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Liebe Leser, heute feiere ich mein Coming-out. Der Tinker – ein Romantiker. Verliebt in das rythmische Klackern eines Relais, während der Autofahrt. Verliebt in die fließende Bewegung der Scheibenwischer. Verliebt in klassische Technik.

Heute reden wir nicht über so einen billigen Scheiß, den man im Media Markt kaufen kann..
Nein, heute geht es um ehrliche, deutsche Wertarbeit. Qualität – MADE IN GERMANY.

 Gegenwärtig

Berufsbedingt bin ich ja leider immer mal wieder dazu gezwungen auch mal modernere Autos zu fahren. Es tut mir in der Seele weh, denn jedes Mal auf’s Neue muss ich feststellen, dass ich kein Auto mehr fahre – sondern einen Computer bediene..

Ich tippe auf den Blinker – und das sonst so herrlisch rythmische Klackern des Blinkerrelais – Geschichte. Abegelöst durch ein moduliertes Geräusch, das aus einem qualitativ minderwertigen Lautsprecher, irgendwo im Bereich des Kombiinstruments, ertönt.

Es regnet, der Scheibenwischer schaltet von alleine ein. Offensichtlich hat man nach 100 Jahren Automobilbau festgestellt, dass man dem Fahrer die Entscheidungshoheit über den Scheibenwischer nicht weiter anvertrauen kann.
Ein Dilemma. Nicht nur, dass der Wischer von selbst wischt – er arbeitet jetzt auch anders.  Der Wischermotor – nicht länger simpel bestromt, sondern durch aufwendige Steuerungen angetaktet. Auch das sagt mir nicht zu.

All diese Widrigkeiten bleiben mir in meinem 99er Golf zum Glück verborgen und niemals käme es mir in den Sinn, ein durchmoduliertes mein Eigen zu nennen.

Steigender Funktionsumfang, sinkende Qualität – verminderte Haltbarkeit – geplante Obsoleszenz. Die Zerstörung durch Fortschritte der Technologie.

Die Welt will konsumieren. Am Besten muss man alles haben und alles gleichzeitig machen. Haben, haben, haben. So billig wie möglich. Hauptsache ich habe VIEL und immer die MÖGLICHKEIT alles zu tun, falls, ja falls mal der unwahrscheinliche Fall eintritt.

Man kauft sich alles, kostet ja nichts, benutzt es aber nicht – man hat ja auch keine Zeit. Ständig klingelt das Smartphone und in der Whatsapp-Gruppe, der Abschlussschulklasse von 1997, steigen hitzige Diskussionen rund um den toten Hund, der 1995 auf der Klassenfahrt zur Jugendherberge in Detmold an der Straße lag.
Schon wieder ne Stunde vorbei. Jeden Tag.

Währenddessen sitzen in China die kleinen Menschen auf ihren Eimern in riesigen Fabriken und produzieren neue, billige Staufänger aus feinstem Plastik für euer Wohnzimmer. Kann man ja mal gebrauchen.

Einst

Qualität – Made in Germany. Das ist ein Satz, den hört man oft – aber mittlerweile muss man mit dieser Aussage seehr vorsichtig sein.

Grundig, Telefunken, Blaupunkt, Metz – das verbindet man mit Made in Germany.
All diese Unternehmen sind heute nur noch Markennamen. Alles wo jene Namen heute draufstehen, ist Quantität – Made in China drin.
Giganten der deutschen Wirtschaft. Große Arbeitgeber. Was bleibt ist eine Markenrechtslizenz und jede Menge Elektroschrott.

Früher ging man ja eher nicht in den Media Markt, sondern zum örtlichen Fernseh-Fritzen. Da hat Omma auch schon seit 30 Jahren ihre Geräte gekauft.

Der örtliche Fernseh-Fritze – das war meist ein Radio-/Fernsehtechniker. Der Herr über ein Massaker aus Widerständen, Kondensatoren, Röhren und Kabeln.
Im Gegensatz zum Media Markt war es hier zwar immer viel teurer – aber dafür war die Beratung viel besser. Es gab auch sowas wie eine Reparaturwerkstatt für Geräte und wirklich, echten Service von Menschen, die Ahnung haben von dem was sie da tun.

Früher, da waren die Menschen noch misstraurisch gegenüber so dubiosen Konglomeraten wie dem Media Markt  „Lieber geh ich dahin, wo auch Omma schon immer hingegangen ist, da bezahl ich lieber ein paar Mark mehr“

Radio-/ Fernsehtechniker sind mittlerweile fast komplett ausgestorben. Den örtlichen Fernseh-Fritzen findet man auch nur noch sehr selten. Zu Groß die Gier der Massen, sich der Verlockung aus Fernost zu widersetzen und stattdessen auf bewährte Qualität zu setzen.

