Kausalität

Ursache & Wirkung.

Ich stoße mich – es schmerzt.

Zustand A tritt ein – Wirkung B ist die Folge.

Ein Stein fällt  – eine Scheibe zerbricht.

Ursache und Wirkung. Allgegenwärtige Faktoren. Faktoren der Zeit. Faktoren des Seins.

Ein Rückblick. Wir befinden uns in B und analysieren A.

Was wäre wenn?

Wie hätte B sein können, wenn A abweichend wäre?

Kausale Ketten. Wo wäre ich jetzt, wenn Ereignisse vor einem halben Jahr nicht eingetreten wären?

Weil der Junge, der nicht hätte hier sein sollen – einen Glühwurm fing, konnte es ein Mädchen zwei Straßen weiter nicht. Das Mädchen musste viel weiter raus, sodass ihr Vater sie nicht mehr finden konnte. Auf seiner Suche nach seiner Tochter, fuhr er im strömenden Regen eine Straße entlang. Ein anderer Junge kreuzte die Straße und der Vater, auf der Suche nach seiner Tochter, konnte nicht mehr rechtzeitig bremsen. Ein tragischer Zwischenfall. Tod.

Die Ursache – ein Fakor, der niemals hätte sein dürfen. Die Wirkung  – tragisch. Doch wer brachte den Jungen, der nicht hätte sein sollen, her?

Ereignisse, die eintreten. Gründe, die geschaffen wurden. Folgen, die resultierten. Wer übernimmt die Verantwortung  für das Geschehene?

Der Vater, der in ein Paralleluniversum reist, um einen Jungen zu holen, der nicht in diese Welt gehört? Der Junge, der ein Glühwurm fängt? Die Tochter, die sich zu weit entfernt? Der andere Vater, auf der Suche nach seiner Tochter?

Ursache – Wirkung. Das sind Faktoren, von denen nur die Wirkung wirklich offensichtlich ist – die Ursache ist, bleibt und wird immer ein Rätsel sein.

 

Forsaken

Die letzten knapp 30 Tage war ich ungeplant offline. Es waren aber nicht  nur belanglose Tage für mich, sondern Zeit eine Bilanz für mein Leben zu ziehen und die Weichen für die Zukunft zu stellen.

Untitled

Die ersten Nächte in meiner eigenen Wohnung waren ungewohnt. Nicht nur die Stille, auch das Alleinsein und der Staub haben mich wahnsinnig gemacht.

In der ganzen Wohnung gibt es keine Jalosien, meine Tage beginnen jetzt viel früher und subjektiv gesehen vergeht auch die Zeit viel langsamer.

Ich schlafe schlecht, werde oft wach. Tagsüber fühle mich elend und leer. Mühseelig überwinde ich den inneren Schweinehund um die Arbeit im Haushalt zu erledigen.

In meinem Badezimmer kann man sich nur schlecht die Haare waschen,  darum trag ich jetzt Glatze. Mein Spiegelbild ertrage ich seitdem zwar etwas lieber, mögen tue ich es dennoch nicht.

Ständig beschleicht mich das Gefühl, dass all die Worte, die maßgeblich zu meiner Entscheidung beigetragen haben doch nur wieder in einer Enttäuschung münden werden. Der Gedanke daran ist nur schwer zu ertragen.

Oft habe ich wach gelegen und überlegt, ob einige Kapitel vielleicht schon zuende geschrieben wurden und ob ich es vielleicht einfach nicht glauben wollte? Fällt das loslassen so schwer, oder überwiegt die Enttäuschung?

Ich weiß es nicht. Ich habe gehofft, dass es sich vielleicht von selbst aufklärt – 30 Tage lang. Es wurde nicht besser. Es hat sich nichts aufgeklärt – ich will nicht, aber ich muss loslassen.

Beinah jeden Tag hatte ich den selben Ohrwurm. Chop Suey. 30 Tage lang – und jetzt auch noch. I don’t think you trust – in – my – self righteous  suicide.  I – cry – when Angels deserve to die.

In der  Vergangenheit hatten solch Langzeit-Ohrwürmer immer einen tieferen Sinn.

Why have you forsaken me? In your eyes forsaken me – in your thoughts forsaken me – in your heart forsaken me? 

Forsaken / Verlassen – dann fiel es mir endlich auf. Das was mich verlassen hat war sowohl mein Glaube, als auch meine sonst so unendliche Geduld.

Warten. Abwarten. Zeit. Alltag. Es kotzt mich so sehr an und ich will es nicht mehr. Ich ertrage das rum-eiern nicht mehr. Ich will Nägel mit Köpfen und keine Dampfplauderer.

Alles was bis hierhin war ist ab jetzt Geschichte. Ich habe alles gründlich hinterfragt. Beobachtet und einen Schluss gezogen. Wer oder was nicht mitziehen will, kann gehen. Wer nicht gehen will, soll kämpfen. Die Zeiten des Wartens, des Hinterherlaufens und des zu Kreuze Kriechens – vorbei.

Wenn man wirklich etwas ändern will, dann muss man  unbequeme Entscheidungen  treffen. Vielleicht auch mal eine Falsche, doch den Weg in mein neues Leben gehe ich nicht mehr mit Lügen – sondern beim geringsten Zweifel –  allein.

 

Der selbe Mond

Klägliche Kälte. Die Nacht, ein breiter Schatten legt sich friedlich über die Stadt. Stille.

Blumenduft, lieblich und unverkennbar. Der Dämon tanzt in weiter Ferne auf einer großen Wiese umgeben von Bäumen, derern Blätter Zungen sind.

Leiser Gesang. Phantastische Melodie. Ein herrliches Feuer knistert. Betört von tausend Stimmen gibt er sich dem hin.

In weiterer Ferne – ein Riese. Gewaltig anzusehen, strotzend vor Kraft. Stark genug den Dämon wie eine Made zu zerquetschen. Komm näher. Bitte geh nicht fort..

Der Riese nähert sich. Der Blumenduft erreicht eine neue Intensität. Sein majestätischer Anblick im Licht des Feuers bringt die innere Spannung zur totalen Entladung.

Ein neuer Ort. Wohltuende Leichtigkeit. Weit und breit kein Dämon zu sehen. Ein Moment lang totale Unbeschwertheit. Mehr davon, bitte lieber Riese – lass mich für immer hier..

Ein Blick in das schönste Blau. Der Riese trägt mich auf seinen Schultern durch die endliche Dunkelheit. Jede Sekunde – eine Stunde lang.

Da ist es – am Horizont. Das Feuer steigt weiter auf und verschlingt langsam den Schatten der Nacht. Wärme. Der ganze Körper glüht. Federleicht.

Doch der Riese hadert. Mein immer stärker wachsendes Gewicht auf seinen Schultern zwingt ihn in die Knie. Riese – geh noch nicht. Zweifel.

Die Reise war zuende. Von den Schultern des Riesen springe ich auf die Blumenwiese. Friedlich ruht der Dämon unter einen Baum. Eingerollt, wie eine Katze. Der liebliche Duft verfliegt.

Da bin ich wieder, mein alter Freund. Furchtlos. Unbeschwert. Müde. In vollkommener Stille hört man den Baum leise singen.

In der Ferne, schemenhaft – der Riese. Bald schon ist er nicht mehr zu sehen. Ich spüre das wiederliche Grinsen des Dämon, während er mich mit einem Auge, zusammengerollt, ansieht.

Der Mond. Eine Straße ist zu sehen – eine Weile gehe ich sie entlang. Ohne Ziel. Stundenlang. Taghell. Langsam gleitet die Wärme heraus.

Mitten im Nirgendwo – ein altes Haus. Die Tür steht auf, doch es ist nicht meins. Ich gehe hinein – wohltuende Wärme. Aus einem Fenster in der Küche sehe ich den Dämon im Vorgarten auf der Wiese umhertollen.

Eine Weile lang sitze ich da und beobachte den Dämon, wie er im Licht des Mondes seinen eigenen Schatten jagt. Während ich im Tagtraum auf den Schultern des Riesen sitze, entgleitet meinem geschundenen Körper die letzte Kraft…

Es ist ruhig geworden. Still und kalt. Der einzige Duft ist der, der letzten Zigarette. Durch einen winzigen Spalt in der Tür strahlen mich die leuchtend roten Augen des Dämons sehnsüchtig an.

Ich gehe hinaus. Gemeinsam schauen wir zum Himmel hinauf – da ist er; weiß und prächtig. Sein Licht strahlt mit ganzer Pracht und kann doch die Dunkelheit nicht verdrängen.

Ein leiser Ruf nach Morgen, der Sonnenaufgang naht – schon bald sehen wir uns wieder, der selbe Mond, ein anderer Tag… Die letzten Sekunden der Nacht. Der selbe Traum; die selben Zweifel, die selbe Hoffnung, die selben Hindernisse. Der selbe Riese, der selbe Dämon – das selbe alte Haus, das nicht meins ist.

Gefangen. Eine Schleife des Wahnsinns umgibt mich. Kaum ist mehr möglich den Traum von der Wahrheit zu unterscheiden. Ein Traum in schwarzer Nacht und weißen Mond. Das Ende naht, denn ich gebe auf. Ich habe verloren.

Stolz der Erkenntnis ziehe ich allein mit meiner Fackel weiter auf der Straße, die nur das Mondlicht erhellt – doch jetzt sehe ich mehr..

 

Big Pictures

Neulich Abend habe ich mich tatsächlich dazu herabgelassen und auf Pro7 um 20:15 Uhr Galileo Big Pictures eingeschaltet.

Gezeigt wurde eine Bildfolge, die unter dem Thema „gigantisch“ lief.

Wer mal reinschauen will – hier es geht um Big Picture Nr. 3

Eins der vielen Bildern zeigte das Sonnensystem und wahrlich gigantische Planeten. Unter anderem wurde erklärt, dass Planeten dazu neigen sich vor ihrer Implosion aufzublähen – die eigentliche Implosion nehmen wir Erdlinge als Sternschnuppe am Nachthimmel wahr.
Es wurden Planeten mit gigantischen Ausmaßen gezeigt, weit weg von unserer schönen Erde – um ein Vielfaches größer als unsere Sonne.

Das Entscheidende aber war, dass berichtet wurde, dass auch die Sonne eines Tages implodieren wird und die Erde dabei mit in das unendliche NICHTS reißen wird.

Der Zeitraum „eines Tages“ wurde auf 5 Milliarden Jahre beziffert. 5 Milliarden Jahre – das ist für einen Mensch, der nur knapp 100 Jahre alt wird natürlich weit weg, oder?

Was wenn die sich verrechnet haben?

Was ist das Leben, so wie wir es leben, noch wert, wenn die Erde nächste Woche Dienstag von der implodierenden Sonne verschluckt wird?
Was kann man von sich behaupten in seinem Leben lebenswertes getan zu haben, angesichts der Tatsache, dass es zwangsläufig eines Tages enden wird?

Was ist all das Geschaffene auf der Erde wert, wenn es eigentlich gar nichts wert ist?

100 Jahre oder 5 Milliarden. So oder so – eines Tages wird all das hier nichts mehr sein. Mir stellt sich da die Frage – wer nimmt sich da das Recht heraus und ordnet die Menschen einem System unter und entscheidet darüber, wie das Leben zu sein hat?

Wie kann man mit der Tatsache normal weiter leben, wenn man weiß, dass in lächerlichen 5 Milliarden Jahren einfach nichts mehr sein wird?

Was passiert nach dem Tod? Was passiert nach dem Tod, wenn es gar keine Erde mehr gibt? Muss ich davor Angst haben? Gibt’s in 5 milliarden Jahren überhaupt noch Menschen?

Was kann ich bei Lebzeiten mit meinem Leben anfangen? Ist es wirklich der Sinn des Lebens, sich beliebigen Faktoren wie Geld und Zeit unterzuordnen?
Ist es nicht viel eher mein Recht und meine Pflicht den Lebewesen um mich herum die bestmöglichen Lebensbedingungen zu bieten, die ihr endliches Leben auf der Erde so annehmlich wie möglich machen?

Ich bin ehrlich. Seit ich realisiert habe wie wenig wert all das Geschaffene ist, ist meine Motivation im Keller.
Wozu soll ich arbeiten gehen? Ich hasse die Arbeit. Im Gegenzug für meine Leistung bekomme ich bedrucktes Papier.
Mit jenem Papier kann ich irgendwo hin gehen und bedrucktes Papier gegen beliebiges Gut eintauschen. Gut, das nur mir etwas nützt – keinem sonst.

Ich horte bedrucktes Papier in meinem Safe, horte bedrucktes Papier auf meinem Konto.
Ich habe ein schlechtes Gefühl, weil ich einer Bank bedrucktes Papier schulde.
Was nützt all das bedruckte Papier, wenn die Sonne morgen gar kein Bock mehr hat?!

Wir würden es ja noch nicht einmal merken. Von heute auf morgen – alles weg. Was bleibt ist die endlose, schwarze Leere des Weltraums. Zig Milliarden weiterer Planeten, die eines Tages alle den Weg der Sonne und der Erde gehen.

Das Leben – so wie es ist – es fühlt sich so unheimlich falsch an..

Immerzu muss ich daran denken, wie wenig das System „Leben“ zu bieten hat und wie unzufrieden die Menschen sind. Unzufrieden mit dem, was uns aufgezwungen wird. Aufgezwungen zum Wohl der Menschheit. Die Menschheit, die nur noch 5 Milliarden Jahre hat.

Ich denke wenn man all das berücksichtigt, dann kann man so nicht mehr weiter leben. Alles ist nichts – und die lächerlichen 100 Jahre, die ein Mensch, mit Wohlwollen, auf der Erde verbringen darf, die sollte er exakt so verbringen, dass es ihn zufrieden stellt.

Lebt so, wie es sein soll und nicht so, wie es euch aufgezwungen wird. Geld ist nichts. Geld wird generiert. Keins mehr da? Dann wird es eben neu geschrieben. Das ist die bittere Wahrheit. Eine Änderung von Zahlen, mit einer Tastatur, so wie ich sie in diesem Moment benutze.
Niemand hat das Recht euch irgendetwas zu nehmen, schließlich hattet ihr auch nie die Gelegenheit euch für oder gegen das System zu entscheiden. Ihr werdet hinein gezwungen und nun sollt ihr den Scheiß ausbaden. Das ist kein Leben, das ist Sklaverei. Sklaverei für einen Zweck, jeder Moral zum Trotz.

Sozialer Zusammenhalt – das ist es. Dann kann man auch hergehen und seinen scheiß Job kündigen. Verständnis aufbringen. Wenn, der eine für den Anderen da ist.
Du brauchst Essen und Unterkunft? Natürlich helfe ich dir gerne, denn mein Wunsch ist es, dass es mir und allen um mich herum so gut geht wie nur eben möglich und dafür tue ich, was ich tun kann und ich bin mir sicher, du würdest das Selbe für mich tun.
Selbstlosigkeit. Eines der größten Schätze des Seins.

Es ist erschreckend wie lobend anerkennend mittlerweile über Grundtugenden der Menschlichkeit gesprochen werden muss, weil sie einfach nur noch so wenig vorhanden sind. (Zivil)Courage, Güte, Respekt, Vertrauen – eingetauscht gegen Geld, Gesetzte, Macht und Gier.

Wir wurden auseinander gebracht. Widerwillig geben wir unser hart verdientes Geld ab, damit es anderen besser geht, während es uns selbst dabei noch gar nicht so gut geht. Wozu das Ganze? Für Rente? Ich bitte euch..
Warum quälen wir uns im vollen Bewusstsein? Nur noch 5 milliarden Jahre. Noch, wohlwollend, 68 für mich.

Die Uhr tickt.

Und so lang die Uhr noch für mich tickt, will ich die Grundtugenden der Menschlichkeit leben – denn sie machen das Leben lebenswert.

 

 

Revelation…. Part 2

Der Januar 2019 neigt sich dem Ende. Ich sitze hier, im Exil, hinter mir liegt ein sehr steiniger Weg – was vor mir liegt vermag ich mir in diesem Moment nicht auszumalen.

Ich stehe wieder am Anfang. Der Anfang vom Ende einer Zeit, die mir nicht unbedingt positiv in Erinnerung bleiben wird. Eine Zeit, die ich für mich selbst noch nicht aufgearbeitet habe – und dessen objektive Betrachtung mir äusserst schwer fällt.

Der Grund warum ich jetzt hier bin, warum ich all das hier auf schreibe – ist ein Zeichen dafür, dass ich die Hoffnung noch nicht aufgegeben habe. Dieses Ende wird ein Anfang sein – für mich.

Momentum

Im Leben eines jungen Mannes gelangt man zwangsläufig in eine Phase, in der man sich die Hörner abstoßen muss. Die Themengebiete dabei können sehr weitläufig sein – Mann kauft sich ein altes Auto und tunt ein bischen daran herum. Mann kauft sich ein schönes, schnelles Auto und stellt sich zur Schau. Mann hat viele, wechselnde Sexualpartner und bleibt dann irgendwo hängen. Mann zieht hinaus in die Welt und arbeitet lang und hart. Mann besäuft sich, Mann nimmt Drogen, Mann macht einfach das, wonach es ihm beliebt.

