasein in einer Randgruppe, umgeben von Wenigen. Diejenigen, mit denen ich zu tun hatte – waren aber allesamt Menschen, für die ich meine Hand ins Feuer gelegt hätte.

Ich hab Metal gehört und gerne gezockt. Es war die Zeit der Lan-Partys – schlecht nur, wenn man im Jahr 2001/2002 immernoch mit dem 133MHz PC von 1995 unterwegs war und am aktuellen Geschehen einfach nicht teilnehmen konnte.

Im Rahmen intensiver Gespräche mit den PC-Freaks aus meiner Klasse, unter Berücksichtigung des knappen Budgets meines Sparbuchs und der schier unüberwindbaren Hürde, nämlich meinen Vater davon zu überzeugen, zogen mein Klassenkamerad (heute würde man Buddy oder Homie sagen) und ich los, um uns beim Computertürken neue Hardware zu kaufen.

An PCs hatte ich ja schon immer rumgeschraubt, daher war der Bau eines neuen PCs ja eigentlich keine Herausforderung für mich – denkste..

Aufgrund der Empfehlungen, der PC-Freaks, hatten mein Kollege und ich uns für ein Aufrüstkit entschieden – bestehend aus Mainboard, CPU, Kühler und Ram. Leider konnten wir beide nicht ahnen, dass wir falsch beraten wurden und unsere technischen Fähigkeiten maßlos überschätzt hatten.

Fehler Nr.1: Das Mainboard war ein Elitegroup K7S5A. Mittlerweile sowas wie eine Legende dafür, wie man Mainboards nicht baut.

Fehler Nr.2: 1995 wurden CPUs nicht sooooo warm, das man zwingend hätte Wärmeleitpaste zwischen CPU und Kühlkörper hätte verwenden müssen – 2001/2002 hätte man das aber besser schon gemacht.

Unsere Investition in ein besseres Computerspieleerlebnis – ein Desaster. Das Budget – weg.

Let us be better Lovers

All das hatte aber auch etwas ziemlich Gutes. Denn in dieser schier aussichtslosen Zeit, eröffnete direkt neben unserer Schule ein weiterer PC-Laden.

Eines Tages, nach Schulschluss, gingen mein Kollege und ich in Richtung Bushaltestelle – da blickten wir durch das, sagen wir mal, Schaufenster des neuen Computerladens. Ich kann mich nur noch wage daran erinnern, aber ich meine es lief eine Art Benchmark, auf einem Bildschirm – einfach so vor sich hin.

Neugierig gingen wir einfach mal hinein. In einem weißen, quadratischen Raum, ca. 25m² groß, mit einem gigantischen, schwarzen Eckschreibtisch mittendrin und vereinzelten Regalen an der Wand, auf denen neue Computerhardware thronte – saß er – Hermann.

Was dann geschah, mündete knapp 18 Jahre später in diesen Blog. Wir baten Hermann um einen Rat für unsere missliche Lage – und wurden nicht nur aufgeklärt, sondern nachhaltig belehrt.

Im Laufe der Zeit besuchten wir Hermann immer mal wieder in seinem Laden, lernten uns hinterher auch privat kennen und entwickelten ein solides, freundschaftliches Verhältnis. Mein Schülerbetriebspraktikum absolvierten mein Kollege und ich natürlich beide bei Hermann und wer uns die ganzen Jahre die Hardware für unsere PCs verkauft hat – liegt sicher auf der Hand.

Aber, wie schon erwähnt, spielte Hermann nicht nur in der Welt der Computer eine tragende Säule für mich. Auch Privat waren Hermann und seine Familie immer eine Anlaufstelle für mich – in, im nachhinein gesehen, einer wirklich schweren Zeit meines Lebens, war Hermann für mich da – und auch wenn er das vermutlich nie lesen wird – Hermann, ich möchte dir von ganzem Herzen dafür danken.

Dank dir, bin ich heute derjenige, der bei Computerproblemen angerufen wird. Dank dir weiß ich, dass Asus Users better Lovers sind. Und egal wie viel du auch redest, ich genieße jedes Wort davon – denn es sind ehrliche Worte, die ich sehr schätze.