Fernseher und Radios, früher hielten die über 20 Jahre. Und wenn dann mal kaputt ging, dann konnte der lokale Fernseh-Fritze immer weiter helfen.
Mittlerweile kann man froh sein, wenn ein moderner Fernseher noch 2 Jahre über die Garantie hinaus funktionsfähig ist.
Aber was macht man dann? Is egal, kauf ich halt nen Neuen, Größeren. Der Alte, Defekte kommt in den Müll – an seinem Endlager in Afrika, kann sich dann ein fleißiger kleiner Neger, mit fliegen im Gesicht, vom Verkauf der ausgebauten Innereien vielleicht ne Scheibe Brot kaufen..

Diese ganze Konsum-Gier hat aber nicht nur das Radio-/Fernsehtechniker Handwerk zerstört. Szenarien wie das Obige finden täglich auch in vielen anderen Bereichen statt:

  • Wurst und Fleisch kauft man nicht mehr beim örtlichen Metzger.
    Lieber kauft man abgepackte Scheiße im Supermarkt, weil es 50 cent billiger ist. Herkunft? Unbekannt & egal. Arbeitsbedingungen beim Produzenten? Unbekannt & egal.
    Hauptsache – fressen. Immer rein damit.
  • Brot & Backwaren kauft man auch lieber abgepackt im Diskounter oder der SB-Bäckerrei.
    Ist ja schließlich zuviel verlangt nen paar Cent mehr pro Ware zu bezahlen. An den paar Cents hängen Jobs von Fachverkäuferinnen und schlussendlich auch vom Bäcker und seinem Laden.
    Lieber für nen Euro eben nen Pfund im Aldi kaufen. Der Großbäcker beschäftigt die Sklaven dort für den Mindestlohn – hauptsache euch schmeckts.
  • Schuster – ausgestorben. Lieber nen paar Schuhe bei Deichmann für 25 € kaufen – durchlatschen und wegwerfen.

Aber immer über den vielen Müll jammern. Müll. Überall Müll. Die armen Ozeane – so voller Müll.
Jammern auf hohem Niveau, während man sich dann Zuhause ne Kaffeekapsel in seinen Automat schiebt.

Meet & Greet

Stellt euch mal vor, damals hat man sich sogar mal beim Bäcker oder dem Metzger – getroffen und geredet.
Heute kaum noch vorstellbar. Da gibt man seinen Einkauf mal eben bei Amazon durch und checkt dann, ob die Geschichte um den toten Hund in der WhatsApp-Gruppe aufgelöst werden konnte.

Direkte – unmittelbare – KOMMUNIKATION. Man spricht (!!) mit einem anderen Menschen.
Manchmal mach ich das einfach auf der Straße – die Reaktion der Leute ist sensationell.
Frauen reagieren meist so panisch, die Rufen direkt bei der Polizei an und melden einen sexuellen Übergriff.
Männer hingegen fragen mich dann direkt nach meinem Problem, um wenige Sekunden später wieder den Blick auf’s Gorilla-Glas zu senken.

Kritik. Die Welt braucht das.
Versucht doch mal jemanden zu kritisieren – der fängt direkt an zu weinen und bekommt ein Burn-Out. Jahrelang Berufsunfähig.
Die Meisten sind gar nicht mehr in der Lage sowas wie Kritik überhaupt verstehen zu wollen – viel zu heile ist die Welt vor dem 55 Zoll Bildschirm vom Media Markt, der grade aus der Garantie gelaufen ist.

Erstmal irgendwo rum sitzen, erstmal irgendwo hin fahren. Weg sein. Zwischendurch mal ne Bifi fressen und die Welt ist in Ordnung.
Solang alle anderen die Schnauze halten, halte ich die Schnauze erst recht. Als nächstes kauf ich mir dann nen 65 Zoll Display.

Der Ich-Mensch gefangen in den Unweiten des Konsums. Schaufelt sich sein eigenes Grab.
Unfähig über seinen eigenen Schatten zu springen. Unfähig zu kommunizieren. Unfähig Veränderungen herbeizuführen. Unfähig einzusehen.

Der gierige Ich-Mensch war es, der den Schuster um seinen Stand brachte. Der gierige Ich-Mensch war es, der Qualität – Made in Germany für Quantität aus Fernost geopfert hat.
Und das um nur einige Beispiele zu nennen. Denn dem gierigen Ich-Mensch wird noch so einiges zum Opfer fallen – und Jahre später wird dann wieder gejammert „Ohhh früher war alles viel besser„.

Manchmal verstehe ich die Angst der Leute nicht, sie könnten eines Tages von Robotern ersetzt werden… Ihr macht euch grade doch selbst dazu.

 

 

 

 

 

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