Ein Mann will immer etwas großartiges schaffen – etwas auf das er stolz sein kann und das ihm im Kreise seiner Vertrauten Ansehen verschafft, ehe er sich niederlässt und früher oder später, bei einem Glas Whiskey, über die wilde Zeit philosophiert.

Nach der Beziehung mit Andrea hätte ich diesen Moment nutzen müssen, um mir meine Hörner abzustoßen. Ich hätte erkennen müssen, dass mein krampfhafter Versuch dem Alleinsein auf meine Art zu entgehen mir nur Ärger bringen wird, weil er mir auch nur Ärger gebracht hat.

Lieblingschannel: Paderborn

Im Chat gab es mittlerweile viele neue lokale Chaträume, in denen man nun leicht Kontakte in der näheren Umgebung knüpfen konnte.

Meine Kölsch-Connection hatte sich derweil durch interne Streitigkeiten entzweit, daher war eine Luftveränderung sowieso längst überfällig.

Im neuen, lokalen Chatroom war ich mit meiner langjährigen Erfahrung im Chat natürlich direkt sowas wie ein bunter Hund. Lange Zeit war ich dort als Moderator tätig und in meiner Periode als Admin war ich auch hauptzuständig für jenen Chatroom und die Aufsicht der nun tätigen Moderatoren.

Selbstverständlich haben sich auch eine Vielzahl neuer Kontakte ergeben und es gab wieder neue Chattertreffen. Teilweise haben sich dann gar meine alten Chatfreunde aus der Kölsch-Connection hinzugesellt und es entstand eine geile Mischung aus alt und neu. Manchmal sind wir dann in größeren Gruppen gen Köln gefahren, untereinander kannte sich ja jeder – es war jedesmal ein Fest.

Neben meinen ganzen Ämtern im Chat habe ich es aber tatsächlich auch noch fertig gebracht die Frauenwelt weiter zu erkunden, schließlich war ich nun Single und Alleinsein war scheiße.

Meine Masche beschränkte sich hauptsächlich auf die Mitleidsschiene, schließlich war ich ja tief verletzt und wollte gerettet werden. Oberflächliche Nummern habe ich nicht gesucht, ich suchte nach tiefer Verbundenheit und Mitleid. Natürlich war all das ja nicht fingiert, sondern mein voller Ernst.

Erstaunlicher Weise fand ich tatsächlich recht schnell jemanden, der mich bemitleiden wollte. Nachdem ich voreilig mein ganzes Wehleid geklagt hatte, trafen wir uns recht bald..

Nice to have

Abseits von all dem musste ich mich beruflich aber auch langsam aber sicher mal orientieren. Nachdem ich das Fachabi abgebrochen hatte, jobbte ich weiterhin im Getränke-Großhandel. Dort hatte ich während der Schulferien mal angefangen nebenbei zu arbeiten, meine Mutter und ihr Lebensgefährte kannten die Geschäftsführer ganz gut und brachten mich dort unter.

Die Arbeit dort war zwar ganz geil, dennoch war es ein Knochenjob und mit knapp 6 €/Stunde auch nicht sonderlich gut bezahlt. Die meiste Zeit war ich damit beschäftigt Leergutkisten zu sortieren oder Bestellungen zusammenzustellen. Seltener bin ich mit auf Auslieferungstour gefahren.

Um mich ein wenig besser zu stellen habe ich dann einen Gabelstaplerschein gemacht, um eine wertvollere Arbeitskraft zu werden. Den Kurs habe ich damals am TBZ  in Paderborn belegt. Während meiner Anwesenheit dort beschlich mich ein merkwürdiges Gefühl…

Nebenbei habe ich mich dann, wenig erfolgreich, um Ausbildungsstellen im Elektronik-Bereich beworben. Eigentlich wollte ich ja immer in die IT – ich kann gar nicht mehr genau sagen warum ich mich nicht so sehr darum bemüht habe?!

Den recht kläglichen Abschluss meiner Bemühungen im Elektro-Bereich unterzukommen, brachte mir ein Praktikum im Anlagenbau. Das war dermaßen scheiße, dass ein Job als Elektriker danach nicht mehr in Frage kam.

Dem Arbeitsamt (so hieß es damals noch) gefiel meine Perspektivlosigkeit eher weniger – im Rahmen eines besonderen Förderprogramms wurde ich dorthin eingeladen, denn sie hatten einen Plan für mich. Neben meinem Berufswunsch in der Elektro- oder IT-Branche gab ich an, KFZ-Mechatroniker werden zu wollen. Einen konkreten Bezug zu Autos hatte ich aber überhaupt nicht.

Im Rahmen eines Sonderprogramms für das Jahr 2006 gäbe es wohl noch Ausbildungsplätze beim TBZ. Während die Beraterfotze das aussprach, beschlich mich wieder dieses merkwürige Gefühl, dass ich einst beim Gabelstapler-Kurs spürte..

Das TBZ ist eine Bildungseinrichtung und hat zu der Zeit keinen wirklich guten Ruf genossen. War es eher ein Sammelbecken für gescheiterte Existenzen und Aussiedler. Das Gefühl von damals? Ich glaube es war einfach nur Widerwille. Ich wollte das nicht -ich hielt mich für wertvoller als das was das TBZ anbot. Die Vorstellung da hin zu müssen fühlte sich an wie sozialer Abstieg.

Da ich aber, nach wie vor, keinen Ausbildungsplatz hatte – willigte ich ein und wurde vom TBZ zum Vorstellungsgespräch eingeladen.

Kraftfahrzeug-Servicemechaniker

.. war die Lehrstelle, die mir das TBZ anbieten konnte. Im Vorstellungsgespräch konnte ich die Dame offenbar überzeugen, dass ich dafür geeignet bin. So bekam ich eine Zusage und konnte ab dem 1.2.2007 meine Ausbildung beginnen.

Den sog. Kraftfahrzeug-Servicemechaniker gab es eine Zeit lang als mittlere Einstiegsstufe in der KFZ-Branche. Angesiedelt zwischen Reifenmonteur und KFZ-Mechatroniker. Während für den gewöhnlichen KFZ-Mechatroniker eher Realschüler in frage kommen, sollte der KFZ-Servicemechaniker auch für Hauptschüler einen Einstieg in den Beruf ermöglichen. Ich, als Realschüler mit abgebrochenem Fachabi, war also überqualifiziert. Die Ausbildung dauerte zwei Jahre und konnte quasi auf die KFZ-Mechatroniker Lehre angerechnet werden. Nach bestandener KFZ-Servicemechaniker Lehre hätte man also noch 1,5 Jahre weiter lernen können und zum KFZ-Mechatroniker aufsteigen können. Das war ein ganz brauchbarer Plan.

Neben mir fing noch ein weiterer Lehrling im KFZ-Bereich an. Sein Name – Heerde. Heerde bekam, im Rahmen des selben Förderprogramms, vom TBZ einen Ausbildungsplatz zum KFZ-Mechatroniker.

Heerde und ich verstanden uns sofort ziemlich gut und während der gesamten Lehre hatten wir eine Menge Spaß. Noch heute, 10 Jahre nach Abschluss meiner Lehre, habe ich immer noch gern Kontakt mit ihm und freue mich auf unser nächstes Pils.

Am Anfang unserer Lehre stellte sich am TBZ ein merkwürdiger Umstand ein. Es gab jetzt zwar uns beiden Lehrlinge, aber Keinen, der uns ausbilden wollte. Wir waren meisterlos und anstatt und mit der Technik von Kraftfahrzeugen zu beschäftigen – lernten wir im Sonderunterricht – Deutsch. Anfangs waren Heerde und ich noch bemüht die Aufgaben, der Lehrerin/Dozentin brav und diszipliniert zu erledigen – nach einer Zeit verstanden wir aber, wie der Hase läuft.

Das gute am TBZ war, dass niemand so recht wusste, was eigentlich Sache war. So hätten wir der Dozentin auch sagen können, dass wir um 14 Uhr wo anders hin müssen – und wären nach Hause gefahren (das ist natürlich nie so passiert ;)).  Unsere damalige Lehrerin/Dozentin saß während unserer „Bearbeitunsphasen“ immer in einem anderen Raum und war dort mit, was auch immer, beschäftigt. Zunehmend nutzen Heerde und ich diese Phasen dann, um im Internet zu surfen und unsere Angelegenheiten im Forum zu regeln. Zuerst waren wir ja auch wirklich noch Vorsichtig – im Laufe der Zeit stellte sich dann irgendwie auch ein Selbstverständnis gegenüber unserer Ignoranz ein.

Ich kann gar nicht mehr sagen wie lange wir gar keinen Lehrmeister hatten, zwischenzeitlich konnten wir jedoch die Berufsschule besuchen und hatten dann, zumindest theoretisch, schon mal was mit Autos zu tun.

Freitag

Was wie die Einleitung zu einem senationellen Wochenende klingt, war der Name unserers neuen Lehrmeisters. Jawoll, das TBZ hat es tatsächlich geschafft jemanden zu organisieren, der sich uns annimmt.

Herr Freitag war damals ca. 60 Jahre alt und hatte mindestens genau so viel Berufserfahrung. Einer der alten Schule, aber überaus freundlich und geduldig. Der Meister ansich war für mich immer eine absolute Respektsperson – Einer zu dem ich aufgeschaut habe. Der Autogott höchst persönlich, gesegenet all das zu tun, wovon ich zu dem Zeitpunkt nicht die geringste Ahnung hatte. Da war er wieder, der heilige Gral – selbst einmal Meister sein – eine absolut surreale Vorstellung, die alles überstieg. Für mich war ein Mondbesuch wahrscheinlicher, als selbst mal Meister zu sein. Ich hatte ja auch noch nichtmal das erste Lehrjahr abgesessen.

Praxis

Die Ausbildung sah vor, dass die praktische Erfahrung in einem „richtigen“ Betrieb gesammelt werden soll. Das TBZ hatte zwar eine voll eingerichtete KFZ-Werkstatt, für allerlei Übungszwecke, aber natürlich keine Kunden. Neben der Berufsschule, die an ein bis zwei Tagen in der Woche stattfand, hielten sich Heerde und ich dann noch einen Tag im TBZ und die restlichen Tage in einer normalen KFZ-Werkstatt auf und erlernten unser Handwerk.

Der Meister in der richtigen Werkstatt, ein arrogantes Schwein, hat uns das Leben nicht wirklich leicht gemacht. Als Lehrling in einer KFZ-Werkstatt ist man sowieso meist nur mit Reifen beschäftigt – mit seiner widerlichen Art hat er es aber immer wieder geschafft uns den Tag zu ruinieren. Die Auftragslage war immer gut, es gab immer viel zu tun – und ich lernte selbständig und schnell zu arbeiten.

Das TBZ, wie auch die Werkstatt, wollten eigentlich auch nur Einen von uns im Betrieb behalten – also musste sich jemand zwangsläufig einen anderen Betrieb für seine Praxisphasen suchen. In meinem Heimatdorf gab es seinerzeit eine kleine Mazda-Werkstatt. Mein Vater hatte dahin ganz gute Kontakte – so konnte ich dort meine Praxis weiter machen.

Der Unterschied zwischen einer kleinen Dorfwerkstatt und der gut besuchten Bude, in der Heerde und ich zusammen gearbeitet haben war enorm. Wirklich viel wurde mir in erster Linie nicht zugetraut, dementsprechend bestand mein Tag meist aus zusehen und Türscharniere schmieren. Der ältere Geselle dort, groß und breit wie ein Bär – wir wurden nicht wirklich warm. Es war beinah egal was er mir sagte, ich verstand es nicht und konnte nicht entsprechend seiner Vorstellung handeln. Seine Reaktionen auf mein Versagen waren eher angsteinflößend und ich kam mir vor wie ein Depp. Das ganze war wenig motivierend und irgendwann hielt ich es auch nicht mehr für nötig dort aufzutauchen.

Dem TBZ hatte ich meine Abwesenheit gar nicht erst erklärt, allerdings rief mich meine zuständige Ansprechpartnerin irgendwann mal an und fragte mich was los sei. Ich hatte zwar ein bischen Angst rausgeschmissen zu werden, aber ich stieß auf Verständnis. Meine Abwesenheit wurde durch Urlaub und einen gelben Schein getilgt und in die Mazda-Werkstatt brauchte ich nicht mehr zurück. Stattdessen ging es für mich wieder zurück in die erste Werkstatt, mit dem arroganten Meister. Während Heerde nun in einen anderen Betrieb wechselte, kam ich zurück.

Bis kurz vor Ende der Lehre lief soweit alles reibungslos. Lehrjahre sind eben keine Herrenjahre. Etwa einen Monat vor der Prüfung konnte ich die widerliche Arroganz meines betrieblichen Lehrmeisters allerdings nicht mehr tolerieren. Ich geigte ihm mal gescheit die Meinung, hörte mir darauf hin an, dass der Betrieb mich nicht nötig hat – dann warf ich ihm nen Kugelschreiber in seine arrogante Fresse und fuhr zum TBZ. Dort schilderte ich wieder meiner Ansprechpartnerin die Situation – irrsinniger Weise kam sie auf die schwachsinnige Idee mit mir nochmal dort hin fahren zu wollen um die Wogen zu glätten. Natürlich teilte ich ihr mit, dass der Typ ein arroganter Affe ist – ich vermute sie hat es mir nicht glauben wollen.

Den letzen Monat verbrachte im TBZ mit einem anderen Lehrmeister im Rahmen der Prüfungsvorbereitung. Da ich, wie schon festgestellt, eigentlich überqualifiziert war und sämtliche Informationen wie ein Schwamm aufgesogen habe – war das ein lässiger Monat für mich. Zumindest bis zu dem Tag, an dem meine Ansprechpartnerin und ich dann tatsächlich in den Betrieb gefahren sind um über die Situation zu sprechen.

Meine Ansprechpartnerin meinte es wirklich nur gut und bat den arroganten Arsch gar darum sich mal eben mit uns in Ruhe irgendwo hin zu setzen, um über den Vorfall zu sprechen. Der Clown allerdings erachtete das nicht für notwendig, hielt in gewohnter Marnier, hinter seinem Tresen, einen kleinen Monolog und bat uns dann höflich die Örtlichkeit zu verlassen. Draußen angekommen sagte meine Ansprechpartnerin nur „Ich weiß jetzt was du meinst“. Hinter die Angelegenheit konnten wir dann endlich einen Haken machen und ich konnte mich in Ruhe mit meiner Prüfung beschäftigen.

Projekt zwo

Während meiner Ausbildung legte ich mir aber auch mein ganz eigenes Projekt zu. Frei nach dem Motto „learning by doing“ erfüllte ich mir einen kleinen Traum und kaufte mir einen Golf 2. Natürlich nicht irgendeinen Golf 2, sondern den billigsten und heruntergekommensten auf dem Markt, schließlich hatte ich kein Geld und wollte selbst Hand an den Wagen anlegen. Es handelte sich um einen Golf 2 GL, mit 1,8L Motor (RP), als 3-Türer, Bj. 1991, in Royal-Blau, ohne Tüv und mit recht unbekannter Laufleistung.

Der Wagen war wirklich heruntergekommen und hatte absolut gar keine Extras (abgesehen einer Zentralverriegelung), das alles störte mich nicht wirklich. Ich brauchte kein eigenes Auto, da ich meist mit dem Wagen meiner Mutter gefahren bin. Ich hatte also genug Zeit und kein Geld. Nach und nach habe ich den Golf dann wieder auf Vordermann gebracht. Hab mich im Golf 2 Forum herumgetrieben und mich umfassend informiert – ausprobiert, Lehrgeld bezahlt und bin dennoch irgendwie an mein Ziel gekommen. Ich hab mich so intensiv mit der Sache auseinander gesetzt und jede Information aufgesaugt, dass ich wahrlich ein echter Golf 2 Profi wurde.

Der Unterschied zwischen einem Golf 2 und den ganzen anderen Auto ist dann eher marginal – vielleicht mal eine andere Achskonstruktion, etwas andere Elektronik.
Im Grunde habe ich mir selbst beigebracht wie Autos funktionieren und das hat mir in meinem Beurf sehr viel gebracht. Ich hab gelernt zu denken und ich hab gelernt zu improvisieren.

Das wirkliche geile an so einem Projekt ist aber, dass das sich das Autofahren ganz anders anfühlt, wenn man an seinem Gefährt jede Schraube persönlich kennengelernt hat. Ein unbeschreiblich geiles Gefühl, dass eindeutig nach immer mehr schreit!

Ich konnte nun verstehen, warum Menschen so viel Zeit und Energie in ihre Autos steckten, um sie zu ihrem ganz persönlichen Unikat zu machen.

Abwrackprämie

Als die Prüfung bestanden war, wollte ich weiter machen und KFZ-Mechatroniker werden. Auch Herr Freitag fand die Idee gut, schließlich war er von meinen Fähigkeiten vollkommen überzeugt. Der Beruf machte mir tatsächlich auch Spaß. Neben viel Scheiße gab es auch immer wieder besondere Highlights, auf die ich nicht verzichten wollte. Während der Lehre habe ich nebenbei auch immer mal wieder etwas rumgeschraubt und ein paar Mark nebenbei verdient. Auch mit meinem eigenen Auto brauchte ich ja nie in eine Werkstatt fahren – ich konnte alles selber machen und sogar noch mehr, geil!

