Mental Omega

Liebe Leser,

mit meinem heutigen Blogeintrag widme ich mich einem sehr persönlichen Thema und hoffe wieder einmal, ein Bewusstsein schaffen zu können.
Ein Bewusstsein dafür, dass man nicht nur mit den Augen sehen kann. Ein Bewusstsein dafür, wie der Schmetterlingseffekt wirken kann und das man selbst lieber nicht derjenige sein will, der die Flügel schlägt.

chronisch 

Ich nehme an, dass jeder von euch jemanden kennt, der an einer chronischen Krankheit leidet – oder ihr gar zum Opfer gefallen ist.
Asthma, Rheuma, Herz-Kreislauf, Neurodermitis, Diabetes, Krebs.

Wer mal eine Erkältung hatte, der weiß wie es sich anfühlt krank zu sein. Eine Erkältung klingt zum Glück nach ein bis zwei Wochen wieder ab – eine chronische Krankheit bleibt. Für immer.
Und im schlimmsten Fall fühlt sich ein jeder Tag eines chronisch Kranken genau so an, wie ihr euch bei einer Erkältung fühlt..

Allerdings könnt ihr das natürlich alle auch nachvollziehen. Schliesslich machen viele der chronischen Krankheiten den Betroffenen ja auch sichtbar krank – und meist glaubt man ja nur was man auch mit den eigenen Augen sehen kann.

Es schmerzt sehr seine eigene Mutter, nach einer Krebs-Therapie, ohne Haar sehen zu müssen.
Es schmerzt sehr, zu sehen, wie ein geliebter Mensch leidet.
Es schmerzt sehr, wieder einen Mensch zum Grabe zu tragen, der den Kampf verloren hat.

Diesen Schmerz kennt leider jeder von euch. Verlust.
Eine Zeit lang fragt man sich selbst, was man hätte tun können, damit es dem Betroffenen vielleicht besser geht / gegangen wäre. Fühlt sich elend und leer.
Man realisiert eine kurze Zeit, wie schön es ist gesund zu sein und kehrt dann in den Alltag zurück.

imagine this

Sich elend und leer fühlen – das ist beileibe kein Zustand, in dem man sich lange befinden möchte. Das wird jeder nachvollziehen können.
Doch es gibt Menschen, die befinden sich dauerhaft in diesem. Auch diese Menschen sind krank. Doch niemand realisiert es.

Depressionen. Eine chronische Krankheit, die wirklich eine ist – aber nicht als diese wahrgenommen wird, dabei leidet ein Betroffener jeden Tag fürchterlich. Für das Auge unsichtbar.

Zu sehen ist nur ein Haufen Elend. Antriebslos, freudlos, lustlos, zurückgezogen.

Für das sehende Auge sind diese Symptome leicht zu verwechseln mit schlechter Laune, Faulheit oder Verschrobenheit.

Nichts, worüber man sich Gedanken machen müsste. Das geht nach zwei Wochen schon von selbst wieder weg. Geht ja jedem mal so. Soll sich mal nicht so anstellen. Muss sich mal zusammen reißen. Das wird schon wieder.

Das, meine lieben Leser, sind die absoluten größten Fehleinschätzungen, die ihr einem chronisch Depressiven gegenüber äussern könnt oder denken solltet.

Wer von euch schon mal richtigen Liebeskummer hatte, der kann vielleicht im Ansatz nachvollziehen, wie sich ein an Depressionen leidender Mensch über viele Jahre hinweg fühlt.

understand this

Depressionen sind sehr vielfältig. Mal eine längere Zeit schlecht drauf ein, oder mal kein Bock zu haben – das hat mit Depressionen nicht zu tun.

Chronische Depressionen dauern viele Jahre an, sie kommen und gehen. Die Ursache beschränkt sich auch nicht immer nur auf einen Vorfall, sondern auf ein großes Konstrukt aus einem hohen Level an negativem Stress, Angst, mangelhaften Selbstwertgefühl, verletztem Vertrauen und weiteren, meist persönlichen Vorfällen, die dem ganzen dann noch die Krone aufsetzen..

Merke: Es gibt niemals nur das eine Problem.

Der Depressive ist nicht immer nur total down, viel mehr oszilliert seine Stimmung um den Nullpunkt. Wobei der Nullpunkt für einen Depressiven schon eher als ein guter Tag zu bezeichnen ist. Eine Grundstimmung gibt es nicht.
Wie gut – oder wie schlecht ein Tag ist – also quasi die Amplitude der Oszillation, um dem Nullpunkt, ist nie vorhersehbar.

