Doomed

Wir schreiben den 25. April 1986.

Ein Tag wie jeder andere.
Niemand konnte zu diesem Zeitpunkt ahnen, dass sich sein Leben in den nächsten Stunden radikal und für immer verändern würde.

Niemand hätte ahnen können, dass eine Verkettung der ungünstigsten Umstände zu einer Katastrophe mit biblischen Ausmaßen führen könnte.

Niemand hätte es wahrhaben wollen.

Prypjat.

Die im Jahr 1970 in der Oblast Kiew gegründete Stadt erstrahlt als durchgeplantes Prestige-Projekt der ehemaligen Sowjetunion in vollem Glanz.

Eine junge Stadt – gegründet für die Arbeiter und deren Familien, unweit des Kernkraftwerks W. I. Lenin. Durchschnittsalter der Einwohner: Sechsundzwanzig Jahre.
Eine Stadt voller Leben.
Eine Stadt voller Zuversicht.
Eine Stadt mit Zukunft.
Die Zukunft lag in der Atomenergie.

Niemand blieb.

„Das Atom sei Arbeiter und nicht Soldat!“…

…so steht es in riesigen Lettern auf dem Dach des hinteren Hauses im Ortskern von Prypjat – sowohl Forderung als auch Mahnung, dass die Atomenergie nicht für feindvernichtende Zwecke verwendet werden soll. Die hoffnungsvolle Zukunft.
Man soll wohl vermutet haben, dass Atomenergie ihre Gefahren birgt, aber man hat nicht mit dem gerechnet, was kam.

Den bis dato rund fünfzigtausend Einwohnern in der eigens für sie angelegten Stadt mangelte an nichts.
Bildung, Geschäfte, Kultur, Sport, Spiel – jeder kam auf seine Kosten; vielseitige Beschäftigungen waren vorhanden, Langeweile hätte es nicht gegeben.

Vogelgezwitscher, Kindergeschrei. Gespräche, Gelächter.

Auch während nur drei Kilometer weiter das Schicksal besiegelt wurde, trug man im Avanhard-Stadion Wettkämpfe aus, genoss im Schwimmbad „Azure“ das kühle Nass, verweilte im „Hotel Polissya“…

…oder man trank einen Kaffee im „Café am Hafen“ und genoss den Blick auf den Fluss Prypjat – eben jener Fluss, der der Stadt ihren Namen verlieh…..

Auch mit den anstehenden Feierlichkeiten zum „Tag der Arbeit“ am 1. Mai sollte in diesem Jahr eigens ein kleiner Vergnügungspark für die Arbeiter des Kraftwerks und ihre Familien eröffnet werden.

Wer konnte schon ahnen, dass die Verkettung ungünstigster Umstände im Rahmen eines Sicherheitschecks, der eigentlich weit vor der Inbetriebnahme des Kraftwerks hätte stattfinden sollten, schlussendlich das Schicksal einer ganzen Stadt besiegeln sollte?

Das Atomkraftwerk Tschernobyl war geplant, das grösste Kraftwerk der Welt zu werden, mit insgesamt zwölf Reaktoren. Die zu diesem Zeitpunkt im Bau befindlichen Reaktorblöcke fünf und sechs sollten die Stadt bereits auf ca. achtzigtausend Einwohner wachsen lassen.

Der Reaktorblock fünf und der dazu gehörige Kühlturm waren bereits weitestgehend fertig gestellt, der Kühlturm des Reaktors sechs noch im Bau – dem Betrieb weiterer Reaktoren hätte nichts mehr im Weg gestanden.

In der Nacht auf den 26. April 1986 ereignete sich um 01:23, im Rahmen eines geplanten Sicherheitstest, der sogenannte Super-GAU. Dieser Systemtest sollte klären, ob der Reaktor die Zirkulation des Kühlwassers nach einer Notfallabschaltung aufrecht erhalten könnte. Um die Kühlung des Reaktors zu gewährleisten, sollten die auslaufenden Turbinen – Pumpen antreiben, bis der Notgenerator nach Abschaltung dieses übernehmen würde.
Aufgrund eines bekannten Fehlers bei der Konstruktion der RBMK-1000-Reaktoren musste jedoch der Reaktor für fünfundsiebzig Sekunden ohne Kühlwasserversorgung auskommen. Dieses bot genug Zeit, um durch die entstehende Hitze, ein katastrophales Versagen herbeizuführen.