Situationskomik: Eines Nachmittags rief mich Heerde an. Der war grade daran gescheitert einen Zahnriemen am Golf 2 seines Bruders zu wechseln. Kurzerhand fuhr ich vorbei und half Heerde aus seiner Misere heraus. Sein Bruder sagte daraufhin „Guck, das wird mal ein richtiger Mechaniker – nicht so wie du“
In der tat war ich Heerde diesbezüglich immer einen Schritt voraus, was zur Folge hatte, dass er mir Privat einige Aufträge zuschusterte und ich sogar hin und wieder sein Auto reparierte.

Der Zeitpunkt um weiter zu lernen war ziemlich ungünstig. Meine Lehre endete im Februar 2009 – im Jahr der Abwrackprämie. Eine Gelegenheit weiter zu lernen bot sich bei einer Mercedes-Werkstatt direkt neben dem TBZ.
Mercedes – noch so ein heiliger Gral.
Irrsinniger Weise hatte jene Mercedes-Werkstatt kurz vor meinen Probearbeitstagen einen zusätzlichen Gesellen eingestellt. Der Geselle hatte selbst grade erst ausgelernt, meiner Ansicht nach nicht sonderlich fähig, aber war über Vitamin B dort reingekommen.
Eine äusserst ungünstige Situation für mich, zumal die Abwrackprämie dafür gesorgt hatte, dass in vielen Werkstätten tote Hose war, da viele ältere Fahrzeuge einfach verschrottet wurden. Das Ende vom Lied war, dass ich doch nicht dort weiter lernen konnte, da sich die Geschäftsleitung dazu entschieden hatte mit den Gesellen und ohne Lehrling weiter zu arbeiten.

Weitere Bemühnungen irgendwo unterzukommen scheiterten, so reihte sich an meine abgeschlossene Lehre eine Zeit der Arbeitslosigkeit an. Da ich ja kein Job hatte und kein Auto mehr brauchte, habe ich dann sogar meinen geliebten Golf 2 verkauft.. Ihm sollte einige Zeit später ein Golf 3 folgen..

Mentropstraße

Da ich in einem Vorort wohnte und in der Stadt auf die Realschule ging, fuhr ich sieben Jahre lang mit dem Bus. Sieben Jahre lang ging ich jeden Morgen zur Bushaltestelle an der Mentropstraße und fuhr mit der Linie 8 bis in die Stadt – und Mittags von der Stadt, wieder zur Mentropstraße. Teilweise fuhr ich Nachmittags dann wieder in die Stadt – Hermann in seinem PC-Shop besuchen, oder in der Stadt mit Kollegen rumhängen und Abends wieder zurück. Wenn’s mir in der 8 zu langweilig war, stieg in Schloß Neuhaus in die 11 um – wenn ich morgens länger schlafen wollte, kam ich mit der E61 immernoch pünktlich an. Anfangs bin ich sogar so gerne Bus gefahren, dass ich Busfahrer werden wollte.

An der Bushaltestelle an der Mentropstraße traf ich auch das erste mal auf Sie. Sie, das ist diejenige, die mich bemitleiden wollte. Obwohl wir quasi Nachbarn waren, sind wir uns noch nie über den Weg gelaufen. Eigentlich war das unmöglich – ich kannte mein Viertel ganz genau. Jeden Winkel, jede Hecke, jedes Versteck, jedes Haus, jeden Bewohner, jeden Sohn, jede Tocher, jeden Hund – sogar jeden Kanaldeckel kannte ich in meinem Viertel. Sie kannte ich nicht, nicht mal vom Sehen oder Hörensagen. Irgendwas konnte da nicht stimmen – das hat mich neugierig gemacht.

Sie war nett anzusehen, mit schönen blauen Augen und einem freundlichen Lächeln. Viel größer als Andrea, bei weitem nicht so zierlich und um ein vielfaches gesprächiger. Das gefiel mir gut. Ihre offene Art machte Sie sehr sympatisch. Wir gingen spazieren. Die Unbekannte und ich – in meinem Viertel – in meinem Dorf. Sie redete viel, ich benahm mich proletenhaft daneben, eigentlich lief alles wie immer. Die Frage wer wohl wann den ersten Schritt macht oder so – die hab ich mir gar nicht gestellt. Ich war in erster Linie neugierig, wie sich die Unbekannte vor mir verstecken konnte.

Ich weiß gar nicht ob es beim ersten oder zweiten Treffen war, jedenfalls bekam ich beim Ende jenes Treffens sogar einen Abschiedskuss von der Unbekannten. Merkwürdig und irgendwie war ich immernoch neugierig… Immerzu überraschte Sie mich auf’s Neue. Das fühlte sich schön an und war Balsam für meine Seele.

 Die Dinge nahmen ihren Lauf

.. und wir trafen uns häufiger. Wir schrieben SMS – ich glaube wir telefonierten sogar öfters (und das hasse ich bis heute). Einmal lernte ich ihre Freundinnen kennen und wir schauten einen Wrong Turn in dem Haus, in dem ich jetzt, in diesem Moment, sitze und diese Zeile schreibe.

Ansich verstanden wir uns sehr gut und ganz am Anfang konnte ich mir durchaus vorstellen mit ihr längerfristig zusammen zu sein. Jedoch ergab sich für mich nie das Gefühl zu wissen, wer Sie eigentlich ist?! Ich lernte ihre Freundinnen kennen. Ich lernte ihren Vater kennen. Kurz bevor wir in den Urlaub gefahren sind, lernte ich sogar ihre Mutter kennen. Im Urlaub lernte ich dann ihre Schwester kennen – aber Sie kannte ich bis dahin eigentlich nicht.. Natürlich wusste ich Ihren Namen, wo sie wohnt, zur Schule ging oder so – aber irgendwas fehlte..

War es zu schön um wahr zu sein? War der Schmerz der Vergangenheit so groß, dass ich nicht mehr an etwas Positives glauben konnte? Irgendwie fühlte es sich seltsam an das Haar in der Suppe zu suchen – aber ich war von Anfang an sehr verunsichert.

Meine Verunsicherung war natürlich nicht an den Haaren herbei gezogen – es passierten immer merkwürdige Sachen, auf die ich keine schlüssigen Antworten bekam oder fand. Doch diesmal sollte es klappen. Ließ ich es doch nur weit genug voranschreiten, dann würden sich die Dinge bestimmt erklären.

Als Fan der Multiversum-Theorie bin ich davon überzeugt, dass eine andere Version von mir an dieser Stelle einen Cut gemacht und sein Glück an anderer Stelle fand.

Ich, in diesem Universum, jedoch nicht. Ich stand jetzt auf einer riesigen, grünen Wiese, die auf einer stillgelegten Müllkippe angelegt wurde. Augenscheinlich ist alles bestens, aber wehe dem man fängt an zu graben.. Ich fing natürlich an zu graben… tiefer und tiefer. Egal wie sehr der Gestank gar in den Augen biss – ich grub weiter. In der leisen Hoffnung auf einen Schatz zu stoßen – musste ich erkennen, dass unter Müll nur noch viel mehr Müll liegt.. Unermüdlich habe ich gegraben – irgendwann jedoch sah ich auf und stellte fest, dass ich vom Boden meiner Grube, den Himmel nur noch als winzingen Punkt wahrnehmen konnte. Ich saß fest – kein Notausstieg und auch kein Seil, dass jemand von oben hinabwerfen konnte. Ich habe so lange gegraben und alles andere ausgeblendet, so das ich nun vollkommen alleine in meinem Loch saß.

Ich hielt also an der Unbekannten und unserer jungen Beziehung fest – obwohl ich verunsichert und unzufrieden war. Immerhin war es besser als allein zu sein und über so ein paar Unannehmlichkeiten kann man ja auch mal hinweg sehen.. Wer kann schon sagen was die Zukunft bringt?!

trapped in a multiverse

Großartige Gemeinsamkeiten hatten die Unbekannte und ich nicht. Wir hörten nicht die selbe Musik, waren nicht Fan vom selben Fußballverein und hatten auch keine gemeinsamen Freunde. Ich war nicht gern allein, Sie war aber auch nicht da. Ich hatte gern Sex, Sie war nicht da. Meine Freunde konnen mit ihr auch nicht sonderlich viel anfagen, daher war ich meist allein mit Ihnen unterwegs. Ergo war ich auch weiterhin viel im Chat online, den Sie nur sehr sporadisch besuchte und tat das, was ich am Besten konnte.

Im Chat lernte ich natürlich auch weiterhin neue Leute kennen. Flüchtige Kontakte, neue Freunde, Frauen. Ich muss auch offen gestehen, dass ich nicht wirklich abgeneigt war jemand Anderes kennenzulernen, aber auf die Idee das Graben zu beenden kam ich von selbst leider nicht.

So lernte ich z.B. Vanessa kennen. Ein Emo-Girl – da stand ich voll drauf. Wir unterhielten uns über Musik, Filme und unser schlechtes Leben. Wenig später wollten wir uns dann auch treffen. Zu der Zeit wohnte ich bereits bei meiner Mutter und Vanessa kam zu mir. Ich glaub wir schauten Saw auf DVD – Vanessas Absichten beschränkten sich allerdings nicht nur auf das Bild auf dem Fernseher.. Ihren ziemlich massiven Bemühungen konnte ich nicht lange widerstehen und es kam wie es kommen musste..

In den kommenden Tagen entwickelte sich eine kleine Affaire daraus. Bald stellte ich aber fest, dass Vanessa schwer einen an der Murmel hat. Ich musste sie los werden, war aber gar nicht so einfach war – ausserdem hatte ich ja eigentlich auch noch ne Beziehung mit der Unbekannten am Laufen..

Schlussendlich habe ich es dann aber geschafft Vanessa los zu werden. Mein Gewissen gegenüber der Unbekannten war allerdings mehr als nur schlecht. Im Gegensatz zu meiner vorherigen Beziehung entschloss ich mich der Unbekannten gegenüber ehrlich zu sein und beichtete meinen Fehltritt.

In einem Paralleluniversum hätte eine andere Version der Unbekannten nun garantiert einen Cut gemacht und ihr Glück wo anders gefunden.

Sie, in diesem Universum, entschied sich mir zu verzeihen. Mein Gewissen gegenüber der Unbekannten war auch viel zu schlecht um selbst die Reißleine zu ziehen, noch mehr Leid wollte ich ihr nicht zumuten.. Ich sah in ihr einfach irgendwas, das ich mir selbst, bis zum heutigen Tag, nicht erklären kann und nur das allein hat mich motiviert für diese Beziehung alles zu tun…

Die Zeit, unmittelbar nach meiner Beichte, war hart. Die Unbekannte brauchte nun offiziell Zeit für sich (wobei Sie ja eh kaum da war). Entsprechend hing ich in der Schwebe und wusste nicht woran ich war…

Meine Freunde konnten mein Elend kaum mit ansehen und luden mich auf einen Holland-Trip ein. Mein Kumpel André, seine Freundin, zwei ihrerer Freundinnen und ich sollten daran teilnehmen. Ich willigte ein und berichtete der Unbekannten brav über mein Vorhaben in naher Zeit und bat Sie mich doch zu begleiten.

Bis kurz vor Beginn der Reise lies die Unbekannte mich tatsächlich zappeln, dann willigte Sie ein mich begleiten zu wollen – so kam es dann auch. Wir verbrachten die Zeit in Holland zusammen und unsere Beziehung war danach wieder einigermaßen intakt.

In einem Paralleluniversum hätte die Unbekannte an dieser Reise nicht teilgenommen und ich hätte stattdessen während des gesamten Aufenthalts in Holland eine von Andrés Freundin ihrer Freundinnen (so wie von jener Person selbst beabsichtigt) genagelt. Ich fürchte nach meiner Rückkehr wäre mir ihre Entscheidung dann auch herzlich egal gewesen.

Rückblickend muss es für Andrés Freundin ihre Freundin wirklich hart gewesen sein, dass ich die Unbekannte mitgebracht hab. Bereut habe ich es aber nicht.

Man könnte meinen, dass jeder überwundene Tiefschlag eine Beziehung irgendwo stärkt. Zwischen mir und der Unbekannten war es eigentlich unverändert. Nach wie vor hatte ich keinen Bezug, nach wie vor zu wenig Nähe, nach wie vor keinen gemeinsamen Nenner, nach wie vor zu wenig Sex.

Alles lief wie gehabt, ich war weiterhin verunsichert, unzufrieden und dazu noch schuldig. Am wesentlichen änderte sich wenig, so chattete ich weiter – hielt mich ja nichts von ab.

Aufgewärmt

Wer Teil 1 meiner Offenbarung gelesen hat, der wird sich an die Flamme aus der Kölsch-Connection erinnern und auch daran, dass sich seinerzeit daraus nichts ergeben hat.

Ich nannte sie immer chiQa und nachdem aus uns nichts wurde war sie lange lange lange in einer Beziehung. Als jene Beziehung dann vorbei war, war sie bald darauf wieder lange lange lange lange in einer anderen Beziehung. Während dieser langen Beziehungen hatten wir nur selten Kontakt – dazwischen dann wieder mehr. Zwischen der ersten und der zweiten langen Beziehung war ich sogar vor Ort, um meine Kölsch-Connection zu besuchen. Wir haben gefeiert, hatten Spaß, sind in der Küche bei ihrer Mutter versackt, haben uns gut unterhalten und geküsst.

Der andere Teil der Kölsch-Connection, der uns beobachtete, war hellauf begeistert und beschwor uns direkt zum Traumpaar des Jahrhunderts. Allerdings sahen wir uns beide, obwohl wir uns das so nicht direkt sagten, weder als Paar, noch als Traum. Wir waren Freunde, zwar mit einem gewissen Extra, aber dennoch eben nur Freunde. Immerhin hatte chiQa ihre lange lange lange Beziehung ja auch grade erst beendet und nach so einer langen Zeit braucht man auch erstmal ein bischen Pause.

Bei ihr folgte dann die lange lange lange lange Beziehung und wir hatten wieder einmal sogut wie gar keinen Kontakt in dieser Zeit. Für mich war das gar nich so schlimm, denn ich wusste, wenn chiQa mal irgendwann wieder kommt, wird sie genau so sein wie vorher auch. Das war ungemein beruhigend. chiQa konnte auf sich selbst aufpassen, sie brauchte keine Hilfe und wenn sie Hilfe gebraucht hätte, wär ich natürlich für sie da gewesen, ich war mir auch sicher, dass sie das wusste.

Irgendwann in der ersten Hälfte 2008 war chiQas lange lange lange lange Beziehung zu Ende. Zurück im Chat hatten wir wieder Kontakt und alles war genau so schön wie früher. Alte Erinnerungen wurden wach und wir fühlten uns glaub ich ein wenig verliebt.

Move

Kurz vor chiQas Comeback im Chat, zogen meine Mutter, ihr Lebensgefährte, mein tyrannischer Bruder – der in der Zwischenzeit wieder zu uns gestoßen war, mein Halbbruder Timo – der auch mein Patenkind ist und ich aus der guten alten Heimat weg in einen kleinen Nachbarort. Hier bewohnten wir jetzt ein schönes Haus mit sehr makaberer Geschichte. Den Umzug, die weiterhin anhaltende Unzufriedenheit und Frustration in der Beziehung mit der Unbekannten nahm ich zum Anlass um die Beziehung vorerst zu beenden. Allein in einem neuen Ort fiel das ganze aber wirklich enorm schwer..

chiQas Comeback kam also nicht ungelegen und eines Tages kam sie mich sogar besuchen. Wir verbrachten viel Zeit miteinander und es fühlte sich toll an. Fortan trafen wir uns dann regelmäßig, unternahmen viel zusammen, belebten einen Teil der Kölsch-Connection wieder und hatten uns lieb.

Auch meine Freunde konnten gut mit chiQa – das war viel wert. Wir konnten hier sein, wir konnten da sein – ein Zusammenleben in harmonischer Symbiose. Meine Eltern konnten mit chiQa jetzt nicht so gut und chiQas Mutter war von mir wohl auch nicht so begeistert – zu einer Beziehung fehlte auch ein bischen die Ernsthaftigkeit – aber wir hatten Spaß. In der Situation war das genau das Richtige für mich.

Langsam begann ich die Frustration und Unsicherheit der vergangenen Tage zu überwinden. Ich fühlte mich wieder ein bischen menschlicher und der Himmel sah vom Boden meiner Grube auch gar nicht mehr so klein aus.

Tilt

Nachdem sich bis dahin alles recht positiv entwickelte, veränderte der Mai 2008 mein Leben für immer. Die Botschaft erreichte mich irgendwann auf der Arbeit. Die Unbekannte hatte mehrfach versucht mich anzurufen – da ich Sie aber nicht sprechen wollte nahm ich einfach nicht ab. Per SMS bat ich dann darum, die Anrufe zu unterlassen – was ich dann als Antwort erhielt , sollte alles bisher da gewesene in den Schatten stellen. Ich erfuhr, dass ich Vater werde.

chiQa war an dem Tag grade gen Heimat gefahren als mich der Hammer traf, postwendend kam sie wieder zurück, um mir bei zu stehen. Arbeiten konnte ich an dem Tag nicht mehr. Eigentlich konnte ich gar nichts mehr – ich weiß noch nichtmal wie ich nach Hause kam, ich wusste gar nichts mehr und wollte auch nichts mehr wissen.