Am Anfang war das Netz

Neben der Schule, den Freunden und der Zockerei – gewann das Internet an immer mehr Bedeutung. Bei ICQ hat man mal mit seinen Freunden geschrieben, manchmal hat man sich sogar wahllos irgendwen rausgesucht und einfach los gechattet. Manchmal nur um denjenigen zu verarschen, manchmal um zu flirten, manchmal um einfach nur mit irgendwem zu kommunizieren.

Die Ersten kamen dann mit ihren DSL-Flatrates um die Ecke und verbrachten plötzlich deutlich mehr Zeit im Internet. Wenn man dann selbst mal online war, hat man dann ein paar Wörter gewechselt – und dann später mit anderen Freunden draußen rumgehangen. Ohne es zu merken hatte ICQ dann teilweise die realen treffen vollkommen abgelöst. Meist hat man sich dann irgendwann mal zu einer LAN-Party verabredet, weil nicht jeder ne Flatrate hatte und spätestens dann war die Welt wieder in Ordnung.

Bei mir Zuhause herrschte das strenge Reglement meines Vaters. DSL-Flatrate gab es nicht und die Zeit am Rechner wurde stark beschnitten. Das nervte tierisch. Viel lieber hätte ich auch im Netz gehangen..

Wenn ich denn mal online war und gechattet hab, dann fühlte ich mich frei. Frei herauszuschreiben, wie es mir im Kopf herum spukte – ja, sogar Mädchen gegenüber. Das fühlte sich herrlich an und ich wollte mehr davon.

Zuhause konnte ich allerdings nicht viel mehr davon bekommen, daher wich ich bei Zeiten zu meiner Mutter aus.

Zwiespalt

Meine Mutter und ihr Lebensgefährte hatten anfangs gar keinen Computer. Durch meine Hermann-Connection war ich aber in der Lage sie zu ihrem Glück zu zwingen. Im Gegensatz zu meinem Vater, gab es bei meiner Mutter dann recht bald auch eine DSL-Flatrate.

Das Reglement bei meiner Mutter war deutlich entspannter und ich fühlte mich dort viel wohler als bei meinem Vater. Zur Scheidung meiner Eltern hatte ich mich allerdings für meinen Vater und meine gewohnte Umgebung entschieden – und die Tatsache, dass mein, zu der Zeit, tyrannischer Bruder, erstmal nicht bei meinem Vater leben würde, hatte mich zusätzlich motiviert bei meinem Vater zu bleiben.

Einige Zeit klappte das auch wirklich gut zwischen meinem Vater und mir, doch irgendwann stieß mein tyrannischer Bruder wieder zu uns – und das einst gute Verhältnis bekam einen Schlag, von dem es sich bis zum heutigen Tag nicht wirklich erholt hat.

Naja, mein Vater jedenfalls, war nicht gut auf meine Mutter und ihren Lebensgefährten zu sprechen und beharrte förmlich darauf, dass ich so wenig Kontakt wie möglich mit ihnen Pflege. Bis heute weiß ich nicht so wirklich warum das eigentlich so war – aus Angst, mir könnte es dort besser gefallen und ich könnte ich den neuen Lebensgefährten meiner Mutter Akzeptanz gegenüber bringen? Aus persönlichem Hass vielleicht? Ich weiß es nicht und ich habe bzw. werde meinen Vater auch nie danach befragen. Das alles ist schon so lange her und irgendwann muss man manche Sachen auch einfach auf sich beruhen lassen.

Meine Mutter und mein Vater lebten beide im selben Ort – nur an unterschiedlichen Enden. Da man ja früher immer von alleine rausging und sich in der Regel nicht für seine Abwesenheit rechtfertigen musste, konnte ich quasi täglich bei meiner Mutter vorbei gehen und Zeit dort verbringen. Meist hatte ich nen Kumpel dabei.

Mein Vater durfte von all dem natürlich nichts wissen – wahrscheinlich hätte er mich nach einer Tracht Prügel im Zimmer eingesperrt, wenn er gewusst hätte, dass ich mich regelmäßig bei meiner Mutter aufhalte UND ihren neuen Lebensgefährten leiden kann. So kam es halt dazu, dass ich immer einen Rucksack mit mir herumschleppte, immer in der Angst mein Vater könnte etwas bemerken. Auch meinen tyrannischen Bruder konnte ich nicht in das Tagesgeschäft einweihen – er hätte mich umgehend bei meinem Vater verpetzt. Offiziell war ich, mit meinem Bruder, nur alle zwei Wochen, jeweils am Wochenende bei meiner Mutter.