Es gab nicht genügend Kühlwasser im Reaktorkern, wodurch sich Dampfblasen entwickelten. Die hierdurch erhöhte Reaktorleistung, die mehr Wasser in Dampf im Kern verwandelte, führte zu einer Kettenreaktion. Der Kern überhitzte, und die Energieproduktion stieg innerhalb von Sekunden auf fünfhunderdreissig Megawatt an. Der Dampfdruck erhöhte sich innerhalb kürzester Zeit so stark, dass radioaktives Material ins Kühlwasser austrat und die Kanäle für die Brennelemente rissen. Die Energieproduktion stieg plötzlich auf dreissig Gigawatt an..
…Zehnmal mehr als die reguläre Energieleistung.

Der Reaktor im Gebäude vier des W. I. Lenin Kraftwerks explodierte. Die Detonation riss die eintausenfünfhundert Tonnen schwere Reaktorabdeckung ab, sodass der Reaktorkern völlig offen lag; drei Sekunden später kam es zu einer zweiten Explosion, da aufgeheizte Brennelemente der Luft ausgesetzt waren. Teile des Reaktors verteilten sich auf einem grossen Gebiet; das Ausmass der Zerstörung wurde jedoch erst bei Sonnenaufgang sichtbar.

Stundenlang loderte der Reaktorkern lichterloh und stieß seine hochradioaktiven Emissionen in die Atmosphäre.
Ehe eine Mischung aus Sand, Lehm, Bor, Dolomit und Blei dem Brand vorerst Einhalt gebieten konnte, vergingen viele Stunden.

Stunden, in denen die Bewohner des drei Kilometer entfernten Prypjat keine Ahnung hatten, während sie in ihren Häusern und Wohnungen weiterhin ihrem normalen Leben nachgingen, als wäre nichts geschehen…

Erst Stunden nachdem in Finnland, Schweden und Dänemark ein erhöhter radioaktiver Strahlenwert festgestellt wurde (ausgegangen davon, dass aus den eigenen Reaktoren radioaktives Material ausgetreten sei), gab man den Einwohnern Prypjats bekannt, dass es einen Unfall im Kraftwerk gegeben hat; dennoch wurden sie selbst am Tage danach nicht auf die Gefahren der Strahlung hingewiesen und erhielten keine Jodtabletten, um deren Effekten entgegen zu wirken – bereits wenige Stunden nach dem Unfall lag das Strahlungslevel in der Stadt zweihundertausendfach höher als normal.

Während nur drei Kilometer weiter das Ausmaß der Katastrophe längst traurige Gewissheit fand, sah man sich in Moskau zum Schutz der Einwohner Prypjats, erst am 27. April zum Handeln gezwungen. Gegen vierzehn Uhr wurde der Befehl zur Evakuierung gegeben. Über eintausenfünfhundert Busse, in fünfundzwanzig Kilometer langen Schlangen, waren im Einsatz, um die Bewohner an einen sicheren Ort zu bringen.

„Den Einwohnern wurde mitgeteilt, nur das Nötigste einzupacken,
mit dem Hintergedanken, dass sie innerhalb von drei Tagen wieder
zurückkehren würden.“

Doch niemand blieb.
Und (fast) niemand kam jemals zurück.

In den folgenden Tagen, Wochen, Monaten und Jahren wurde Prypjat das Basislager für die sogenannten Liquidatoren. Ihre Aufgabe bestand darin, den angerichteten Schaden, unter Einsatz ihres eigenen Lebens, in Grenzen zu halten.

Mit der unsichtbaren Gefahr im Nacken wurde Möglichstes getan, um Mensch, Tier und Pflanze vor dem weiteren Unheil radioaktiver Strahlung zu schützen. Eine Sperrzone mit einem Radius von 30 Kilometern um den havarierten Reaktorblock 4 wurde eingerichtet.