Eben kletterte ich noch die tiefen Wände meiner Grube hoch und sah Licht am Ende des Tunnels. Nach Erhalt dieser Nachricht jedoch fiel ich wieder auf den Boden zurück … Doch damit nicht genug, denn oben schob dann noch jemand einen massiven Fels über die Öffnung meiner Grube. Gefangen in dem stinkenden Loch, sah ich nur noch schwarz und spürte rein gar nichts.

Ich hätte mir eine ganze Menge vorstellen können, aber in dem Alter schon ein Kind zu haben gehörte eher zu den Szenarien, die ich noch nicht einmal im Albtraum hätte erleben wollen. Ich war doch noch so jung und frei und wollte so viel machen und ein Kind sollte mir jetzt Zukunft aufzeigen, mit der Person, von der ich mich grade getrennt hatte? Das konnte und wollte ich nicht wahrhaben. Lieber wollte ich sterben.

Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass ich nach chiQas Rückkehr mit ihr an einem See saß – wir sprachen über die Situation und in dem Moment hätten wir uns glaub beide nichts mehr gewünscht, als dass sie schwanger wäre…

Die Unbekannte hatte die Schwangerschaft offenbar auch erst im sechsten Monat selbst bemerkt..

Unfähig irgendwas zu tun, nahm ich mir erstmal eine Woche Auszeit von der Arbeit. Immerhin war chiQa für mich da und half mir wieder ein wenig auf die Beine, aber selbst in den kommenden Woche wollte ich von dem Scheiß einfach nichts hören. Gelegentliche Updates der Unbekannten über den Gesundheitsstatus des ungeborenen Mädchens lösten nichts als Zorn in mir aus und entsprechend reagierte ich auch.. Ich wollte von der Unbekannten nichts hören und erst recht wollte ich kein Kind mit ihr..

In den kommenden Wochen wollten wir uns immer mal getroffen haben um über ein paar Sachen, wie z.B. den Namen, zu sprechen – dazu sollte es vorher aber nicht mehr kommen.

Am 04.08.2008

war es dann so weit. Morgens, in aller früh, rief der Vater, der Unbekannten an und teilte mir mit, dass das Kind kommt. Ich war ziemlich nervös, meldete mich von der Arbeit ab, brachte chiQa zum Bahnhof und begab mich ins Krankenhaus. Bei der Geburt meines Kindes wollte ich dabei sein.

Im Krankenhaus angekommen lag die Unbekannte bereits im Kreissaal. Ich warf einen kurzen Blick durch die Tür – in einem Sekundenbruchteil wurde mir kotz-übel.. Ich gesellte mich zu ein paar Freundinnen der Unbekannten, ihrer Mutter und ihrem Vater in den Warteraum, am Kreissaal. Wir warteten.

Während der langen Warterei und leicht angesteckt durch die Vorfreude der Freundinnen und Mutter, verspürte ich kurzzeitig so etwas wie leichte Vorfreunde und eine Abnahme der enormen Last auf meinen Schultern. Was wenn es vielleicht doch gar nicht so schlimm ist? Im Laufe der Zeit war ich mir sogar sicher, dass schon alles klappen wird, auch schon andere Kinder unter ganz anderen Bedingungen aufgewachsen sind und es auch noch jüngere und noch unerfahrenere Eltern gibt..

Gefühlt dauerte es eine Woche bis die Meldung kam, dass das Kind gesund zur Welt gekommen ist. So schritt ich voran und traf das erste mal seit längerer Zeit wieder auf die Unbekannte und mein eigenes, kleines Mädchen.

Sein eigen Fleich und Blut in den Händen zu halten, das war selbst unter diesen Umständen ein ganz besonderer Moment für mich. Ein so kleiner Mensch, noch nichtmal im Stande die Augen zu öffen – lag da, so friedlich und hilflos. Von einer Sekunde auf die Nächste war ich gewillt für diesen kleinen Mensch einfach alles zu geben. Noch nie zuvor habe ich so etwas Schönes gesehen, wie mein eigenes kleines Mädchen, friedlich schlafend auf meinem Arm..

Beim Blick auf das Namens-Bändchen musst ich jedoch mal kurz aufstoßen – Joana stand darauf – das ging gar nicht. Die Unbekannte und ich hatten uns zwar nicht mehr zur Namensfindung getroffen, jedoch hatte ich mir meine eigenen Gedanken dazu gemacht und mich auf Jana-Melissa festgelegt. Der Unbekannten gefiel der Name auch – eine Wahl hätte ich ihr sowieso nicht gelassen.

Bis zur Entlassung besuchte ich meine Tochter und die Unbekannte häufig im Krankenhaus und hatte sogar viel Freude daran, mein Kind durch die weitläufigen Flure der Klinik zu schieben.

Das kann es doch nicht gewesen sein?

Neben all dem durfte ich meine chiQa natürlich nicht vergessen. Rückblickend fühlte ich mich ziemlich mies, sie am Tag der Geburt einfach am Bahnhof abzuladen und weg zu schicken – sie war immer für mich da und ich trampelte egoistisch darauf herum..

Die Unbekannte und meine Tochter standen nun zwischen uns. Man merkte deutlich, dass chiQa das nicht sonderlich gut gefiel – was natürlich vollkommen verständlich war.. Ich konnte nur, in Gottes Namen, absolut nichts dagegen machen und weder wollte ich Sie aufgeben, noch den Kontakt zu meinem Kind verlieren.

Die ganze Nummer war nicht wirklich leicht für uns, ich nehme an es waren Angst und Frust – jedenfalls beendete chiQa unsere Liaison kurze Zeit nachdem meine Tochter das Licht der Welt erblickte.

Für mich fühlte sich das sehr bitter an. Gern hätte ich diese neue Situation erstmal auf mich zukommen lassen, um dann zu sehen, wie sich alles entwickelt. Ich verlor ja schließlich nicht nur irgendeine beliebige Freundin, sondern meine chiQa – die ich bis dato schon viele viele viele viele viele Jahre kannte. Hätte ich mir jemals ein Ende vorstellen müssen, dann ein versöhnliches.

Im Kreise meiner Freunde sprach ich mit Andrés Freundin über chiQa und mich – und immer wieder kamen wir zu dem gleichen Entschluss: Das kann es doch nicht schon gewesen sein?? Aber für’s Erste war es das eben, damit musste ich klar kommen.

In den kommenden Wochen traf ich mich häufiger mit der Unbekannten um meine Tochter zu sehen. Allein wurde sie mir in der ersten Zeit noch nicht anvertraut, daher war die Anwesenheit der Unbekannten unvermeidlich. Es war auch deutlich zu vernehmen, dass die Unbekannte sich nach dem Aus zwischen chiQa und mir nichts sehnlicher wünschte, als eine Neuauflage unserer Beziehung. Zu dem Zeitpunkt aber kam das für mich nicht in Frage. Für mich kam eigentlich überhaupt nichts in Frage. Ich war traurig das chiQa weg war, aber auch nicht so traurig, dass ich sie um jeden Preis zurück gewinnen wollte. Auch war ich nicht so traurig, dass ich lieber wieder verzweifelt und frustriert sein wollte – nur um meine Tochter immer bei mir zu haben.. So blieb ich vorerst allein.

Let’s grow old together – and die at the same time

So let me hold you in my arms a while

I was careless a a child

there’s a part of me that still believes

my sould will soar above the trees

a desperate fear flows through my blood

our dead love burries beneath the blood

One more time

Einige Wochen vergingen, da zeichnete sich ab, dass chiQa uns wohl auch noch nicht aufgegeben hat. Wir feierten also ein kleines Comeback, dass allerdings nicht sehr lange halten sollte.

Nachdem eigentlich alles gut lief wollte chiQa relativ plötzlich nach Hause und der Party einer Freundin beiwohnen. Irgenwie machte mich das misstrauisch und ich äusserte ihr gegenüber meine Sorgen diesbezüglich. chiQa aber versicherte mir, dass ich mir absolut keine Sorgen machen musste. Das gab Sie mir sogar schriftlich auf einem kleinen Brief, den ich in meinem Zimmer fand, nachdem sie weg war.

Angst hatte ich dann trotzdem. Ich war sogar panisch – ich ahnte das irgendwas passieren sollte… Eigentlich wollte sich chiQa auch bei mir melden, wenn sie auf der Party war – natürlich meldete sie sich nicht… Am nächsten Tag fuhr ich sie dafür im Chat recht barsch an und bekam – keine Antwort.. Nach einem virtuellen Wutausbruch bekam ich dann doch irgendwann mal eine Antwort, doch was ich lesen musste gefiel mir nicht.. Es geschah wie vorhergesehen – was genau weiß ich zwar nicht, aber es bedeutete das finale Aus für chiQa und mich. Für immer.

Es tat auch nur kurz weh, danach ging ich weiter meiner Wege.

Rückblickend betrachtet bin ich chiQa dennoch dankbar dafür, dass sie mich in der schweren Zeit unterstützt und mich nicht aufgegeben hat – obwohl ich ein Wrack war (und es immernoch bin). Während unserer Liasion hatten wir viel Spaß  und eine super Zeit, an die ich mich gern zurück erinnere – aber der nötige Ernst für eine Beziehung kam leider nie auf. Das Ende ging schon in Ordnung, die Art und Weise leider nicht.

chiQa – egal was war, ich hab dich immer lieb :-*

Gib doch auf, du Idiot..

Was folgte war die obligatorische Einsamkeit. Wieder mal hatte ich nichts, ausser den Chat und sporadisch meine Tochter, das die ständige Leere in mir füllen konnte..

Häufiger hatte ich meine Tochter jetzt auch mal allein für mich. Hin und wieder wollte ich meine Tochter auch mal länger da behalten, das war dann meist mit der Anwesenheit und Übernachtung der Unbekannten verbunden. Wir sind dann auch mal zusammen spazieren gegangen und so – fühlte sich an wie eine kleine Familie. Nach wie vor hatte ich aber nicht den Eindruck die Unbekannte besser zu kennen, als vorher. Immernoch war ich ihr gegenüber misstrauisch und auch einige Eigenheiten waren mir zuwider. Für meine Tochter konnte ich mich damit aber arrangieren.

Einmal, als ich mit meiner Tocher einen Nachmittag verbracht habe, zögerte ich das Abliefern bei der Unbekannten sogar so lange hinaus, bis mein Töchterchen zwangsläufig bei mir übernachten musste – ohne die Unbekannte versteht sich. Die erste Nacht so ganz alleine mit einem Baby war schon schwer – erst schlief sie nicht ein, dann wurd sie mitten in der Nacht wach – zu allem übel entschied sie sich dann sogar um kurz nach 7 Uhr morgens aufstehen zu wollen. Für jemanden wie mich, der gern lange pennt ist das echt die Hölle. Aber ich hab es  dennoch gern gemacht und auch gern wieder gemacht.

Im Laufe der Zeit traf ich dann eine Entscheidung der Vernunft. Ich würde wieder eine Beziehung mit der Unbekannten eingehen wollen, um meiner Tochter ein gescheites Aufwachsen unter beiden Elternteilen zu ermöglichen. Wahrlich hatte ich sogar die Hoffnung, dass die ständige Frustration, das Misstrauen und Verzweiflung vielleicht nachlassen, schließlich hatten wir nun ein Kind und man hätte die Situation neu bewerten können.

Vor nicht allzu langer Zeit waren die Ambitionen der Unbekannten ja ziemlich offensichtlich, jetzt, wo ich auch gewollt hätte war das ganze aber irgendwie anders. Ohne irgendeinen Grund dafür zu nennen wollte die Unbekannte es eher langsam angehen. Ich nahm das zur Kenntnis und akzeptierte es, schließlich war viel passiert in der Zwischenzeit, da hätte wohl jeder so reagiert.

In der kommenden Zeit intensivierte ich meine Bemühungen und wurde immer wieder auf’s Neue versetzt. Zwar konnte ich mir meine Tochter immer mal wieder holen, aber das Verhältnis zwischen der Unbekannten und mir entwickelte sich nicht, wie von mir erwartet. Irgendwas war anders, ich nahm an, dass die Geschichte mit dem Comeback von chiQa und mir sie verunsichert hat.. Aber immer mal wieder, wenn ich kurz davor war aufzugeben, ergab sich dann doch wieder eine Gelegenheit bei der wir uns näher kamen. Wir verbrachten Zeit miteinander, schliefen nebeneinander und miteinander – aber eine Beziehung hatten wir nicht. Komisch…

Aber ich gab nicht auf. Ich war bemüht so viel Zeit mit meiner Tochter und eigentlich auch zusammen mit der Unbekannten zu verbringen. Meist waren meine Tochter und ich dann doch alleine, das war zwar völlig in Ordnung, aber nicht das was ich wollte.

Die Unbekannte wohnte mit ihrer Mutter und meiner Tochter im oberen Geschoss eines Hauses mit zwei Wohneinheiten. Das Fenster der Küche lag zur Straßenseite, von draußen sah man also mindestens das Licht brennen. Das Haus verfügte über keine Gegensprechanlage oder einen elektrischen Türöffner, so war man als Mieter der oberen Wohnung dazu gezwungen die Trepper herunter zu gehen, wenn jemand geklingelt hat..

Eines Abends, als ich meine Tochter wieder bei der Unbekannten abliefern wollte, offenbarte sich etwas merkwürdiges.. Wie gewohnt kam die Unbekannte die Treppe herunter und öffnete die Tür. Sie nahm das Kind entgegen und aus dem geöffneten Küchenfenster konnte ich ein dunkles Husten vernehmen.. Skeptisch blickte ich die Unbekannte an, jene lies sich aber nichts anmerken, schloss die Tür und ging die Treppe hinauf.. Auf dem Weg zu meinem Auto, das keine fünf Meter von der Haustür entfernt parkte, bemerkte ich einen unbekannten, wein-roten 5er BMW mit Lipper Kennzeichen.

Ausnahmsweise machte es sofort Klick in meinem Kopf – der Grund für das merkwürdige Verhalten war gar nicht das Dilemma mit chiQa, sondern ein anderer Typ.

Aber wer war schon irgendein anderer Typ im Verhältnis zum Vater des Kindes? Wir hatten ja auch Sex, das hat man ja nicht einfach so?! Aber warum dann das merkwürdige Verhalten?! Ich wusste nicht so recht was ich denken sollte, einerseits entwickelte ich einen Hass auf den Typ, der jetzt in der Nähe meiner Tochter war, andererseits einen Hass auf die Unbekannte, die einfach nicht ehrlich war.

Irgendeinen Schriftwechsel gab es kurze Zeit später per SMS. Den genauen Inhalt kenne ich nicht mehr – von mir jedenfalls gab es im Wortlaut den Inhalt „Ich wollte dich und deinen Stecher nicht stören“ als Antwort zurück. Im Folgenden hätte ich mir eine ehrliche Stellungnahme gewünscht, aber ich bekam sowas wie „das ist nur ein Freund“. Glauben wollte ich das selbstverständlich nicht und es hat mich absolut rasend gemacht. Nur ein Freund – AM ARSCH.

Ich wollt eigentlich nur die Wahrheit – was ich bekam war noch viel mehr Verunsicherung als jemals zuvor. Noch viel mehr Frust und eine noch größere Verzweiflung. Nie im Leben hätte ich akzeptiert, dass meine Tochter in der Nähe von Ihr und irgendeinem Ficker aufwächst.  Aber sei es drum, so lang ich nicht das Gegenteil vom dem beweisen konnte, das die Unbekannte mir unterstellen wollte, musste ich es zwangsläufig so hinnehmen.

Alles was dann geschah, war im wahrsten Sinne des Wortes – seelische Folter.

10 Monate

.. vergingen. In diesen 10 Monaten bin ich der Unbekannten hinterhergelaufen wie ich räudiger Hund. Mit allem was in meiner Macht steht habe ich gegen Mauern aus massivem Granit gekämpft. Systematisch habe ich in meinem Kampf auch mein letztes bischen Selbstachtung über Board geworfen und alles gefressen, was mir zum Fraß vorgeworfen wurde… Worte wie „Ja, er wird bei mir übernachten“ sind bis heute fest in meinem Kopf eingebrannt und schmerzten so sehr, dass ich am liebsten das komplette Telefon samt Netz gefressen und wieder ausgekotzt hätte. Jeder Gedanke an Sie und den Typen war dermaßen grausam, dass mich zu absolut nichts mehr im Stande fühlte – nicht zum Arbeiten, nicht zum Chatten, nicht zum Duschen, nicht zum Aufstehen..

Wenn sich sterben so anfühlte, wollte ich nur noch tot sein. Einzig das Wohl meiner kleinen Tochter gab mit den Anlass meine Augen überhaupt noch öffnen zu wollen.. Ich fühlte mich hilflos und allein. Mit jeder Sekunde, die ich allein irgendwo war, dachte ich daran wann es wohl passieren würde? Meine Seele wurde mir, beim Gedanken daran, bei lebendigen Leib aus dem Körper gezogen.

Krampfhaft versuchte ich mich abzulenken, irgendwie – egal was. Aber ich fand nichts von Dauer. 10 Monate. Jeder, der mal Kummer hatte, weiß, wie lang sich eine lächerliche Woche anfühlt – ich habe 10 Monate in der Hölle gewohnt und wurde vom Heern der Unterwelt höchst persönlich am Spieß langsam über dem Feuer gedreht..