Einem super Tag können zwei ganz miese Wochen folgen. Ebenso kann ein angebrochener, mieser Tag – immernoch ein super Tag werden. Manchmal ist man sogar zwei Wochen lang richtig gut drauf und reißt in der Zeit ganze Bäume aus. Im Fachkreis spricht man dann von einer Manie.

Bei einer Manie ist man aber nicht grad mal kurz geheilt, sondern weiterhin krank. Denn nach einer Hoch-Phase – folgt immer wieder ein tiefes Tief.

Es muss auch nicht immer irgendwas besonderes vorgefallen sein, warum ein super Tag dann plötzlich scheiße wird. Manchmal sieht man kurz die Sonne – und schon ist ein mieser Tag wieder gut. Manchmal scheint die Sonne und man will lieber den ganzen Tag im Bett liegen bleiben und in Embyonalstellung die Wand anstarren.

An einem solchen Tag oder in einer solchen Phase hilft auch gut zureden nichts. Der Depressive ist dann nicht in der Lage sich selbst zu helfen – er will es, aber kann es nicht.

Es ist auch niemals schon wieder irgendwas – es ist immer das Gleiche. Der Depressive befindet sich in einem geschlossenen Kreis und jagt seinem eigenen Schwanz nach.

Merke: Für einen Depressiven ist jeder Tag ein Kampf gegen eine unüberwindbare Hürde in seinem Kopf. Manchmal schafft er es ein Stück hoch zu klettern, manchmal rutscht er wieder ab. Manchmal sitzt er oben drauf,  manchmal steht er unten vor und hat keine Ahnung wie man klettert oder springt.

Die Verkettung der ungünstigsten Umstände, die zur chronischen Depression führen, liegen stets in der Vergangenheit und nie in der Zukunft.
Ein Depressiver hat nur an mehreren, aufeinanderfolgenden guten Tagen eine vage Vorstellung von der Zukunft.
Es sind meist extrem komplexe und detaillierte Vorstellungen, eng verzweigt – und am besten müssen alle davon zeitgleich ablaufen, damit der Depressive soviel positive Energie, wie nur eben möglich aus den Situationen ziehen kann.

Merke: Ein Depressiver will nicht depressiv sein. Häufig steht er sich selbst im Weg.

An schlechten Tagen sieht er absolut schwarz. Eine Zukunft existiert in diesem Moment nicht. Zu sehr quält der Tag mit dem unsäglichen Leid, der Vergangenheit.
Es fällt an diesen Tagen unwahrscheinlich schwer sich festzulegen oder zu entscheiden, keine Vorstellung von der Zukunft – keine Entscheidungsfreude. Irgendwie logisch.

In diesen Phasen strebt der Depressive nach maximalem Freiraum. Im Umkehrschluss fühlt er sich von allem eingeengt. Dieses Gefühl, der Enge, kann zu Kurzschlussreaktion führen. Ebenfalls sind Depressive in diesen Phasen häufig gereizt und genervt.

An dieser Stelle irgendwelche Diskussionen oder Streitgespräche anzufangen, ist für den Depressiven ein Anlass sich nur noch schlechter zu fühlen, denn in diesen Phasen wird ausschließlich Negatives absorbiert.
Im Endeffekt wird sich der Depressive auch aufgrund von Streitgesprächen möglicherweise noch Wochen später schlecht fühlen.

Merke: Wenn man weiß, dass ein Depressiver in einer schlechten Phase steckt – dann nimm darauf Rücksicht. Dem Depressiven ist es viel mehr geholfen, wenn man ihn versucht mit nem lockeren Gespräch aufzuheitern, als ihm vorzuführen, wie scheiße er ist – denn Eins muss euch klar werden – der Depressive fühlt sich so, weil er sich selbst für Scheiße hält – das braucht ihm dann niemand weiter unter die Nase reiben.

thin line between life and death

Wer ständig darüber grübeln muss, warum man selbst Scheiße ist und nach maximalem Freiraum strebt, der denkt zwangsläufig daran sich das Leben zu nehmen. Denn nirgends genießt man mehr Freiheit, als six feet under.