Im Laufe der Zeit war es für mich üblich nach der Schule erstmal bei meinem Vater zu sein, zu essen und Hausaufgaben zu machen – danach zu meiner Mutter zu gehen, was zu essen und rumzuhängen. Abends bin ich dann wieder zu meinem Vater gegangen. Bei meiner Mutter haben DVDs geguckt, Musik gehört, zusammen gesessen – eine herrliche Zeit. Bei meiner Mutter fühlte ich mich unbeschwert, frei – wie ein geachteter Mensch, während ich mich bei meinem Vater immer eingeengt und beklemmt gefühlt habe. Während ich immer das Gefühl hatte mit meiner Mutter über alles reden zu können – kam ich mir bei meinem Vater dazu nie in der Lage vor.

Mein Vater und ich hatten während der Trennung meiner Eltern viel zusammen durchgemacht, war ich doch sein scheinbar einziger Vertrauter in seiner Welt, die um ihn herum zusammenbrach. Oft hat mein Vater stundenlang auf mich eingeredet und über seine Gedanken und Gefühle gesprochen. Als sein Vertrauter, sind wir losgefahren um seine Verdachtsmomente zu prüfen, hab mich dazu überreden lassen, ihn als Spitzel in seinem Wahn zu unterstützen.

Der Trennungsschmerz meines Vaters – ich hab ihn voll miterlebt. Mit der Erwartung das alles Verstehen und Verarbeiten zu können wurde mir im Alter von grade einmal 13 Jahren eine hohe Last aufgelegt. Wahrscheinlich wollte ich meinen Vater auch einfach nur nicht enttäuschen..

Der ganze Druck, der Seitens meines Vaters unwissend auf mir lastete – bei meiner Mutter spürte ich nicht das geringste davon. Und solange das so blieb, lief auch alles wie am Schnürchen.

Knuddels

Immer mal wieder verirrte ich mich/ wir uns wieder ins Internet. Mein Kumpel und ich, wie wir immer bei meiner Mutter waren, saßen am Rechner und wollten spaßige Unterhaltung. Also suchten wir einen Chatroom auf um ein paar Leute zu ärgern. Die Wahl des Chatrooms fiel auf Knuddels.de, das Facebook der Antike des Internets. Mit seiner rosa Startseite und dem eher niedlich wirkenden Namen war der Chat ja wohl eher was für Weicheier und Memmen – also wollten wir mal ein wenig früh pubertäres Testosteron los werden und einem paar der dort Anwesenden auf die Eier gehen.

So meldete ich mich an, betrat einen Chatroom und nervte los. Mein Kumpel saß neben mir und beobachtete amüsiert die Show. Irgendwie entwickelte das ganze dann eine eigene Dynamik. Wir stellten fest, dass gar nicht so viele Idioten in dem Chat waren – sondern durchaus nette Leute. Das Chatten dort hat Spaß gemacht – zumindest mir. Künftig erwischte ich mich immer wieder dabei, wie ich den Chat besuchte und Stunden dort verbrachte.

Aus Stunden wurden dann aber immer mehr Stunden. Die Anzahl meiner Chatfreunde wuchs stetig an. Mittlerweile hatte ich einen Lieblingschatroom und lernte die Vorzüge von Knuddels zu schätzen. Man konnte ja schließlich nicht nur Chatten, sondern sich auch virtuell küssen, Spiele spielen und so langsam aber sicher sein Profil füllen. Das Chatleben hatte einen Sinn.

Je nach Anzahl verbrachter Zeit im Chat, stieg der Rang der Mitgliedschaft an – und mit jedem neuen Rang, eröffneten sich neue Möglichkeiten. Es fühlte sich an wie ein RPG – versteckt hinter seinem Chat-Nickname, auf der Suche nach netten Kontakten und nebenbei immer darum bemüht das eigene Profil aufzumöbeln.

Die einzelnen Chatrooms wurden von Moderatoren überwacht, die Moderatoren waren Admins unterstellt – und an oberster Stelle standen die Systemadmins, der heilige Gral.

Moderatoren und Admins wurden sehr demokratisch, durch die Stimmvergabe der Stammchatter, des jeweiligen Chatrooms (und davon gab es viele Verschiedene) gewählt. Moderator oder gar Admin zu werden – das war ein Zeichen des Vertrauens seiner Community.