Nichts, GAR NICHTS wollte ich mehr hören. Nicht von meinen Freunden, nicht im Chat – rein gar nichts. Nichts und wieder nichts. In dieser Situation einen Job finden? Ich lach mich tot – vielleicht als Statist für eine Szene, in der ich eine Leiche gespielt hätte.. Mein, sowieso schon geringes, Körpergewicht reduzierte sich nochmal um 10 Kg – ergo wog ich mit 1,83m magere 60 Kg.

Ablenkung

Den Umstand der Arbeits- und Trostlosigkeit nutzte ich zwischendurch dennoch sinnvoll. zehn Monate sind eine verdammt lange Zeit, vor allem wenn man nichts zu tun hat. Klar hab ich meinen Rosenkrieg geführt und fühlte mich schlecht, aber irgendwo habe ich dennoch am Leben teilgenommen – zurückgezogen, aber teilgenommen.

Nachdem ich ja nach der Lehre meinen Golf 2 verkauft hatte, juckte es ein bischen in den Fingern. Neben dem Erlös vom Verkauf des 2ers hatte ich noch ein paar Mark gespart – in einer der hiesigen Autoverkaufsplattformen stieß ich dann auf einen 4-türigen Golf 3 GT Special, 1,8L 90PS, in schwarz, mit recht guter Austattung und nur knapp 250.000 Km auf der Uhr. Der Wagen wurde mit einem überschaubaren Tüv-Mängelbericht verkauft, für 600 € habe ich zugeschlagen.

Die Sache mit dem Mängeln und dem Tüv war ja kein Problem, da ich aber keinen Job hatte, brauchte ich auch kein Auto. So stand mein neuer Golf halt in der Garage rum und wartete auf seinen baldigen Einsatz.

Über Ecken und Kanten lernte ich einen der Autoverkäufer, des örtlichen VW-Autohaus kennen. Der Typ war sehr lässig drauf und genoß einige Freiheiten in seinem Job. In Zeiten der Abwrackprämie standen die Hinterhöfe großer Autohäuser voll mit Abwrackautos. Die Schrottplätze waren dermaßen voll, dass dich die Abholung und Verwertung der Fahrzeuge teilweise enorm herauszögerte. Diesem Umstand konnte ich mir für meinen Golf und ein paar Mark nebenbei zu Nutze machen.

Dank meines Verkäufer-Freundes durfte ich mich nach belieben an den Abwrackautos bedienen und so viel mitnehmen, wie ich tragen konnte. Einmal hab ich sogar ein ganzes Auto mitgenommen und nur die nackte Karosserie wieder zurück gebracht. Ein anderes Mal sollte ich im Auftrag Motor + Getriebe aus einem Fahrzeug ausbauen und konnte damit meine klamme Kasse etwas aufbessern.

In der Garage, an unserem neuen Wohnort, war das kein Problem. Da war genug Platz und mir ging niemand auf die Nerven. Kein Nachbar hat sich beschwert und jeder hat davon profitiert. Manchmal, wenn ich des Nachts nicht schlafen konnte – bin ich sogar dann noch in meine Garage gegangen und habe vor mich hin geschraubt. Arbeit macht wirklich frei…

Die Flut an neuen Teilen floß natürlich in meinen neuen Golf. Elektrische Fensterheber und Seitenspiegel, Klimaanlage, Climatronic – mein Golf hatte später alles. Sogar einen andern Motor habe ich eingebaut. Aus einem Abwrackauto konnte ich einen 1,6 Liter Motor mit 101PS und sehr kurz übersetztem Getriebe mit grade mal 90.000Km Laufleistung ergattern und habe all die Komponenten in meinen Golf eingebaut.

Selbstverständlich ging meine neue Golf 3 Session nicht ohne die entsprechende Community über die Bühne. Ich meldete mich im Golf 3 Forum an und nahm fröhlich am Geschehen teil. Nach gar nicht all zu langer Zeit (ich glaube ich hatte grade mal rund 250 Beiträge verfasst), fragte mich einer der Administratoren ob ich nicht Lust hätte als Moderator im Forum tätig zu sein. Ich willigte ein und war fortan lange Zeit als Moderator im Golf 3 Forum aktiv. Dort konnte ich z.B. exzellent bei technischen Problemen – Hilfestellung bieten. Auch ein umfassendes Tutorial zum Thema – Nachrüstung von Klimaanlage/Climatronic geht auf mein Konto.

In so einem Forum lernt man hin und wieder ja auch mal neue Leute kennen, viele flüchtige Kontakte entwickelten sich, einige wurden sogar etwas enger. Nichts im Vergleich zum Chat – aber darum ging es mir auch gar nicht. Das Kennenlernen neuer Leute hatte ich satt. Ich wollte meine Interessen ausleben und lernen. Viele Sachen vom Golf 2, bei dem ich ja schon Profi war, konnte man auf den Golf 3 übertragen. Aber mit dem Golf 3 hab ich mich noch ein Tick intensiver auseinander gesetzt – ich denke ich war ein noch größerer Profi geworden.

Eines Tages, nach unzähligen Arbeitsstunden, war es soweit. Der erste Motorumbau meiner Geschichte war abgeschlossen und ich drehte den Zündschlüssel – 1 – 2 – und mit ohrenbetäubenden Lärm, da ich noch keinen Aufpuff montiert hatte, startete mein neu eingepflanztes Herz. Ich spürte wie meine Augen kurz feucht wurden… Ich hatte es mir ja schließlich auch nicht leicht gemacht. Ich habe nicht, wie jeder, Motor/Getriebe aus einem anderen Golf 3 in meinen Golf 3 eingebaut – nein, ich habe Motor/Getriebe aus einem 96er Passat in meinen 92er Golf 3 eingebaut. Der Aufwand an Anpassungsarbeiten, insbesondere am Motorkabelbaum waren enorm. Das einzige was an der Stelle noch krasser war, war meine eigene Lernkurve. Klimaanlage (nachgerüstet), die Art der Kupplungsbetätigung (Seilzug -> Hydraulik), die Art der Gangwahl (Gestänge -> Seilzug) – das alles war Umfang meines Projektes und es so viel Spaß gemacht und ich habe so viel dabei gelernt.

Das alles in den Schatten stellte dann die erste Fahrt mit meinem eigens gebauten Auto. Motor und Getriebe liefen perfekt und der Fahrspaß war absolut gigantisch. Obwohl ich Leistungstechnisch keinen großen Sprung gemacht habe fühlte sich das Auto absolut genial an. Ich kannte an diesem Golf absolut jede Schraube persönlich, denn ich habe jede Schraube auch sicherlich mehrfach beim Vornamen genannt. Egab ob Jungfernfahrt oder der anschließende Wechsel des Zahnriemens an MEINEM Motor – das war MEIN Auto und es war ober geil.

Sold my Soul

Im letzten Viertel des Jahres 2009 wurde ich telefonisch von der Unbekannten zu ihr bestellt, da Sie mit mir sprechen musste..

Mir war Angst und Bange. Mir wurde kotz-übel und ich fing an zu zittern. Eigentlich wollte ich gar nicht wissen worum es geht, denn es konnte nichts Gutes sein. Die Fahrt zu ihr war die längste und härteste meines Lebens. Unfähig mich richtig auf den Verkehr zu konzentrieren, murmelte ich Gebete zum Herrn hinauf, in der Hoffnung er möge Meiner gnädig sein..

Bei ihr angekommen. Das Auto abgestellt. Der Gang zur Haustür – so muss es sich anfühlen das Tor zur Hölle zu beschreiten. Der Druck auf die Klingel – das Flehen zum Herrn mich endlich zu erlösen, aber es geschah nichts. Die Unbekannte kam, wie gewohnt, die Treppe hinab, meine Tochter auf dem Arm. Ich trat hinein – kurz blickte ich mich nochmal um, vielleicht war der Herr ja doch noch gekommen – aber vergebens.

Oben angekommen gingen wir ins Wohnzimmer, die Unbekannte nahm auf dem Sofa platz – ich lief nervös auf und ab. In Bruchteilen von Sekunden spielten sich ein Duzend Szenarien beispielloser Grausamkeit vor meinem inneren Auge ab. Was – kommt – jetzt? Ich hatte die Frage noch nicht ganz zuende gedacht, da ergriff die Unbekannte das Wort. Wie nicht anders zu erwarten war, traf mich die Nachricht wie ein Blitz beim Scheißen.

Die Unbekannte teilte mir eine erneute Schwangerschaft mit.

Ich hatte ja viele grausame Szenarien vor meinem inneren Auge gesehen – DAS jedoch nicht. Sofort nährten sich auch Zweifel. Etwa von mir?! Wir hatten zwar hin und wieder mal Sex, aber ich wüsste jetzt nicht, dass dieser unverhütet gewesen wäre. Zumal man die Häufigkeit auch an einer Hand hätte abzählen können. 10 Monate, weniger als 5 Mal Sex, keine Erinnerung daran, ob überhaupt unverhütet – der Lipper, ihr seltsames Verhalten, ihre Beteuerung mit dem Lipper nie was gehabt zu haben.. Konnte das sein?!

Meine erste Frage an die Unbekannte war also, ob es auch wirklich von mir wäre. Pikiert durch diese Frage erhielt ich nur die Antwort, dass es natürlich von mir wäre und nie etwas mit irgendwem anders gelaufen wäre..

Die Pille musste ich dann erstmal verdauen. Ich verließ die Wohnung und fuhr zu meinem besten Kumpel, mit dem ich dann über alles sprach.. Auch mit meiner Mutter sprach ich darüber – den restlichen Personen um mich herum enthielt ich diese neuerliche Sensation erst einmal vor.

Es stellte sich dann natürlich die Frage, wie es weiter gehen soll. Der Lipper schien irgendwie vom Erdboden verschluckt und die Situation zwischen der Unbekannten und mir entspannte sich. Einerseits war ich darüber froh, meinen Krieg hatte ich gewonnen, den Preis dafür musste ich dennoch zahlen. Mein Glaube an den Herrn war seitdem übrigens nicht mehr existent.

Das Exil

Ich wohnte immernoch bei meinen Eltern und die Unbekannte bei ihrer Mutter. Platz für zwei Kinder war in keinem der jeweiligen Häuser, daher entschlossen wir uns zusammen zu ziehen. Der Wohnungsmarkt gab zwar einiges her, allerdings waren wir auch beide ohne eigenes Einkommen und die Zeit sehr knapp. Ich hätte gern wieder in meiner alten Heimat gelebt und Platz zum Schrauben war auch gern gesehen.

Der Vater, der Unbekannten, den ich fortan „den Alten“ nannte, betrieb im Nachbarort meiner Heimat einen etwas abgelegenen, trostlosen Campingplatz am See auf einem ehemaligen Bauernhof. Der Alte führte den Betrieb, seit der Scheidung von seiner Frau, alleine. Der ungepflegte, äussere Eindruck der Anlage ließ vermuten, dass er nicht mit ganzen Herzen bei der Sache war.
Das Ding hatte Potential, keine Frage, aber es bedurfte einer Menge Arbeit um einen adäquaten Zustand für solventes Publikum zu schaffen.

Neben dem Campingplatz gab es noch eine alte Gaststätte. Alte Stallungen, die Teilweise zu Wohnraum umgebaut wurden, Schuppen, Garagen, einen großen Hof und das alte Wohnhaus mit großer Deele. Der Alte wohnte mit seiner schwer pflegebedürftigen Mutter in einem der umgebauten Stallungen, zuvor bewohnte er einst das alte Wohnhaus, das später dann die Schwester, der Unbekannten, mit ihrem Partner und deren gemeinsamer Tochter bewohnte.
Alles war alt. Manchmal kam man sich vor, als wäre man, beim Befahren der Zufahrt, in die 80er zurückgereist. Sämtliche Räumlichkeiten, die nicht unbedingt als Wohnraum dienten und auch die alte Gaststätte, standen voll mit altem Gerümpel. Ein Unbändiges Chaos. Für einen ordnungsliebenden Menschen, wie mich, eine gelungene Herausforderung, die ich gern annehmen wollte.

Das alte Wohnhaus mit der großen Deele stand zu diesem Zeitpunkt schon längere Zeit leer. Der Plan stand: Wir würden das alte Wohnhaus beziehen, ich hätte weiterhin Platz zum Schrauben und wir würden den Alten ein bischen unterstützten – denn Unterstützung war dort wirklich von Nöten. Eine Win-Win Situation. Nach einigen Renovierungsarbeiten bezogen wir das Haus im März 2010.

Der Alte, das wusste ich schon vorher, war kein einfacher Typ. Wie schwierig er wirklich war, das konnte ich zu dem Zeitpunkt aber nicht ahnen..

Zurück im Arbeitsleben

Da mein 10 Monats-Tief überwunden war, traute ich mir auch wieder zu arbeiten zu gehen. Der Stellenmarkt war jetzt nicht so pralle, aber eine Stelle bei einem Personaldienstleiter brachte mir ein kleines Erfolgserlebnis.

Für die anstehende Sommerreifen-Saison suchte jener Personaldienstleister entsprechende Fachkräfte, die bei A.T.U. für Entlastung sorgen. Für den Wiedereinstieg war das eine super Sache für mich. A.T.U. hat in Fachkreisen zwar überhaupt keinen guten Ruf, aber das war mir egal, ich wollte wieder arbeiten und nur das zählte.

Ende März fing ich also wieder an zu arbeiten – und das fühlte sich super an. Die Zeit bei A.T.U. war auch gar nicht so schlimm. Der Laden war immer brechend voll, es gab viel Arbeit und das Betriebsklima war sensationell. Ich glaube es lag daran, dass sich alle mit dem Ruf von A.T.U. abgefunden hatten, jedenfalls grenzte die Stimmung jeden Tag an Galgenhumor. Insgesamt war ich nur knapp 3 Monate dort, eine anschließende Option auf Übernahme wurde mir zwar in Aussicht gestellt, ergab sich final aber nicht.

Der Personaldienstleister schickte mich nach der Zeit bei A.T.U. auf den Bau. Genauer gesagt zum Lüftungsbau. In einem der Nachbarorte wurde eine Klinik saniert und die Männer vom Lüftungsbau sollten dort eben eine neue Anlage montieren. Was der Personaldienstleister verschwiegen hatte war, dass die beiden Monteure der auftragsnehmenden Firma, für die ich arbeiten sollte, auf Montage arbeiteten.

Montage, dass heisst man ist weit weg von Zuhause – von Montags bis Donnerstags arbeitet man Tag und Nacht, pennt in einer Absteige, um Donnerstags nach Feierabend den langen Heimweg anzutreten und das Wochenende mit seiner Familie zu verbringen. Für den normalen Arbeitnehmer ist das ein lukrativer Job, da wird richtiges Geld verdient und Spesen bezahlt. Der Personaldienstleister zahlte aber, nach wie vor, den kläglichen Lohn von knappen 10 € – das war mir die Sache nicht wert. Meiner Sklaventreiberin gegenüber erläuterte ich missmutig diesen Umstand und wurde daraufhin ganz rausgeschmissen.

04.04.2010

.. war Ostersonntag. Die Unbekannte bekam tief Nachts die Wehen – oder die Fruchtblase war geplatzt, keine Ahnung wie sich so eine Geburt genau ankündigt. Der Alte fuhr mit der Unbekannten ins Krankenhaus. Ich blieb zuhause, schließlich musste ja irgendwer auf meine Tochter aufpassen.

In meinem Tiefschlaf hatte ich die Situation gar nicht richtig realisiert. So gegen 7 Uhr kam der Alte aber dann ins Obergeschoss, wo die Schlafräume waren und berichtete, dass der Junge gesund zur Welt gekommen war.

Als meine Tochter dann auch irgendwann wach wurde, machten wir uns fertig und brachen auf zum Krankenhaus. Es war die selbe Klinik wie letztes Mal. Ich war recht gefasst, alles war vorbereitet. Wieder hatte ich den Namen festgelegt. Joel sollte er heißen. Was sollte also schief gehen?

Nachdem ich das Zimmer der entsprechenden Station betreten hatte, in dem die Unbekannte mit dem Jungen lag und das Kind zum ersten Mal im Arm trug, wusste ich was schief gehen kann.

Es ging nicht nur schief, sondern steil bergab. Mit Druck von Oben und in Schuhen aus Blei an den Füßen. Das Kind, das ich da in meinen Armen hielt, so unschuldig es auch aussah – es war nicht mein Kind. Einen kurzen Moment saß ich fassungslos, mit dem Jungen auf dem Arm, auf einem Stuhl. Der Junge begann zu weinen und ich bat die Schwester das Kind zu nehmen. DAS war nicht mein Kind, das wusste ich sofort. Nicht etwas weil es schwarz war, nein – aber es war wie eine 1:1 Kopie des Lippers.

Den Lipper habe ich nie getroffen, auch wenn wir mal Kontakt hatten. Auf Bildern jedoch habe ich ihn gesehen. Ich wusste genau wie er aussah, denn wie der Feind aussah – das musste ich im Krieg natürlich wissen. Der Junge sah so aus. Exakt so. Mir wurde schlecht. Ich fuhr nach Hause..