Ein Depressiver braucht das auch nicht von langer Hand zu planen, ihm reicht dazu eine banale Situation, in einer Phase des Tiefs.

Auf der Maloche war nur Stress, zuhause wartet noch mehr Arbeit – dann sitzt man gemütlich mit ner Dose Bier auf der Couch – die scheiß Dose rutscht einem aus der Hand und Bier läuft auf Hose.
Der gesunde Mensch flucht, trocknet die feuchten Stellen, zieht sich ne frische Hose an und macht weiter.
Der Depressive flucht, steht auf um ein Trockentuch zu holen und überlegt gleichzeitig nicht direkt aus dem Fenster zu springen. Entweder springt er dann tatsächlich, oder trocknet wenigstens die Hose ab – ne frische Hose anziehen würde bedeuten, dass man die dreckige Hose ja waschen müsste – das wäre wieder mit Arbeit verbunden. Zwang.
Den Rest des Abends denkt er dann darüber nach, wie es sich wohl anfühlt zu springen und ob das Fenster überhaupt hoch genug liegen würde.

Der Grat zwischen Ich springe einfach, dann ist es endlich vorbei und dem, zumindest in Ansätzen, Handeln wie ein normaler Mensch ist verdammt schmal.

Es ist wenig förderlich einen Depressiven in einer tiefen Phase irgendwo unter Druck zu setzen. Es reicht sogar schon recht wenig Druck – um die Entscheidung zwischen Springen und Abtrocknen fliessend werden zu lassen.

Grundsätzlich lässt sich der Depressive nur ungern in irgendwas hinein zwingen. Bei Aktivitäten, die ihm Missfallen, denkt er mitunter zwangsläufig irgendwann mal daran eben vom Viadukt zu springen.

Im Kopf herrscht eben sehr viel mehr Verkehr, als es üblicherweise sein sollte. Autos fahren nicht die Straße entlang und biegen am Ende links oder rechts ab – nein, im Kopf, des Depressiven biegt das Auto links ab, rechts ab und fährt zusätzlich noch geradeaus weiter und wendet auf der Kreuzung. Alles zugleich. Aus einem banalen Szenario entstehen gewaltige Gedankenströme, die alle analysiert und miteinander verglichen werden wollen – jeder zusätzliche Parameter kann dann schon am Ende eine ziemlich gute oder eine ziemlich schlechte Reaktion hervorrufen.
Die Flucht vor diesen ganzen Gedankenströmen, die alle sehr viel Energie kosten? Die Embryonalstellung im Bett – und das anstarren der Wand.
Das es bei all dem Chaos nur umso verständlicher ist von einer Brücke zu springen liegt da beinah näher, als in Erwägung zu ziehen, dass der Depressive ohne Hilfe das Verkehrschaos in seinem Kopf beseitigen kann.

Dos & Don’ts

Wer bis hier hin einigermaßen folgen konnte, der wird sicherlich festgestellt haben, dass man, neben der eigentlichen Wahrnehmung der Krankheit, auch ein gewisses Einfühlungsvermögen, im Umgang mit dem Kranken, beweisen sollte.

Ein Depressiver muss nicht in Watte gepackt werden, aber er braucht lediglich die richtige Balance aus Freiheit und Verpflichtung. Flexibilität ist Trumpf.

Es bringt nichts einem Depressiven eine Freunde machen zu wollen, wenn man sich nicht zu 105 % sicher ist, dass der Depressive sich auch darüber freut.
Depressive Menschen können sich bei weitem nicht über alles freuen und sind hinterher eher enttäuscht von sich selbst, dass sie sich nicht darüber so freuen konnten, wie es das gegenüber möglicherweise erwartet hat.
Das zieht wieder einen Rattenschwanz nach sich, dass den Depressiven schwer belastet.
Es ist niemals seine Absicht irgendwo ein Leid zu verursachen – das kann er sich selbst nicht verzeihen.

Depressiven ist Anerkennung von Leistungen und Eigenschaften sehr wichtig. Wie oben schon geschrieben besitzt ein Depressiver kaum Selbstwertgefühl und hadern ständig mit sich selbst. Depressive brauchen immer ein Feedback. Dieses kann durchaus auch mal negativ ausfallen. Dass die Dosis hierbei nicht zu harsch ausfallen sollte, dürfte aufgrund des sehr schmalen Grats hoffentlich klar sein. Der Depressive wird sich jede Kritik, im wahrsten Sinne des Wortes, zu Herzen nehmen.