Offenbar habe ich es geschafft jenes Vertrauen zu gewinnen, denn lange Zeit war ich sowohl als Moderator – und sogar eine Zeit lang als Administrator im Chat unterwegs. Wahrscheinlich ein Zeichen von Führungsstärke?! Zumindest rede ich mir das bis heute ein.

Neben dem Chat gab es auch ein Chat-eigenes Forum, hier wurde kontrovers diskutiert. Die Welt von Knuddels war ein eigener Mikrokosmos. Tatsächlich habe ich es durch meine Beiträge und mein Engagement auch geschafft im Forum als Moderator ernannt zu werden und war in der Zeit der Herr des Kritik-Subforums. Gern wäre ich auch irgendwann einmal Forums-Administrator geworden, jedoch war ich nicht so geduldig. Als ich meinen Rücktritt als Moderator erklärt hatte, seufzen meine Kollegen und ehrten meinem Abgang dadurch, dass sie mich eigentlich immer schon als künftigen Administrator gesehen haben.

Ein schöneres Zeichen der Anerkennung kann es ja wohl kaum geben.

Virtuelle Nähe

Im Chat selbst habe ich viele interessante Menschen kennengelernt, mit einigen davon habe ich sogar jetzt, lang nachdem ich den Chat für immer hinter mir gelassen habe, noch Kontakt.

Meine Unfähigkeit dem anderen Geschlecht meine Gefühle zu offenbaren hielt aber auch anfangs noch im Chat stand. Unter meinen Chatfreunden waren natürlich auch die ein oder anderen Mädchen dabei. Mit Einer davon habe ich mich besonders gut verstanden. Offen und ehrlich haben wir stundenlang miteinander gechattet und Blödsinn mit den Anderen getrieben.

Im Chat standen wir uns wirklich sehr nah und irgendwie fühlte es sich wie damals an.. Allerdings lagen zwischen uns allen ca. 300 KM Entfernung – an echte Nähe war also gar nicht zu denken. Wie kann das sein, das man sich zu jemandem hingezogen fühlt, den man noch nie gesehen und erlebt hat?

Einige meiner Chatfreunde stammten alle aus dem gleichen Ort und kannten sich untereinander auch in „echt“ – eines wahnwitzigen Tages kamen wir dann auf die Idee, dass ich zu Ihnen kommen soll. Gesagt, getan. So fuhr ich mit dem Zug bis hinter Köln und besuchte meine Chatfreunde. Es war ein sensationell schönes Wochenende, fortan haben wir uns sogar häufiger getroffen. Gegenüber meiner virtuellen Flamme war ich allerdings wieder nicht in der Lage den ersten Schritt zu gehen. Wieder wartete ich ab, wieder kam er nicht von ihr.

Mit meiner Kölsch-Connection hatte ich aber immer eine Menge Spaß. Ihnen ist es zu verdanken, dass ich mich jemals intensiver mit den Böhsen Onkelz auseinander gesetzt habe. In der Musik, der Onkelz fand ich mich immer wieder – also wenig verwunderlich, dass die Onkelz seitdem ein Teil meiner neuen Welt sind.

Situationskomik: Mein bester Chat-Kumpel wurde eines Abends von ein paar Mädchen darauf hingewiesen, dass er „nervt“ – darauf hin fing er an zu weinen. Den gesamten nächsten Tag habe ich damit verbracht ihn nicht nach allen Regeln der Kunst auszulachen – bis zum Abend habe ich tatsächlich durchgehalten, obwohl es wirklich schwer war, danach folge der Lachflash meines Lebens.

Die Zeit verging, die Wunden heilten. Immer häufiger chattete ich mit einzelnen Personen und hatte das Gefühl etwas besonderes zu spüren. Wie auch bei

Michaela.

Michaela hieß im Chat „Path“ und hing immer im Gothik oder Metal Chatroom rum. Hin und wieder war ich auch dort, schließlich war ich ja auch Metaler – allerdings konnte ich mich in das Stammpublikum nie einleben. Bei einem der Aufenthalte lernte ich „Path“ kennen und wir haben über sehr lange Zeit, sehr intensiv miteinander geschrieben. Offenbar fühlten wir uns beide so sehr miteinander verbunden, dass wir gar die drei magischen Worte ausgetauscht haben. Ohne das wir uns je persönlich gegenüberstanden, ohne, dass ich je ein Bild von ihr sah, ohne auch nur einmal mit ihr telefoniert zu haben – nur aufgrund von Worten in einem Chatfenster.