In den kommenden Tagen, Wochen und Monaten kam ich mir wie der größte Vollidiot vor. Es war so offensichtlich. Jeder, ausnahmslos jeder MUSSTE das sehen und niemand, wirklich niemand kümmerte sich um mein Befinden. Haben alle um mich rum tatsächlich gedacht, ich wäre SO blöd und hätte DAS nicht gemerkt? Wollten die mir das weismachen? Hat vielleicht jeder gewusst, dass ich es wusste und es nicht übers Herz gebracht mit mir zu sprechen?

All das, was bis dahin aufgebaut war, basierte auf einer einzigen Lüge. Hätte die Unbekannte mir damals gesagt, dass mehr mit dem Lipper war, hätte ich keine 10 Monate gelitten – dann hätte ich los gelassen. Hätte Sie gleich gesagt, dass Sie sich nicht sicher sei, wer der Erzeuger des Kindes ist, wäre ich niemals in das alte Bauernhaus gezogen. Nichts von all dem, was seit der Nachricht über die Schwangerschaft geschehen war, wäre so geschehen.

Jetzt war ich der Idiot. Belogen von der Frau, die ich meine Freundin nannte und mir einbildete zu lieben. Der Lächerlichkeit preisgegeben. Ein Leben lebend, basierend auf einer dreißten Lüge.

Nach der Entlassung der beiden aus der Klinik, wurde mir jedes Mal schlecht, wenn ich dem Jungen einem Raum war und den Lipper in ihm sah. Es tat mir so leid für den Jungen, der nichts für all das konnte – weder für sein Aussehen, noch für die gigantische Lüge, unter dessen Bedingungen er aufwachsen sollte.

Ich war mir auch sicher, dass der Lipper es insgeheim wusste. Er wusste, dass er der Erzeuger war und verpisste sich feige. Aus Unfähigkeit die Verantwortung für das eigene Handeln und die daraus resultierenden Konsequenzen zu tragen.

Die ganze Situation riss mir, mal wieder, den Boden unter den Füßen weg. Ich fühlte mich leer. Mein Stolz – gebrochen. Mein Vertrauen – verschwunden. Was blieb war ein Scherbenhaufen, dessen Einzelteile ich wie ein Mosaik wieder begann zusammen zu setzen. Der Junge tat mir leid, meine Tochter tat mir leid und ich tat mir auch leid. Für die Unbekannte empfand ich nur noch Abscheu. Noch nichtmal da, wo es unmöglich war es zu leugnen, war Sie dazu in der Lage mit offenen Karten zu spielen.

Mal wieder hatte ich allen Grund dazu Sie für immer aus meinem Leben zu entfernen, mal wieder tat ich es nicht. Aus reinster Herzensgüte, für die beiden unschuldigen Kinder, denen ich ein besserer Vater sein wollte, als es Meiner für mich war, entschied ich mich dazu nicht zu gehen. Die logische Konsequenz, den Entschluss den wahrscheinlich jeder getroffen hätte – ich traf ihn nicht. Zu schön war mein Wunschtraum, ein Familienleben zu leben, im dem alten Wohnhaus am See und alles besser zu machen. Vielleicht hätte man den Betrieb des Alten irgendwann übernehmen können. Ich war gebrochen, ob so oder so. Das Leben basierend auf einer riesigen Lüge – ich lebte es weiter..

Schrauberwut

Nachdem ich bei dem ersten Personaldienstleister ja rausgeschmissen wurde, fand ich im Juni einen neuen Job als Produktionsarbeiter. Wieder lief der Job über einen Personaldienstleister, der Einsatzort: Wincor Nixdorf.

In zwei Schichten habe ich hier Kleinteile vormontiert.
Man nehme eine Metallstange, steckt einen Sicherungsring darauf, schiebt eine Rolle auf die Stange, steckt einen weiteren Sicherungsring darauf – und legt das Teil in die Kiste. Eine ganze Schicht lang. Hin und wieder kam dann mal ein anderes Teil – aber im Kern war das Arbeit für Deppen.
Im Hintergrund liefen immer wieder irgendwelche Geräte zur Probe – ein furchtbares Geräusch, dass einen nach den Schichten sogar noch im Traum verfolgte.

Später, weil ich offenbar gut gearbeitet hatte, durfte ich dann das Gerät montieren, für das ich zuvor die Kleinteile vormontiert hatte. Den Rekord von 30 Stücken pro Schicht habe ich locker überboten. Das Ganze war so anspruchslos, ich hab direkt zwei oder drei Geräte parallel gebaut. Das war viel effizienter – leider wurde man nicht nach Stücken bezahlt, sondern erhielt, sage und schreibe, 7,80 € pro Stunde.

Kaffee gab es zwar jederzeit gratis und man konnte sogar im Gebäude rauchen (unter Abzugshauben) – aber ich glaube wenn Heinz Nixdorf sehen könnte, was aus seiner Firma geworden war, hätte er sich im Grabe umgedreht…
Das war immerhin Wincor-Nixdorf – ein heiliger Gral, zwar nicht unbedingt für mich, dennoch galt eine Anstellung dort immer als Freibrief, für eine unbeschwerte, berufliche Zukunft.
Was Heinz Nixdorf, der Visionär, dort eins geschaffen hatte, das war eine ehrfürchtige Darbietung für die technischen Möglichkeiten seiner Zeit. All seine Nachfolger, die verzweifelt versucht haben, sein Erbe erfolgreich fort zu führen – kläglich gescheitert. Nicht im Ansatz konnte man an irgendeiner Stelle den Versuch vernehmen, die Visionen, des Heinz Nixdorf konsequent weiterführen zu wollen. Ein Jammer. Sein Andenken – für immer besudelt.

Mein bester Kumpel war indes bei einem neu gegründeten Autohaus, als Fahrzeug-Zerleger, angefangen. Stolz berichtete er mir eines Abends, dass  er einen Job für mich dort hätte und ich doch mal vorbei kommen sollte. Gesagt – getan.

Alles war besser, als in der Abteilung bei Wincor-Nixdorf vollkommen zu verblöden. Ich meine, wenn ich z.B. mit Heerde dort gesessen hätte – und, sagen wir mal 12 € die Stunde bekommen hätte – wär das die Zeit unseres Lebens geworden. Oft musste ich, während der öden Schichten, an die Zeit im TBZ denken..
Manchmal, wenn ich auf dem Klo Zeit schinden wollte, konnte ich in den unendlichen Lüftungsschächten sogar ein leises Winseln vernehmen. Ich glaube das war Heinz Nixdorf und für mich ein Zeichen, dass ich schleunigst verschwinden müsste.

Als ich mit meinem Kumpel am Autohaus angekommen war, sah ich nur Smarts. Offensichtlich wurde hier nur mit Smarts gearbeitet – na gut, die kannte ich von der Zeit aus der Mercedes-Werkstatt schon ein bischen und bei A.T.U. war mir auch der ein oder andere Smart auf die Bühne gerollt. Allerdings haben viele andere Werkstätten von der frickeligen Technik dieser speziellen Fahrzeuge lieber die Finger gelassen – aus gutem Grund.

Das Gespräch mit den beiden Chefs verlief gut, es waren zwar Afghanen, aber wir waren auf einer Wellenlänge. Hier wurde ehrliches Deutsch gesprochen, das gefiel mir gut. Ich wurde zum Probearbeiten eingeladen. Bei Wincor-Nixdorf bzw. dem Personaldienstleister hatte ich mich in der Zeit krank gemeldet – ich war ja erst einen Monat da und Urlaub hätte ich nicht bekommen.

Das Probearbeiten lief super, ich verstand mich mit allen Mitarbeitern an anhieb. Ich fühlte mich wohl, endlich wieder in einer Werkstatt zu stehen und das zu tun, was ich am Besten konnte. Ich sollte den Job bekommen. So fing ich zum 1.8.2010 in dem Autohaus an und wurde Smart-Spezialist.

Bei Smarts und das war sehr speziell, starben in der ersten Modellgeneration die Benzinmotoren bei Laufleistungen zwischen 80.000 – 120.000 KM. Das Geschäftsmodell der beiden Afghanen sah vor, generalüberholte Motoren in die Fahrzeuge einzusetzen. Mit kostenloser Abholung, des defekten Fahrzeugs und 3 Jahren Garantie zu einem sagenhaften Preis. So wurden aber nicht nur Kundenfahrzeuge abgewickelt, sondern auch eigene Fahrzeuge wieder auf Vordermann gebracht und zum Verkauf angeboten. Ein solcher Smart, mit generalüberholten Motor, wurde seinerzeit ab 3000 € angeboten.

Das Geschäft lief wie bescheuert – fortan war ich tagein tagaus damit beschäftigt neue Motoren in die Smarts einzubauen und weitere Reparaturen durchzuführen. In meiner ganzen Zeit dort habe ich in so hoher Anzahl neue Motoren verbaut, dass die Stückzahl über das ganze Beschäftigungsverhältnis bei über 1000 Fahrzeugen lag.
Immer bessere Methodik, immer höhere Geschwindigkeit – immer mehr Fahrzeuge pro Tag. Meine Schrauberwut – ich ließ ihr freien Lauf.

Immer das Gleiche

Ich war täglich bis 17 Uhr arbeiten und die Unbekannte kümmerte sich Zuhause um Kinder und Haushalt. Zumindest dachte ich mir das so. Zu meinem Leidwesen musste ich mich immer wieder über größere Defizite bei der Haushaltsführung ärgern. Die Unbekannte wünschte sich mehr Unterstützung, schob die Sachen auf, es nervte tierisch.. Es gab einfach keine Konstanz in Ihren Abläufen und jedes Mal auf’s Neue musste ich mit ansehen, wie mein Haus einem Saustall glich.

Die Ausreden waren vielfältig. Mal musste Sie ihrem Vater helfen, mal war Dies, mal Das.. Wenn es mir meine Kraft, nach der Arbeit, noch ermöglichte – übernahm ich die Sache halt, höchst widerwillig, selbst.

Gefühlt war immer für alles was Sie betraf Zeit da, für das, meiner Meinung nach, wesentliche allerdings nicht. Ich erinnere ich noch gut daran, dass Sie des Öfteren Abends raus gehen wollte, ob ich mitkommen wollte wurde nie gefragt, es endete immer wieder gleich… Nachdem sie mich mit noch fremderen Blick als sonst angefleht hat bitte gehen zu dürfen, ließ ich Sie schließlich gehen – ärgerte mich dann, dass ich, der Vollidiot, alleine im Saustall die Kinder hüte, während Sie kein Ende fand und irgendwann, mitten in der Nacht, wieder auftauchte… Tags drauf habe ich meist nie mit ihr geredet, zu groß war meine Wut.

Was nahm Sie sich denn bitteschön raus? Das ich noch da war, war ja immmerhin keine Selbstverständlichkeit. Der Dank? Undank. Meine Gütmütigkeit? Ausgenutzt, wie immer. Frustration und Verzweiflung. Wenigstens konnte ich mit der Situation um den Jungen etwas besser umgehen. Es fiel mir auch schwer ihr Gefühle zu zeigen, in der Vergangenheit hatte Sie ja auch genug darauf herumgetrampelt – meine Gefühle behielt ich daher für mich. Ein Faktor, der auch immer wieder für unliebsame Reiberei sorgte. Während ich meine Emotionen eigentlich nur im Beischlaf wirklich zur Geltung bringen konnte, enthielt Sie sich lieber und bestand auf andere Formen. Das war mir zuwider und hatte Frust und Verzweiflung zur Folge..

Zwischenzeitlich wurde die Unbekannte wieder schwanger. Eigentlich nahm Sie ja die Pille, dachte ich zumindest. Allerdings muss man die ja ziemlich regelmäßig nehmen – das scheint schwerer zu sein als gedacht. Recht schnell stand aber fest, dass wir die Schwangerschaft abbrechen wollen. Weder Zeitpunkt noch sonst irgendwas waren auch nur im Ansatz dazu geeignet noch ein Kind zu bekommen. Sie hat den Termin in der Klinik vereinbart. Wir sind zusammen dorthin gefahren. Es war unsere Entscheidung und die war sehr hart zu treffen. Auch wenn es sich um ein kontroverses Thema handelt, dafür möchte ich mich nicht rechtfertigen, verurteilt werden oder entschuldigen. Niemals.

Wir haben die Sache nie an die große Glocke gehangen, weil wir uns dafür schämten. Großartig darüber geredet hatten wir auch nicht. Nie wieder. Es sollte einfach nur vergessen werden. Ungeschehen. Verdrängt.

Aber es ist eine Geschichte, die das Leben schrieb. Ich selbst hätte niemals jemanden für solch eine Entscheidung verurteilt. Auch mich selbst nicht.

Wie die Unbekannte damit umgegangen ist, konnte ich nur erahnen, aber es war sicherlich nicht leicht. Diese schwere Entscheidung hatte uns aber wieder ein Stück näher zusammengebracht.
Einige Zeit später bekam die Unbekannte, wie Sie mir mitteilte, eine Gebärmutterentzündung. Ich nahm an, es war aufgrund des Schwangerschaftsabbruchs. Körperlich sind wir uns in der Zeit nicht großartig näher gekommen, natürlich aufgrund der gesundheitlichen Defizite. Damit konnte ich umgehen, schließlich war es eine Konsequenz unserer Entscheidung.

Ich bin mehr..

Das Jahr 2011 war schon lange herangebrochen. Die Arbeit lief immernoch gut, leider schlichen sich immer wieder Unstimmigkeiten mit dem Senior Chef ein. Ich hätte zu wenig Erfahrung und sollte deswegen keine mir unbekannten Arbeiten machen. Meine Arbeitsqualität wäre nicht gut genug. Meine Disziplin zu schlecht.

Alles Punkte, die ich nicht so richtig nachvollziehen konnte. Man wächst mit seinen Aufgaben, das hat mir die Vergangenheit, allen voran meine beiden Autos, gezeigt. Qualität braucht Zeit, Qualität braucht Kontrolle. Wenn jemand auf der einen Seite nörgelt, dass die Reparaturen zu lange dauern, dann darf man sich auf der anderen Seite nicht über mangelnde Qualität beschweren.
Was die Disziplin betrifft, da hätte der Senior sich mal besser an die eigene Nase gefasst. War ich bei Zeiten stets pünktlich um 8 Uhr an der Firma, musste ich teilweise 10 -30 Minuten warten, bis der gnädige Herr denn mal ankam und die Türen aufgeschlossen hat. Irgendwann kam ich dann auch erst ab virtel nach 8 – dann brauchte ich wenigstens nicht mehr in der Kälte warten.

Der Junior kam in der Zwischenzeit auf die Idee, dass man ja auch den breiten Fahrzeugmarkt erschliessen kann, in dem man die Motorüberholung einfach für alle Fahrzeuge anbietet. Für dieses neue Segment wurde sogar eigens eine neue GmbH gegründet, der Maschinenpark erweitert und neue Mitarbeiter eingestellt.

Die Idee war gut, die Umsetzung war schlecht. Wenn Laien versuchen etwas zu machen, von dem sie keine Ahnung haben, dann geht das meist schief. Ich ahnte, dass das Unterfangen schief gehen würde und machte mir Gedanken über meine Zukunft.

In der Vergangenheit habe ich, während der Abwesenheit unserers Werkstattmeisters, immer mal wieder selbst die Rolle des Werkstattleiters übernehmen dürfen. Das fühlte sich großartig an. Mit Kunden telefonieren, organisieren, den anderen Kollegen mit Rat und Tat weiterhelfen. Da war er wieder – der heilige Gral. So musste es sich anfühlen wenn man Meister wäre. Das wollte ich – unbedingt!

Als Kraftfahrzeug-Servicemechaniker, der, wie ich, nun 1 1/2 Jahre weit über dem Niveau eines normalen Servicemechanikers gearbeitet hat – wollte ich mich natürlich nicht mehr mit weniger zufrieden geben. Jetzt noch irgendwo weiter lernen und KFZ-Mechatroniker werden, wo mein Gehalt jetzt schon knapp war? Das kam nicht in Frage. Auch würde es nicht leicht werden irgendwo anders unterzukommen.
Im Netz informierte ich mich dann über die Meisterschule.

Um Meister zu werden muss man vier Prüfungen bestehen, am besten besucht man vorher entsprechende Vorbereitungskurse. Finanzieren konnte man all das über das Meister-Bafög, coole Nummer.
Aber einen Haken hatte die Sache – ich hatte keinen Gesellenbrief, denn als KFZ-Servicemechaniker ist man, in den Augen der Handwerkskammer, kein Geselle. Allerdings hatte ich ja jetzt schon einige Berufspraxis und meine telefonische Nachfrage bei den entsprechenden Stellen gaben mir positive Rückmeldungen.

So entschied ich mich, die Kurse zu buchen und die Finanzierung zu beantragen. Den Job im Autohaus habe ich zum 15.01.2012 gekündigt und ab dem 29.01.2012 sollte ich den ersten Vorbereitungskurs besuchen.

Fachtheorie

.. so nennt sich der zweite Teil der Meisterprüfung. Der ensprechende Vorbereitungskurs begann und ich war extrem nervös. Ich hatte Angst mich zu blamieren, Angst, dass alles was ich bis dato gerlent habe vielleicht gar nichts wert war. Ich hatte Angst zu scheitern.

Um eine ausreichende Finanzierung unseres Lebens sicherzustellen, unterzeichnete ich die rechtliche Vaterschaft für den Jungen, der nicht meiner war. Ab dem Zeitpunkt war er offiziell mein Junge, eine Entscheidung, die mir nicht leich fiel – aber ich hatte ihn nun heranwachsen sehen und es fühlte sich richtig an.