Die Rauchsäule, in Folge des brennenden Reaktorkerns, verseuchte nicht nur die Stadt Prypjat, sondern weite Teile Europas und der ehemaligen Sowjetunion.

Neben den armen, unwissenden Feuerwehrleuten und Kraftwerksmitarbeitern, die durch die Katastrophe auf qualvolle Art und Weise innerhalb kürzester Zeit verstorben sind, forderte die Katastrophe im Rahmen der Schadensbegrenzung zahllose weitere Todesopfer, die bis heute nahezu unerwähnt bleiben.

Den Helden, Profis und denen, die die Welt geschützt haben vor der Atomkatastrophe.
In Gedenken an den 20. Jahrestag der Schutzkonstruktion
.“

Heute erinnert nur ein Denkmal in unmittelbarer Nähe von Reaktorblock vier, der nun unter seinem neuen Sarkophag schlummert, an diese aufopferungsvollen Menschen.

Langzeitfolgen, vierunddreissig Jahre nach der missglückten Störfall-Simulation in Reaktorblock vier, sind bis heute nicht ausreichend nachvollziehbar. Todesfälle und Krebserkrankungen – über die exakte Anzahl, die sich auf jene Katastrophe am 26. April 1986 zurückführen lässt, können auch die besten Wissenschaftler nur mutmaßen.

Auch mehr als dreissig Jahre später liegen die Strahlungswerte ein Vielfaches über dem tragbaren Niveau.
Dennoch darf man nicht vergessen, dass auch einige Menschen in ihre Häuser innerhalb der Sperrzone zurückgekehrt sind.
Ohne fließendes Wasser. Ohne Strom.

Doch sie leben. Und sie bleiben.
Ernähren sich durch selbst angebautes Gemüse,
gepflanzt im verseuchten Boden der Sperrzone.

Die Selbsteinsiedler, zumeist Frauen, die liebevoll „Babushka“ genannt werden, bauen den Grossteil ihrer Lebensmittel selbst an. Diese werden von der Strahlenschutzbehörde regelmässig auf ihre Belastung kontrolliert; ebenso das Wasser, welches sie zentral zapfen können.
Man sagt, dass mit jedem Jahr, das seit der Katastrophe vergangen ist, die Radioaktivität einen Zentimeter tiefer im Boden sickere. Dementsprechend soll das durch die Babushkas angebaute Gemüse geringere Belastungswerte aufweisen als das, was auf den Märkten in der entfernterem Umgebung angeboten wird; ebenso soll das ihnen zur Verfügung gestellte Wasser sauberer sein, als das, was durch die Leitungen Kiews fliesst.

Nach Prypjat hingegen kehrt kein Leben zurück.
Kein Vogelgezwitscher, kein Kindergeschrei.
Keine Gespräche, kein Gelächter.

Jahr für Jahr holt sich Mutter Natur ein Stück der einstigen Modellstadt zurück und fordert so ihren Lohn an der Schande, hervorgerufen durch menschliches Versagen.

Wo einst Menschen lebten, Kinder spielten – gelehrt, gelacht, geweint und geliebt wurde, bleibt nichts – ausser Stille.

Stille – und die Erinnerung an das gnadenlose Versagen von Menschen, die versuchten, eine Technologie zu beherrschen, die nicht beherrschbar ist.

Wir schreiben den 23. November 2020.

Vierunddreissig Jahre später.
Die missglückte Störfallsimulation und die katastrophalen Folgen am Reaktorblock vier im Kernkraftwerk W. I. Lenin, sind allgemein unter dem Namen „Tschernobyl“ in die Geschichte eingegangen.

Doch neben Prypjat sind viele weitere Orte der Sperrzone zum Opfer gefallen..

Mit diesem Beitrag möchte ich all denjenigen danken und all diejenigen würdigen, die ihr Leben geopfert und aufs Spiel gesetzt haben, um weiteren Schaden abzuwenden.

Fortune, fame, mirror vain – gone insane..
..but the memory remains..

Disclaimer

Inspiration, Bearbeitung und Bildmaterial zur Verfügung gestellt und durchgeführt von Kati-Pix.
Vielen Dank für die Zusammenarbeit.

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