Die Vergangenheit war schwer genug, daher sollte man es tunlichst vermeiden, den Depressiven an irgendeiner Stelle im Regen stehen zu lassen (das gilt selbstverständlich auch für den Umgang mit gesunden Menschen).
Der Depressive will nicht depressiv sein, darum nimmt er jede noch so kleine Chance auf Besserung auch als eine Art Erlösung wahr.
Wenn man denkt, dass man eine Million Euro im Lotto gewonnen hat und sich schon mal ein Haus für diese Summe kauft – hinterher aber feststellt, dass die Lottogesellschaft nicht zahlen wird – hat man eine Million Euro schulden. Diese muss man den Rest seines Lebens abbezahlen.
Der Depressive braucht genau so lange, um eine neuerliche Enttäuschung zu verarbeiten…

Depressive brauchen Unterstützung. Sie brauchen Hilfe dabei zu vergessen und zu verarbeiten. Sie brauchen einen Sinn im Leben. Einen Sinn, den sie auch wollen. Für diesen Sinn würde der Depressive alles geben. Ausnahmslos. Der Depressive will geben und er muss nehmen. Mal mehr, mal weniger.
Ein Depressiver weiß, was er will und er braucht es sofort. Der Moment, in dem durch einen schmalen Spalt, das Licht einer hoffnungsvollen Zukunft auf die dunkle Seele scheint, ist der Einzige, an dem er es schaffen kann, die Hürde in seinem Kopf zu überwinden. Sei keine Bremse, sondern eine Hilfe.
Es geht dabei um das richtige Leben bzw. das Überleben. Eine Stunde deiner Zeit, hilft dem Depressiven möglicherweise sich eine Woche lang gut zu fühlen und Kraft zu tanken.

Kleinere und größere Veränderungen sind für einen Depressiven extrem anspruchsvolle Aufgaben, die jede Menge Kraft erfordern. Kraft, die mühselig über sehr lange Zeit zusammen gekratzt werden muss.
Auch wenn gewisse Handlungen nicht immer auf den ersten Blick nachvollziehbar sind, sie haben ihren triftigen Grund. Gründe, die man zumeist erst lernen muss zu verstehen.
Depressive nehmen sich viel, viel mehr Zeit zum Überlegen und wägen sämtliche Konsequenzen sehr sorgfältig ab. Versucht nicht das Handeln nachzuvollziehen, das könnt ihr nicht. Fragt einfach nach und vorverurteilt nicht. Ein Depressiver erweckt nicht den Anschein, aber er will reden. Wenn er auch grade nicht über sich sprechen möchte, dann ist so eine Hass-Predigt zumindest ein guter Anfang, die Stimmung, für ihn, etwas anzuheben.

outro

Für Jemanden, der selbst seit Jahren die ständigen Aufs und Abs am eigenen Leib erfahren muss, ist jeder Tag eine sehr spezielle Herausforderung. Man entdeckt das große Ganze und lernt das Punktuelle zu schätzen.
Zwei Situationen sind niemals gleich, aber immer besonders.

Diesen Beitrag habe ich in einem Tief geschrieben. Hätte ich ihn in einer Hoch-Phase geschrieben, würde jetzt ein Tief folgen – das weiß ich. Zu lang schon bin ich auf der Suche und zu lang schon analysiere ich Tag für Tag enorme Datenmengen und male mir meine Welt selbst schwarz an.
Vielleicht folgt ja jetzt ein Hoch – wer weiß das schon.
Der Verlauf einer Krankheit ist selten vorhersehbar, aber am Ende wäre jeder froh wieder gesund zu sein und seine Medizin gefunden zu haben (vorausgesetzt man bekommt sie auch).

Das Heilmittel für Depressionen? Der Sinn des Lebens. Einen Sinn, den man in jeder Konsequenz tragen will. Für den es sich lohnt. Immer.

Tabletten können Symptome lindern, aber keinen Wert vermitteln. Keine Kommunikation ersetzten und nicht dabei helfen, sich selbst zu helfen.
Denn schlussendlich weiß nur der Depressive selbst, was der Sinn seines Lebens sein kann – und auch wenn es unter Umständen sehr lange dauert und dem Weg durch die Hölle gleicht – der Kampf für den Sinn, ist der Kampf gegen die Depression.

#ichwillnichtkranksein

Danke.

 

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