Die Kurse fanden alle samt im TBZ statt. Ich kehrte also wieder an den Ort zurück, an dem ich meinen Staplerschein machte und meine Lehre absolvierte.
Die ersten Tage in dem Vorbereitungskurs waren hart. Während um mich herum scheinbar alle immer wussten, was zu tun war – saß ich teilweise nur da und verpasste den Anschluss. Ich fühlte mich mies und innerlich war ich bereits nach zwei Wochen, an der neuen Herausforderung, gescheitert.

Im Laufe der Zeit allerdings, lernte ich meine Mitstreiter besser kennen. Wir fachsimpelten und hatten Spaß. Einige kamen unmittelbar nach der Lehre auf die Meisterschule, andere hatten bereits 20 Jahre im Beruf verbracht. Wieder andere waren 10 Jahre gar nicht im Beruf. Und ich? Ich kam zwar aus dem Beruf, war aber gar kein Geselle. Die Gemeinschaft war geil, es bildeten sich, wie in der Schule, kleine Gruppen und stellte fest, dass ich gar nicht so dumm war, wie ich mich fühlte.

Die Reihenfolge, in der die einzelnen Teile der Prüfung abgelegt werden konnten war beliebig. Einige im Vorbereitungskurs hatten schon die drei andern Prüfungen abgelegt, andere erst Einen. Die Gruppe, in der ich Anschluss fand, wir sollten alle Teile und Kurse gemeinsam belegen.

Der Vorbereitungslehrgang für die Fachtheorie dauerte am längesten von allen und war inhaltlich am umfangreichsten. Im Grunde genommen haben wir alles nochmal von vorne gelernt – nur richtig. Hinzu kamen Existenzgründungsseminare und kaufmännische Grundlagen.

Die anfängliche Nervosität verflog bald und ich fühlte mich sicher und stark. Zusammen haben wir das neue Wissen aufgesogen und uns in Lerngruppen getroffen, um alles durchzuarbeiten und zu begreifen.
Langsam kam zurück, was ich lange verloren hatte – Selbstvertrauen.

Anfang März schien die Gebärmutterentzündung, der Unbekannten, langsam abzuklingen und neben den obligatorischen Mängeln in der Haushaltsführung lief es zwischen uns eigentlich ganz gut.
Die Kinder entwickelten sich hervorragend und mein Leben kam mir das erste Mal seit langem wieder wie ein richtiges Leben vor.
Alles sollte perfekt werden, als Meister hätte ich viel mehr Geld verdient, wir hätten uns alle Träume und Wünsche erfüllen können.

Schicksalsprüfung

Der Tag, der Prüfung rückte immer näher, alle wurden nervös.
Für einige bedeutete die Prüfung das Ende ihrer Reise – für die Gruppe um mich herum erst den Anfang. Knapp vier Monate waren wir schon im Lehrgang und hatten noch rein gar nichts erreicht.

Der Prüfungsausschuss verweigerte mir zu allem Überfluss dann noch die Zulassung zur Prüfung. Ich war kein Geselle und sollte auch kein Meister werden dürfen. Das traf mich wie ein Schlag und sofort fing ich an, alles zu unternehmen, um diesen Umstand zu ändern.
Zusammmen mit einem der Dozenten und einem höheren Angestellten des TBZ fanden wir aber eine Lösung für das Problem. Ich hatte lediglich nachzuweisen, dass ich im Laufe meiner Berufspraxis alle relevanten Arbeiten, der mir fehlenden Lehrjahre, in der Vergangenheit durchgeführt hatte.
Gesagt, getan. Ich arbeitete ein Dokument aus, in dem ich alle Arbeiten, die im Zusammenhang mit den Inhalten der Lehrjahre drei und vier, der KFZ-Mechatroniker Lehre, standen aus und führte sämtliche Tätigkeiten auf. Jenes Dokument ließ ich dann im Autohaus, von meinem ehemaligen Chef unterschreiben.
Der Prüfungsausschuss gab sich damit zufrieden und ich durfte weiter machen.

Die Prüfung selbst war dann wirklich schwer. Gefühlt hatte ich keine der Rechnenaufgaben korrekt lösen können und bei einigen Fragen den totalen Blackout. Ich sog mir irgendwas zusammenhängendes aus den Fingern, nur um nicht Nichts zu schreiben. Meiner Gruppe ging es ähnlich – das Gefühl war schlecht, die Stimmung im Keller.
Bis zur Verkündung der Ergebnisse sollte es über einen Monat dauern. Unmittelbar mit der Prüfung endeete naütrlich auch der Vorbereitungskurs und ich hatte zwischen den Lehrgängen knapp einen Monat frei.

Zur Verkündung der Ergebnisse wurde der gesamte Kurs dann in die Nachbarstadt zitiert.
Wie unsinnig, knapp 30 Mann, in die 30 KM entfernte Nachbarstadt zu schicken, nur um die Ergebnisse, der Prüfung mitzuteilen..
Analog zum TBZ in meiner Heimatstadt, gab es das HBZ in der Nachbarstadt. Sitz der Handwerkskammer und der Grund, warum wir alle dorthin kommen mussten.
Zur genannten Zeit versammelten wir uns alle in einem der Flure des HBZ, wir hatten uns jetzt längere Zeit nicht gesehen, aber wir waren auch alle extrem Nervös, daher fielen lockere Gespräche natürlich flach.
Nach schier endloser Warterei, in quälender Ungewissheit ging dann eine Tür auf und ein Mann trat heraus.
Die knapp 30 versammelten sich um jenen Mann und hingen gespannt an seinen Lippen. Totenstille. Der Mann fing an Namen aufzurufen. Es waren die Namen derjenigen, die die Prüfung nicht bestanden hatten.
Ein Name nach dem anderen fiel und innerlich flehte ich darum, dass mein Name nicht der nächste wäre. Einige aus meiner Gruppe wurden genannt, spätestens da war ich mir sicher, dass mein Name auch fallen würde. Banges Warten. Ich war starr vor Angst. Verzweifelt versuchen wir die Reihenfolge der Namen, auf der Liste, zu erahnen – alphabetisch war es nicht.

Jeder der Durchgefallenen erhielt einen Zettel und verschwand dann in einer Ecke des Flures. Gleich würde ich auch einen Zettel bekommen und den Anderen in die Ecke folgen, dessen war ich mir sicher. Zu schlecht war mein eigenes Gefühl über die Prüfung.

Der Mann hörte in der Zwischenzeit auf weitere Namen zu nennen. Die Verbliebenen inklusive mir standen da, wie angewurzelt. Jeder hatte offenbar damit gerechnet einen Zettel zu bekommen. Jeder hatte sich damit abgefunden, den Anderen in die Ecke zu folgen.
Eine andere Tür im Flur des HBZ öffnete sich und die Gruppe der Verbliebenen wurde hineingebeten.
Hatten die mich vergessen?? In Bruchteilen von Sekunden liefen wieder sämtliche Szenarien vor meinem innere Auge ab. Wahrscheinlich wurde meine Prüfung einfach anulliert, weil ich ja gar kein Geselle war. Irgendwo lag sicher ein Missverständnis vor..

In jenem Raum angekommen, blieb ich an dem Platz direkt neben der Tür stehen. Wenn mein Name doch noch irgendwie genannt werden sollte, konnte ich wenigsten schnell verschwinden, ohne dass ich die Blicke der Anderen ertragen müsste.
Es folgte ein Monolog eines Mitglieds, des Prüfungsausschuss. Es war langweilig und weiterhin liefen Horrorszenarien vor meinem inneren Auge ab.
Es sollte sich offenbaren, dass alle im Raum befindlichen Personen, die Prüfung bestanden hatten.
WAS? ICH? Das konnte ich nicht glauben. Das MUSSTE ein Irrtum sein. Glauben konnte ich das Ganze erst, als ich das Zeugnis, über das Bestehen der Prüfung tatsächlich in den Händen hielt.
Was dann mit mir geschah kann ich kaum in Worte fassen – ich emfpand, das erste Mal seit dem Iron Maiden Konzert im Jahr 2000, grenzenlose Freude. Mein ganzer Körper war überflutet von Glücksgefühlen und 10 Minuten lang jubelte ich still in mich hinein. JA JA JA JA JA JA JA JA JA JA JA JA – ICH – HABE ES GESCHAFFT.
Was das Mitglied des Prüfungsausschusses währenddessen noch sagte konnte ich gar nicht vernehmen, es war mir auch egal. ICH HATTE ES GESCHAFFT und fühlte mich grenzenlos stark. Die ganze Zeit musste ich mich beherrschen nicht los zu heulen – meinem Nebenmann murmelte ich die ganze Zeit nur zu „Wir haben bestanden- wir haben bestanden – wir haben bestanden – ich fasse es nicht“.

Ich war so glücklich. Der Schub, den mein Selbstvertrauen erfuhr, war grenzenlos. Jetzt sollte nichts mehr schief gehen. Der steinige Weg zum Meister meines Handwerks – die schwerste Hürde war genommen.

Fachkaufmann und Ausbilderschein

.. waren die nächsten beiden Teile meines Weges. Der kaufmännische Kurs war so ziemlich das langweiligste, was ich schulisch je erlebt habe. Den Ausbilderschein würde jeder bestehen, der über reinen Menschenverstand verfügte. Beide Prüfungen hatten ihre Tücken, aber wieder hatte ich beide auf Anhieb bestanden.
Im Gegensatz zur Fachtheroie, hatten an diesen beiden Kursen Teilnehmer aus allen Bereichen des Handwerks teilgenommen. Viele neue Kontakte gab es aber nicht. Weiterhin fand Alles innerhalb unserer Gruppe statt.

Zwischen den Lehrgängen lagen immer Mal wieder längere Pausen – das war sehr angenehm. Bei den Prüfungen und den jeweiligen Ergebnisverkündungen war ich aber auch jeweils wieder sehr nervös. Umso größer die Freude, wieder bestanden zu haben. Wieder eine Hürde genommen, auf dem Weg zum heiligen Gral.

Zuhause lief es weiterhin wie gewohnt. Mein neues Selbstvertrauen gab mir aber groß keinen Anlass irgendetwas schlechter zu machen, als es eigentlich war. Mein neues Selbstbewusstsein veränderte meine Wahrnehmung der Dinge. Mein Fokus lag ganz wo anders – alles Andere musste einfach funktionieren, egal wie.

Fachpraxis und Donnerschlag

Der letzte Teil stand an. Eigentlich war es Teil 1. Etwas über einen Monat sollte der Kurs nur dauern.
Der Kurs hieß damals „Vorbereitungskurs auf die Prüfung zum Kraftfahrzeug-Servicetechniker“.
Der Servicetechniker lag über dem Niveau eines Mechatronikers und daher war dieser Lehrgang in jeder Hinsicht ein Novum für mich. Die bestandene Prüfung zum Kraftfahrzeug-Servicetechniker galt als bestandener Teil 1 der Meisterprüfung.

Der Kurs fand hauptsächlich in der Werkstatt des TBZ statt. Das war die selbe Werkstatt, in der ich damals gelernt hatte. Hier kannte ich jede Mauerritze, jedes Auto und jedes Prüfgerät bereits. Der Kurs und die anschliessende Prüfung sollten für mich ein Heimspiel werden. Quasi mein eigenes Finale Dahoam.

Wir übten unzählige Szenarien, die in der Vergangenheit Bestandteile der Prüfungen waren. Klimaanlagen, Dieseltechnik, Achsvermessung, Dialogannahme, Auftragsabwicklung, Einspritzsysteme und so weiter. Es lief wie am Schnürchen.

Eines Nachmittags, gegen Ende der Woche kam ich, wie gewohnt, nach Hause. Meine Meister-Truppe und ich hatten uns an diesem Wochenende zu einer LAN-Party in der alten Gaststätte am Campingsplatz verabredet.
Zuhause war allerdings niemand und meine Versuche einen Kontakt herzustellen wurden nicht beantwortet. Ich hatte mir nichts weiter dabei gedacht, aber irgendwie war es doch merkwürdig.
Es klopfte an der Tür – die Schwester, der Unbekannten stand davor. Ich bat sie herein und wir saßen in der Küche.

Ich ahnte nichts Schlimmes, mein Selbstvertrauen war groß – meine Sorgen klein. In der jüngeren Vergangenheit gab es auch nichts, was mir den Anlass gab mich schlecht zu fühlen. Bis hier hin meinte ich ja auch, dass ich alles an Grausamkeiten schon erlebt hätte. Ich sollte mich irren.
In dem folgenden Gespräch mit der Schwester, der Unbekannten offenbarte Sie mir etwas über die Unbekannte, das sich so abstrakt anhörte, dass ich es weder glauben konnte, noch glauben wollte.
Ich erfuhr, dass die Gebärmutterentzündung, keine Gebärmutterentzündung war, sondern eine Schwangerschaft. Die Heilung war gar keine Heilung, sondern die Geburt. Nur – wo war das Kind? Hatte Sie es versteckt, oder getötet? Mein Entsetzen über diese Nachricht schoss mir durch Mark und Bein und ich fragte mich, was mit dem Kind passiert ist. Auch das sollte ich erfahren. Es war am Leben, aber die Unbekannte hatte es nicht versteckt. Sie hatte es zur Adoption freigegeben. Direkt nach der Geburt. Ohne es selbst gesehen zu haben.
Gefühlt saß ich eine halbe Stunde, stoisch und mit offen stehendem Mund in der Küche. Die Unbekannte hatte W-A-S? Ich versuchte das ganze zu realisieren, aber es war zu surreal für mich. Das konnte einfach nicht wahr sein..

Einen Moment hielt ich inne und dachte an den Sommer. Zwischen den Lehrgängen von Teil 3 und 4 war die Mutter, der Unbekannten häufiger am Campingplatz. Ich erinnerte mich an eine merkwürdige Situation, in der die Mutter, der Unbekannten mir berichtete, dass ein Vertreter der Krankenkasse da gewesen wäre, wegen dem neuen Kind.
Was für ein neues Kind? Es gab kein neues Kind. Welches Kind war gemeint? Etwa das, von der abgebrochenen Schwangerschaft? Kam nun etwa alles ans Licht?
Zum Glück gab es kein größeres Aufsehen um die Sache mit dem Vertreter und schnell geriet die Sache auch wieder in den Hintergrund.

Jetzt, wo ich da mit der Schwester, der Unbekannten in der Küche saß, da wusste ich auch welches Kind gemeint war. Das Entsetzen wurde immer größer.
Ich hatte keine Idee was ich denken oder machen soll. Ich dachte ja, ich hätte schon alles erleben müssen – aber das lag weit außerhalb meiner Vorstellungskraft..
Wie konnte ich so naiv sein und das nicht merken? Geschickt wurde ich mit einer billigen aber plausiblen Geschichte mit der Gebärmutterentzündung getäuscht.
In aller Stille und Heimlichkeit hatte die Unbekannte alles in die Wege geleitet, ohne das es auch nur ein Einziger um Sie herum mitbekommen hat. Das war ebenso grotesk wie faszinierend. Nicht einmal die Geburt hat irgendwer realisiert oder mitbekommen.
Ein perfekter Plan. Perfekt umgesetzt. Alle sollten an der Nase herumgeführt werden. Der einzige Fehler war ein Dokument, im Büro ihres Vaters, das alles ans Licht brachte.
Hätte die Unbekannte es wohl jemals von selbst offenbart, wenn dieses Dokument nie gefunden worden wäre?
Wie konnte Sie selbst damit leben und so weitermachen, als wäre nichts passiert??

Die Unbekannte hatte sich bis dahin schon viel geleistet, doch das stellte alles bisher da gewesen maßlos in den Schatten.
Ich teilte ihr mit, dass ich meine Kinder wieder haben will und sie danach nie mehr wieder sehen wollte.
Um auf andere Gedanken zu kommen lud mich der Alte am Abend auf ein Bier bei einer Runde Billard ein. Auch meine LAN-Party sollte trotzdem stattfinden.
Ich wollte nicht wieder zurück ins Loch, ich hatte es nach so langer Zeit geschafft den Kopf heraus zu strecken und lebte ein richtiges Leben – das wollte ich mir nicht kaputt machen lassen. Nicht so. Nicht jetzt.
Die Unbekannte, ich nehme an Sie war bei ihrer Mutter, blieb das ganze Wochenende mit den Kindern fern.

Auf meine LAN-Party, in der alten Kneipe, kamen nicht nur die Leute aus der Meister-Truppe, auch einige meiner alten Freunde, mit denen ich seit geraumer Zeit nur noch sporadischen Kontakt hatte, waren da.
In dieser Situation das Beste was mir passieren konnte – so konnte ich erfolgreich verdrängen, was ich am Tag zuvor erfahren musste.
Es war ein Problem, das ich nicht haben wollte. Nicht haben und nicht wahr haben. Als die Unbekannte mit den Kindern wieder nach Hause kam, wollte ich allerdings weiterhin nichts von ihr wissen.

