Der selbe Mond

Klägliche Kälte. Die Nacht, ein breiter Schatten legt sich friedlich über die Stadt. Stille.

Blumenduft, lieblich und unverkennbar. Der Dämon tanzt in weiter Ferne auf einer großen Wiese umgeben von Bäumen, derern Blätter Zungen sind.

Leiser Gesang. Phantastische Melodie. Ein herrliches Feuer knistert. Betört von tausend Stimmen gibt er sich dem hin.

In weiterer Ferne – ein Riese. Gewaltig anzusehen, strotzend vor Kraft. Stark genug den Dämon wie eine Made zu zerquetschen. Komm näher. Bitte geh nicht fort..

Der Riese nähert sich. Der Blumenduft erreicht eine neue Intensität. Sein majestätischer Anblick im Licht des Feuers bringt die innere Spannung zur totalen Entladung.

Ein neuer Ort. Wohltuende Leichtigkeit. Weit und breit kein Dämon zu sehen. Ein Moment lang totale Unbeschwertheit. Mehr davon, bitte lieber Riese – lass mich für immer hier..

Ein Blick in das schönste Blau. Der Riese trägt mich auf seinen Schultern durch die endliche Dunkelheit. Jede Sekunde – eine Stunde lang.

Da ist es – am Horizont. Das Feuer steigt weiter auf und verschlingt langsam den Schatten der Nacht. Wärme. Der ganze Körper glüht. Federleicht.

Doch der Riese hadert. Mein immer stärker wachsendes Gewicht auf seinen Schultern zwingt ihn in die Knie. Riese – geh noch nicht. Zweifel.

Die Reise war zuende. Von den Schultern des Riesen springe ich auf die Blumenwiese. Friedlich ruht der Dämon unter einen Baum. Eingerollt, wie eine Katze. Der liebliche Duft verfliegt.

Da bin ich wieder, mein alter Freund. Furchtlos. Unbeschwert. Müde. In vollkommener Stille hört man den Baum leise singen.

In der Ferne, schemenhaft – der Riese. Bald schon ist er nicht mehr zu sehen. Ich spüre das wiederliche Grinsen des Dämon, während er mich mit einem Auge, zusammengerollt, ansieht.

Der Mond. Eine Straße ist zu sehen – eine Weile gehe ich sie entlang. Ohne Ziel. Stundenlang. Taghell. Langsam gleitet die Wärme heraus.

Mitten im Nirgendwo – ein altes Haus. Die Tür steht auf, doch es ist nicht meins. Ich gehe hinein – wohltuende Wärme. Aus einem Fenster in der Küche sehe ich den Dämon im Vorgarten auf der Wiese umhertollen.

Eine Weile lang sitze ich da und beobachte den Dämon, wie er im Licht des Mondes seinen eigenen Schatten jagt. Während ich im Tagtraum auf den Schultern des Riesen sitze, entgleitet meinem geschundenen Körper die letzte Kraft…

Es ist ruhig geworden. Still und kalt. Der einzige Duft ist der, der letzten Zigarette. Durch einen winzigen Spalt in der Tür strahlen mich die leuchtend roten Augen des Dämons sehnsüchtig an.

Ich gehe hinaus. Gemeinsam schauen wir zum Himmel hinauf – da ist er; weiß und prächtig. Sein Licht strahlt mit ganzer Pracht und kann doch die Dunkelheit nicht verdrängen.

Ein leiser Ruf nach Morgen, der Sonnenaufgang naht – schon bald sehen wir uns wieder, der selbe Mond, ein anderer Tag… Die letzten Sekunden der Nacht. Der selbe Traum; die selben Zweifel, die selbe Hoffnung, die selben Hindernisse. Der selbe Riese, der selbe Dämon – das selbe alte Haus, das nicht meins ist.

Gefangen. Eine Schleife des Wahnsinns umgibt mich. Kaum ist mehr möglich den Traum von der Wahrheit zu unterscheiden. Ein Traum in schwarzer Nacht und weißen Mond. Das Ende naht, denn ich gebe auf. Ich habe verloren.

Stolz der Erkenntnis ziehe ich allein mit meiner Fackel weiter auf der Straße, die nur das Mondlicht erhellt – doch jetzt sehe ich mehr..

 

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