Das ganze ging so weit, dass wir uns dann endlich mal treffen wollten – kurze Zeit vorher bekam ich sogar ein Bild von ihr. Was ich da sah, gefiel mir allerdings mal so gar nicht. In mir machte sich eine tiefe Enttäuschung breit. Alles was ich bis dahin positives fühlte – war mit einem mal wie ausgestorben. Als meine echten Freunde das Bild sahen, brachen Sie in höhnisches Gelächter aus – war der Termin für unser Treffen doch schon fix.

Fassungslos saß ich da und wollte im Erdboden versinken – wie konnte jemand, mit dem ich mich so verbunden fühlte, nur so aussehen?! In „Echt“ hätte ich einer Person wie Michaela keinen Blick nach geworfen – aber offensichtlich musste ich feststellen, dass innere- und äußere Schönheit nicht Hand in Hand gehen – das frustrierte mich.

Am Tag des Treffen wollte ich am liebsten irgendwo versinken und eine Woche verschollen bleiben. Michaela wollte mit dem Zug kommen und sich telefonisch bei mir melden. Weil ich ja kein Unmensch bin, hätte ich das Treffen vermutlich durchgezogen – doch das Schicksal wollte es anders. Ein Treffen hab es nämlich nicht, denn offenbar hat Michaela meine Telefonnummer falsch notiert und ist nach diversen, gescheiterten Versuchen dann wieder nach Hause gefahren.

Später im Chat war Michaela natürlich sehr sauer auf mich, weil sie dachte, ich wär nicht ran gegangen – jedoch konnten wir die Sache aufklären und uns versöhnen. Auf das habe ich innerlich natürlich gar keinen Wert mehr gelegt – für mich war die Nummer gelaufen. In den kommenden Wochen ist der Kontakt immer mehr eingebrochen, was auch daran lag, dass ich schon jemand neues zum Träumen gefunden hatte – diesmal sogar mit Bild.

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So nannte sie sich im Chat. Auf dem Foto sah sie zuckersüß aus und ihre liebliche Art mit mir zu schreiben hat mich vollkommen wahnsinnig gemacht. Wieder fühlten wir uns auf einer besonderen Ebene miteinander verbunden. Allerdings stellten die Mischung aus ihrem Alter und der enormen Entfernung ein unüberwindbares Hindernis dar. Sie war auch die Erste, die dann den Kontakt zu mir abgebrochen hat – und es brach mir das Herz. Ich war so frustriert und wütend, dass ich am liebsten gestorben wäre. Ich wollte nie wieder online kommen, um ja nie wieder irgendwen kennenzulernen und noch einmal der Liebe Leid erleben muss.

So muss es sich anfühlen, wenn man im Knast sitzt und nicht beeinflussen kann, ob seine Frau da draußen grade mit dem Cousin durchbrennt. Die Hölle – und man sitzt ganz allein darin.

Ich ging aber natürlich wieder online und irgendwann hatte ich mich auch wieder gefangen. Dazu beigetragen hatte eine ganz besondere Person, Andrea.

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.. war ihr Name im Chat. Sie war schon einige Zeit im selben Chatroom wie wir und daher kannten wir uns schon flüchtig.

Mein Kumpel, mit dem ich damals immer bei meiner Mutter rumgehangen hab, tummelte sich zeitweise auch im Chat rum und Andrea hatte einst ein Auge auf ihn geworfen.

Mein Kumpel war aber viel schlauer als ich und gab auf all das was im Chat passierte nicht so viel, bei mir war das ja – wie ihr sicherlich bemerkt habt, anders. Ich war im Chat zuhause, hier konnte ich sein wer ich sein wollte – immer.

Nachdem mein Kumpel nicht wirklich auf Andrea angesprungen war, schien sie sehr enttäuscht zu sein. In der Zeit begannen wir intensiver miteinander zu schreiben. Anfangs lief das ganze auch noch recht normal ab, so wie Stammchatter nun mal miteinander umgehen – doch im Laufe der Zeit entwickelte sich zwischen Andrea und mir auch wieder diese Besonderheit. Wirklich viel kann ich  gar nicht mehr zu ihr sagen, wir haben halt beide die selbe Musik (in dem Fall Onkelz) gehört, waren beide einsam und ansonsten wüsste ich nicht, was uns großartig verbunden hat.

Eines Tages hatten wir beschlossen, dass wir uns unbedingt mal treffen müssen. So kam Sie mich besuchen. Der Besuch war allerdings nicht, wie von unzähligen anderen Treffen in der Vergangenheit gewohnt – denn Andrea durfte mich nur in Anwesenheit ihrer Mutter besuchen. Selbstverständlich haben die beidem im Hotel übernachtet – und jeder Schritt wurde streng überwacht.

Die Nummer war gleichermaßen frustrierend wie amüsant. Viel Interessanter war aber, dass Andrea wirklich nicht zu den gesprächigsten Menschen gehörte. Aus der Vergangenheit hatte ich ja den Schluss gezogen, dass die Optik sehr wohl eine Rolle spielen kann, Andrea sah auf dem Foto schon sehr gut aus – und in echt war sie für mich überwältigend schön anzusehen.

Während wir eines Nachmittags durch die Stadt gezogen sind, spürte ich immer wieder das Verlangen sie zu umarmen und in ihrer Nähe zu sein – habe es aber nicht getan. Ich war hin und weg von ihr – aber es war unser aller erstes Treffen und wir kannten uns zwar theoretisch, praktisch war das jedoch alles viel komplizierter.

In Kino schauten wir uns damals „Die Insel“ an, ein schöner Film. Mit ihr zusammen dort zu sein fühlte sich wieder enorm wunderbar an. Ich hatte mir gewünscht, dass der Film niemals endet..

Als ich Andrea an dem Abend am Hotel abgesetzt hab, war ich wie in einem Rausch aus Glücksgefühlen und Unsicherheit. Wir schrieben noch ein paar SMS – und spätestens dort war klar, dass wir exakt gleich empfanden.

Leider ist so ein Wochenende nicht besonders lang und natürlich endete es, ehe es für uns wirklich begonnen hatte. So fuhren Andrea und ihre Mutter wieder gen Heimat – während ich frustriert und traurig zurück blieb.

Sehnsucht stellte sich ein und wir beschlossen, dass ich zu ihr kommen soll. Natürlich würde ich nicht bei ihr Zuhause, sondern im Hotel wohnen – aber das war nur eine kleine Unannehmlichkeit – hautpsache bei ihr. So fuhr ich also mit dem Zug in die Nähe von Frankfurt und wir verbrachten wieder Zeit miteinander. Anfangs lief noch alles sehr zurückhaltend, der reale Knoten war irgendwie noch nicht geplatzt. Ich, nach wie vor nicht dazu in der Lage den ersten Schritt zu machen, verzweifelte und frustrierte ein wenig. An einem heißen Sommertag im Jahr 2005 verirrten wir uns in Andreas Heimat ins Freibad. Wir hatten allerdings keine Badesachen dabei – wer konnte das schon ahnen. Also saßen wir schweigend nebeneinander, auf einer Wiese, umgeben von einer Schar an Badegästen. Ihr Bruder schaute auch mal kurz vorbei, den kannte ich bis dato allerdings nicht und die beiden schienen auch kein sonderlich gutes Verhältnis zu haben. Wieder in befremdlicher Zweisamkeit saßen wir weiterhin da – jeder wartete geduldig ab, jedoch war Andreas Geduld kurz drauf wohl zu ende und sie näherte sich mir an und lag anschließend in meinem Arm. Das Eis war gebrochen. Der Knoten geplatzt – aus zwei wurde Eins. Ab diesem Moment waren wir unzertrennlich. Und es fühlte sich so unglaublich schön an.

Die restliche Zeit verbrachten wir, hauptsächlich schweigend, eng beieinander. Wo auch immer wir waren – hauptsache so nah wie möglich zusammen. Im Grunde gaben wir uns nichts – nur Nähe, aber die allein hat sich so gut angefühlt, dass ich sie nicht im Traum gegen irgendetwas auf der Welt eingetauscht hätte.

Wir trafen uns regelmäßiger, wurden intimer, waren glücklich und wurden wieder auseinander gerissen. In Zeiten ohne eigenes Geld, kann man eben nicht jedes Wochenende nach Frankfurt fahren – so kam nach jeden Hoch auch immer ein Tief. Eins wusste ich aber genau, denn wenn ich neben ihr lag und sie ansah, war Andrea für mich die schönste Frau der Welt.

Jessy

.. war die Tochter der Nachbarn, die über meiner Mutter wohnten. Ein wirklich hübsches Mädchen mit einem tollen Körper, äußerst freundlich, nett und aufgeschlossen. Meine Kumpels und ich sind Jessy regelmäßig begegnet und hin und wieder haben wir auch mal zusammen rumgehangen. Ich hatte zu Jessy ein sehr freundschaftliches Verhältnis. Oft war es amüsant zu beobachten, wie sie quasi wöchentlich einen anderen Typen als ihren Freund präsentierte. Mein einer Kumpel, also der, auf den Andrea mal stand, hatte immer ein Auge auf Jessy geworfen, aber Jessy hat ihn nie ran gelassen – ihn immer wieder an ihr scheitern zu sehen hatte etwas sehr belustigendes.

Ob es der Plan des Herrn war, oder Jessys – ich weiß es nicht. Jedenfalls entwickelte sich zwischen Jessy und mir ein gewisses, leidenschaftliches Feuer. Natürlich nur unter der Woche, am Wochenende war ich ja meist mit Andrea beschäftigt.

Als Andrea eines Sonntags wieder nach Hause fuhr und ich tot traurig in meinem Zimmer saß, kam Jessy vorbei. Wir verbrachten mehrfach etwas Zeit miteinander und gaben uns schlussendlich der Leidenschaft hin.

In den Momenten des Geschehens fühlte sich für mich alles super an. Nach einem Kuss hätte ich sogar beinah die drei Worte gesagt. Es fühlte sich in dem Moment alles absolut richtig an und das erste Mal hatte ich echt das Gefühl, dass auf ein hoch – kein Tief mehr folgen muss. In dem Moment, an dem ich Andrea am meisten gebraucht hätte, war Jessy für mich da. Was plausibel klingt, hätte aber dennoch nicht geschehen dürfen.

Was im Detail danach passierte kann ich gar nicht  mehr so genau sagen, jedenfalls erlosch das Feuer zwischen Jessy und mir und ich entschied mich Andrea nichts davon zu sagen. Wie konnte auch ausgerechnet MIR das passieren? Dem, der unfähig ist seine Gefühle auszudrücken. Der, der froh sein kann überhaupt eine Beziehung zu haben – hintergeht seine Freundin mit der Nachbarin.

Wenn ich ehrlich bin, habe ich mich nicht deswegen nie wirklich schlecht gefühlt. Wie auch? Schließlich konnte ich mir mein eigenes Handeln ziemlich plausibel erklären. Ich bin auch froh, dass zwischen Jessy und mir danach nichts weiter vorgefallen ist – so können wir uns heute noch in die Augen gucken und gemeinsam lachen.

Der Anfang vom Ende

Später konnten wir uns auch tatsächlich „alleine“ miteinander treffen und ich durfte bei ihr im Haus (nicht aber im selben Zimmer) übernachten, häufig verbrachten wir die Zeit bei ihr auch im Haus ihrer Großmutter. Wie lang die Beziehung mit Andrea noch gehalten hat, das kann ich gar nicht mehr genau sagen. Den Jahreswechsel hat sie aber definitiv noch überstanden. So richtig kaputt gegangen ist das Ganze erst, als Andrea sich irgendwie verändert hat. Sie hörte plötzlich andere Musik und chattete mit anderen Leuten. Das gefiel mir nicht und den Zorn meiner Eifersucht ließ ich sie gnadenlos spüren. Die heile Welt hatte irgendwie eine Delle bekommen und all der Schmerz und die unbeantworteten Fragen ließen sich über diese Distanz nicht so einfach aus der Welt räumen. Wieder kam ich mir vor wie im Knast – und meine Freundin drohte mit dem nächst besten Typ durchzubrennen.

Ich hätte los lassen müssen, doch ich wollte es nicht. Jeden Preis hätte ich bezahlt um alles wieder so machen, wie es einmal war. Doch es war zu spät und ich kämpfte weiter – auf verlorenem Posten.

In meinem Wahn habe ich Andrea im Chat nachgestellt, Sie hatte einen Typ aus Kassel kennengelernt. Nur ein Chat-Freund, schrieb sie. Doch das konnte ich zu dem Zeitpunkt nicht mehr glauben.

Eines Samstags dann, von Andrea kein Sterbens Wort. Sonst immer Online – an jenem Samstag gab es von Andrea keine Spur weit und breit. Keine SMS, keine Antwort. Panisch rief ich ihre Mutter an und fragte nach, die Mutter berichtete mir, Andrea wär mit ihrer Freundin in der Stadt – shoppen. Kann man glauben, aber das Gefühl ließ mich nicht los, dass irgendwas nicht stimmt.  Der Typ aus Kassel war ebenfalls nicht online – Verdachtsmoment.

Unter falscher Identität und unter einem Vorwand nahm ich dann Kontakt zu einem der Chat-Freunde des Kasslers auf – und siehe da, er traf sich mit Andrea und berichtete später in seinem Status fröhlich darüber, wie gut sie küssen kann.

Wiederholt brach meine Welt zusammen. Voller Wut und Frust rief ich zuerst wieder bei Andreas Mutter an, um sie zu informieren, danach rief ich Andrea an – um sie zur Rede zur stellen. Das Gespräch mit Andrea hätte ich mir natürlich sparen können, denn, wie immer hat sie nicht viel gesagt und die meisten Antworten hatte ich mir ja bereits selbst erkämpft. Allerdings fühlt es sich dann doch nochmal ein bischen besser an, wenn man die Bestätigung der anderen Seite erfährt.

Den Herzschmerz habe ich dann zwar eine ganze Weile mit mir herum getragen und schwer gelitten, aber im Großen und Ganzen habe ich damit abgeschlossen. Von meiner zierlichen Andrea, die nie groß geredet hat, hätte ich so ein Verhalten nicht erwartet. Ich war in meinen Grundfesten erschüttert.

Nochmal würde ich keine Beziehung mit so einer Distanz eingehen wollen. Das ständige auf und ab zerrt schon sehr am Nervenkostüm und man ist unfassbar anfällig für Missgeschicke. Fernbeziehungen, als reine Zweckgemeinschaft – das kann funktionieren, solange Gefühle dabei nur eine sekundäre Rolle spielen.

Meine Naivität und die Angst vor dem Alleinsein hat auch dafür gesorgt, dass ich mein Missgeschick gar nicht wirklich realisiert habe, dabei hätte spätestens da schon die Reißleine gezogen werden müssen. In einer intakten Beziehung küsst man nicht einfach so jemand anderes, schon gar nicht schläft man einfach so mit jemand anderes. Wenn man all diese Momente für sich bewertet, stelle ich fest, dass ich mich seinerzeit in einer Illusion verlaufen habe.. Am Ende stand ich also wieder genau so allein da, wie vorher auch, aber es fühlte sich viel schlimmer an. Mein verzweifelter Kampf hat mich viel Kraft gekostet.

All das hat mich verändert. Vertrauen zu fassen fiel mir jetzt viel schwerer, viel häufiger sah ich nur noch das Negative um mich herum und vor allem wollte ich von Gefühlen und deren Offenbarung wirklich rein gar nichts mehr wissen.

down depressed and lonely

Seit dem Beginn meiner Geschichte waren jetzt gute 6 Jahre vergangen.  Inzwischen hatte ich die Realschule erfolgreich hinter mit gelassen und aufgrund mangelhafter Eigeninitiative keinen Ausbildungsplatz. Nach der Realschule besuchte ich dann die Berufsfachschule für Elektrotechnik, schließlich strebte ich immer einen technischen Beruf an. Da die Schulpflicht mit dem 18. Lebensjahr endet und ich auch später wirklich keine Lust mehr auf den Stoff hatte – beendete ich das Projekt Fachabi vorzeitig.

Was dann passierte? Das Leben hat einige Kapitel noch gar nicht zu Ende geschrieben, Andere hingegen sehr wohl.

Ich bekam einen Halb-Bruder. Mein Vater hat eine neue Frau gefunden. Aufgrund des immer schwieriger werdenden Verhältnisses zwischen meinem Vater und mir, zog ich bei meiner Mutter ein – und eine tonnenschwere Last fiel von meinen Schultern. Im Chat gab es nun auch einen lokalen Chatroom. Ich lernte mein Schicksal kennen. Wurde in einen Beruf gedrängt und machte das Beste daraus. Und vieles mehr.

Fortsetzung folgt…

 

 

 

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