[Zeitsprung]
Natürlich versuchte ich alles in meiner Macht stehende, um so viele Informationen wie möglich über diese Angelegenheit zu sammeln.
Ich besuchte einen Rechtsanwalt und trug ihm die Geschichte vor. Mit Verwunderung musste ich aber feststellen, dass es für mich, als rein theoretischen Vater, gar keine Möglichkeit gibt irgendetwas zu erfahren.
Meine Bemühungen? Gescheitert, an den Gesetzen dieses Landes. Für mich fand die Sache darin aber einen Abschluss.
Hin und wieder dachte ich Anfangs immer mal wieder an das Kind und wie es ihm wohl ergeht. Mit der Zeit verschwand die Angelegenheit aber dann doch im Hintergrund.
Wer weiß ob dieses Kind überhaupt von mir ist?! Wahrscheinlich werde ich es nie erfahren. Ich will es auch nicht erfahren. Das Einzige was ich will ist, dass es dem Kind, wo auch immer es sein Zuhause gefunden hat – gut geht und Eltern hat, die, wie ich, alles in ihrer Macht stehende tun werden, damit sich das niemals ändert.

Der heilige Gral

Langsam näherte sich das Jahr 2012 dem Ende entgegen und die letzte Prüfung stand an. Unser Kurs wurde alphabetisch in zwei Gruppen aufgeteilt, um die Prüfung abzulegen.

Ich war in der ersten Gruppe und folglich legten wir die Prüfung auch zuerst ab. Unsere Prüfer waren uns bereits aus der Vergangenheit bekannt. Es war eine Grupper älterer Herren, der hohe Rat des Kraftfahrzeugtechniker-Handwerks. Erz-konservativ und traditionell – wir wussten alle was wir zu tun hatten. Es lief perfekt.
Alle Teilnehmer, des ersten Prüfungstages, hatten ein super Gefühl. In unserer Messenger-Gruppe teilten wir unsere Erfahrungen mit und machten der zweiten Gruppe Mut.

Am folgenden Tag war dann die zweite Gruppe dran – gespannt hing ich am Messenger und wartete ihre Rückmeldung ab. Sie erwischten allerdings eine andere Gruppe von Prüfern, die ihnen die Prüfung zur Hölle machten. Alle Teilnehmer, des zweiten Prüfungstages, waren sich sicher, dass die es nicht geschafft haben. Unter Ihnen war der größere Teil, meiner Meister-Truppe.

Am 15.12.2012 war es dann soweit. Im Anschluss an ein Fachgespräch, das Teil der Prüfung war, wurden auch die Ergebnisse bekannt gegeben.
Die Themen der Gespräche konnte man natürlich im Vorfeld nicht wissen, aber alles war möglich. In Lerngruppen hatten wir uns wieder in der alten Gaststätte getroffen und die Defizite jedes Einzelnen aufgearbeitet.
Wieder einmal war ich im TBZ und stand auf einem Flur. Auf einem Stuhl sitzend wartete ich darauf, vom Prüfungsausschuss zerfleischt zu werden. Ich war eigentlich gar nicht nervös – das gute Gefühl aus der praktischen Prüfung und den Resultaten der Lerngruppe hatte mich gefestigt.
Der Moment, in dem mein Name aufgerufen wurde und ich den letzten Gang antrat – es war ein Monumentaler.
In meinem Fachgespräch ging es um das Thema Fahrwerke. Die Situation, die mir vom Prüfungsausschuss vorgetragen wurde – exakt so hatten wir sie im Vorbereitungskurs auch durchgesprochen. Der Matchball lag in meiner Hand – ich hab ihn versenkt.

Im Anschluss an das Fachgespäch trafen wir uns dann alle zur Ergebnisverkündung.
Natürlich war ich auch wieder ein bischen nervöser geworden, schließlich war es die Zielgerade eines langen und steinigen Weges.
Einer der Dozenten aus den Vorbereitungskursen war auch da und hatte beim Prüfungsausschuss spioniert. Er sah uns unserer Nervosität natürlich an und als er mich ansah sagte er „Bei dem was ich bei dir gesehen habe, brauchst du dir mal so gar keine Sorgen machen“. Das stimmte mich zwar positiv, aber nahm mir meine Nervosität natürlich nicht. Schwarz auf Weiß – nur das zählte.

Wieder banges, endloses warten. Dann ging wieder eine Tür auf und ein Mann trat heraus. Von den ca. 15 Prüflingen hatten es einige Wenige nicht geschafft. Sie erhielten den obligatoischen Zettel und verschwanden danach unauffällig.
Die restliche Truppe wurde dann in einen Raum geleitet – es sollte der Gang in die Ruhmeshalle werden.
Wir standen alle in einer Reihe, wie die Hühner auf der Stange und lauschten gespannt den Worten des Prüfers. Wir wurden beglückwünscht. Der Reihe nach erhielten wir unsere Zeugnisse und jeder, der damit die vier Prüfungen erfolgreich abgeschlossen hatte – durfte sich fortan Meister nennen.

Es war geschafft und ich fühlte mich großartig. Der, der nie Geselle war, ist jetzt Meister. Ich hatte den heiligen Gral erreicht.

In unbändiger Freude entschlossen wir, uns später in der Stadt zu treffen und unseren Triumph gebürend zu feiern.
So geschah es dann auch. Bis tief in die Nacht feierten wir unsere Leistungen, mit reichlich Alkohol und lauter Musik. Es war der krönende Abschluss eines tollen Jahres, das ich immer gern in Erinnerung halten werde.

I tried so hard and got so far

2013 wollte ich dann in Ruhe die Optionen für eine neue Stelle prüfen. Auch über eine Selbständigkeit habe ich nachgedacht.
Zu der nötigen Ruhe sollte es allerdings nicht kommen, denn das Arbeitsamt sperrte mir das Arbeitslosengeld. Ich hatte selbst gekündigt und sich beruflich weiterzubilden, ist kein wichtiger Grund, im Sinne des Arbeitsamts, um seinen Job zu kündigen.
Es gab aber die Optionen, wenn man ein volles Jahr, nach der eigenen Kündigung, auf Leistungen verzichtet, ohne Sperrzeit davon zu kommen. Das Jahr war ja fast rum – also nahm ich diese Option wahr. Aber auch diese Option sollte nicht klappen, meldete das Jobcenter omninöse Erstattungsansprüche gegenüber dem Arbeitsamt an.

Ergo stand ich da, ohne Job und ohne Geld. Ich musste schnell handeln und sondierte den Stellenmarkt. Es gab genau eine Stelle, die für mich in Frage kam – wieder war es eine Smart Werkstatt, aber eine Andere und es sollte als Meister sein.

Die beiden Smart-Werkstätten in meiner Geschichte gingen aus einer Partnerschaft der jeweiligen Inhaber hervor. Nach einem Streit der beiden beschloss jeder von Ihnen, sein eigenes Ding durch zu ziehen.

Ich bewarb mich auf die Stelle, wurde zum Probearbeiten eingeladen, überzeugte und bekam den Job. Auch wenn es nur eine Notlösung war, immerhin war es ein nahtloser Übergang. Weiterhin tat ich das, was ich im besten konnte – und verdiente mehr Geld dabei. Allerdings handelte es sich nicht um eine vollzeit Stelle. Mein Vertrag galt für 24 Stunden in der Woche – dem Wunsch des Chef entsprechend, arbeite ich somit an drei Wochentagen voll – und hatte Donnerstags und Freitags frei.

Neben der normalen Arbeit nahm ich die Planungen für die Selbständigkeit auf. Der Stellenmarkt gab nicht sonderlich viel her, ausserdem wollte ich in der Nähe arbeiten. Ich suchte mir einen Ort aus, fand eine Halle und Inventar, aus einer Insolvenz. Da ich kein Eigenkapital hatte, sollte alles finanziert werden.
Um diese Möglichkeiten zu besprechen, vereinbarte ich einen Termin bei einem Betriebsberater der Handwerkskammer. Hier wurde ich umfassend beraten und mit der Hausaufgabe „Buisness-Plan erstellen“ anschließend nach Hause geschickt.

Eines Sonntags dann legte ich los, den ganzen Tag verbrachte ich am Computer und erstellte den Plan für mein eigenes Geschäft. Sämtliche Details meine Vorstellungen ließ ich in den Plan einfließen – es sollte mein Meisterstück werden.

Zum Besitzer der Halle, an einer kleinen Tankstelle in einem Nachbarort nahm ich Kontakt auf und sprach über mein Vorhaben. Auch dieser war angetan von meiner Idee. Der Besitze der Tankstelle und seine Frau waren schon älter und sprachen sogar davon, dass ich die Tankstelle eines Tages gern ebenfalls übernehmen könnte.
Das Ganze war zu schön um wahr zu sein. Eine Tankstelle mit eigener Werkstatt, das war immer mein Traum. Der heilige Gral, nach dem ich strebte. In dem Moment war ich ihm unwahrscheinlich nah gekommen.

Als der Plan fertig war, ging ich wieder zum Betriebsberater. Wir erstellten eine Kalkulation und planten alles sorgfältig. Von meinem Plan war er schwer angetan und stellte mir die Note 1 aus. Offenbar waren die meisten Anderen mit vorgefertigten Plänen aus dem Internet zu ihm gekommen – wer plant den so seine eigene Zukunft?
Ich, für meinen Teil, wollte den perfekten Plan. Alles sollte Wasserdicht sein. Das Risiko so überschaubar, wie möglich.

Mit den gesammelten Unterlagen im Gepäck fuhr ich dann nach Hause und vereinbarte einen Termin mit der Bank. Hier sollten die finalen Grundlagen geschaffen werden.

Das Inventar, aus der Insolvenz, war zwischenzeitlich leider verkauft worden. Meine Suche in den Kleinanzeigen nach einer neuen Gelegenheit ging weiter.
Zufällig stolperte ich über eine Anzeige: Tankstellengelänge mit Halle zu verkaufen. Auf dem Bild erkannte ich sofort meinen geplanten Standort – was war das denn?!
Entsetzt rief ich den Besitzer der Tankstelle an und stellte ihn zur Rede. Ich plante hier meine Existenz, auf seinem Grund – da hätte ich mich darüber gefreut in sein Vorhaben eingeweiht zu werden… Der Besitzer versuchte mich zu beschwichtigen, er wollte nur die Optionen prüfen, er glaube aber nicht daran, dass ein Verkauf zum tragen komme..

Das war mir aber nicht genug. Es kamen Zweifel auf. Man stelle sich nur vor, ich eröffne dort meinen Laden und kurze Zeit später wird alles verkauft und abgerissen?! Nein, nein, nein – das war mir zu unsicher. Was die Halle betraf sollte sich auch herausstellen, dass eine Genehmigung zur Nutzung als KFZ-Werkstatt, nur über ein Lärmschutzgutachten möglich wäre. Die Kosten für das Gutachten hätte ich selber tragen müssen.
Hinzu kam das Inventar, das weg war. Wichtige Säulen meines Plans – gebrochen.
Zu allem Überfluss kam dann noch das Bewusstsein, der schlampigen Haushaltsführung, seitens der Unbekannten zurück.
Ich verlor den Rückhalt. Man stelle sich vor, ich arbeite jeden Tag bis 20 Uhr und muss dann noch Zuhause die Wäsche waschen?! Wie lange würde ich das durchhalten?

Das war auch der Grund, warum ich die Unbekannte in meinem Plan nicht als helfende Kraft berücksichtigte. Zu häufig hatte sich in der Vergangenheit gezeigt, dass Sie nicht in der Lage war sowohl mit Geld, als auch mit Unterlagen korrekten Umgang zu pflegen. Ihre fehlende Konstanz und die fehlende Eigenschaft, angefangene Arbeiten auch zuende zu bringen – das passte nicht in meinen perfekten Plan.

Nach einer intensiven Bedenkzeit, sagte ich den Termin bei der Bank ab. Mein Plan war begraben. Eine andere Halle hätte ich finden können, ebenso das Inventar. Aber die Gedanken an die Umstände im eigenen Haus waren ausschlaggebend für meine Entscheidung gegen meinen eigenen Traum.
Mich damit abzufinden war nicht leicht.. Ich konnte den heiligen Gral schon riechen – und bog dann komplett falsch ab.

Manchmal fragte ich mich, wie es wohl wäre einen Partner zu haben, mit dem ich ein erfolgreiches Team sein würde. Mit dem ich zusammen nach den Sternen greifen könnte – bei dem ich sein konnte, wer ich eigentlich war und der mich mit jeder Haarsträhne in meinen, auch oft falschen, Entscheidungen unterstützen oder aufhalten würde. Ich wollte meinen Traum leben, stattdessen lebte ich die Lüge weiter..
Das Selbstvertrauen aus dem Vorjahr, es bekam langsam Risse und begann zu schwinden. Ich trat auf der Stelle – das kotzte mich an..

Der Alltag war grau

.. und gesäumt vom obligatorischen Frust und Verzweiflung. Ich hatte mich wieder in meine Grube zurückgezogen – fühlte mich wie ein Versager.. Hinter meinen Wänden im alten Wohnhaus – das war der einzige Ort, an dem ich mich gut fühlte..

Ende 2012 hatte ich, entgegen vorheriger Ankündigungen es NIE nutzen zu wollen, bei Facebook angemeldet. Im Chat war ich schon lange nicht mehr aktiv – und bei Facebook konnte ich dann mal einige alte Kontakte wieder aufnehmen. So z.B. mit Mr. G.

Mr. G hatte ich auf der Berufsfachschule für Elektrotechnik kennengelernt. Ein extrovertierter Typ, der mich optisch immer an Luigi, also Super Marios Bruder, erinnerte.
Mr. G war einer der Wenigen, mit denen ich auch weit nach Ende der Zeit auf der Berufsfachschule noch Kontakt hatte. Das lag unter anderem daran, dass der einst mit Jessy zusammenkam, meiner Nachbarin.
Jessy, ihre Familie und Mr. G zogen bald darauf dann um – Jessy und Mr G. wohnten daraufhin zusammen mit Jessys Familie in der unmittelbaren Nachbarschaft.

Als auch wir dann umgezogen waren, brach der Kontakt irgendwann ab. Erst über Facebook sollte es dann eine Neuauflage geben.

Mr G. war ein Schönling und seine offene, lockere Art sorgten dafür, dass er sich die Frauen stets aussuchen konnte. Immerzu hatte man aber den Eindruck, dass er nicht so recht in den Platz in der Welt gefunden hat und immernoch auf der Suche danach war. Seine Beziehungen hielten zwar immer mal etwas länger, aber nie wirklich langfristig. Ich nehme an, er hatte Angst sich an irgendwas fest zu binden. Ebenso verhielt es sich in seinem Job, er hatte Koch gelernt und gefühlt ständig neue Stellen angetreten.

Wir trafen uns dann immer mal wieder und unternahmen was zusammen – das war ganz cool, schließlich war ich nach der Meisterschule, etwas vereinsamt.
Im Laufe so eines Treffens erzählte er mir dann von seiner neuen Freundin – sofort dachte ich mir „oh Gott, die Arme“. Begeistert schwärmte er davon, dass er mich – als Frau getroffen hat. Moment mal – mich – als Frau? Mr. G führte seine Erläuterungen weiter aus und dann war auch ich der Meinung, dass er da ebenso gut von mir reden könnte.
Ich fühlte mich geehrt. Ich als Frau – galt als eine von vielen Traumfrauen für Mr. G. Bald darauf kündigte er an, sie uns einmal vorzustellen. Selten hatte ich Mr. G  so von jemanden schwärmen hören und würde es auch nie wieder.

Ich hatte ja keine Ahnung was mich da erwarten sollte. Ich – als Frau. Das konnte ja vieles heissen. Ich fragte mich, was mich so ausmacht und legte mir innerlich einige, markante Faktoren zurecht – um sie später dann abzugleichen. Ich war schwer gespannt.

Ich

.. war nun ein introvertierter Typ. Lebte zurückgezogen in meiner Festung. Versteckte mich am Computer und hatte den Anschluss an irgendwelche Freundeskreise verpasst. Mein Leben basierte auf einer Lüge, die ich krampfhaft verteidigte. Ich zockte gerne, sammelte retro Konsolen, spielte Videospiele, die ich auch in der Vergangenheit gern gespielt habe. Wie Pokemon, Diablo, Command &  Conquer z.B..
Die Lust meine eigenen Autos zu modifizieren war mittlerweile stark abgeebbt. In der Zeit, wo ich bei Wincor-Nixdorf gearbeitet hatte, trennte ich mich von meinem Golf 3 um ihn durch eine Mercedes C-Klasse zu ersetzen.
Die C-Klasse, weil unpraktisch, ersetzte ich kurze Zeit später durch einen Passat 35i Facelift Variant GT. Den Passat besaß in der Zeit während ich im Autohaus bei den beiden Afghanen arbeitete, bis ich ihn irgendwann im Laufe des ersten Vorbereitungskurses wieder verkauft hatte. Es folgte wieder eine C-Klasse, diesmal ein Kombi, den ich auf Pump kaufte. Als mir Anfang 2013 das Geld ausging, musste die C-Klasse wieder weg – wieder kam ein Passat 35i Variant, diesmal ein Vorfacelift – hauptsache billig und läuft.. Als ich wieder Oberwasser hatte, kam wieder eine C-Klasse als Kombi. Aktuell fahre ich einen Golf 4 Variant – das beste Auto, das ich je hatte.
Reparaturen und kleine Veränderungen habe ich immer mal vorgenommen, die ganz großen Projekte habe ich aber nicht mehr realisiert.

Am Campingplatz verweigerte mit der Vater, der Unbekannten, meine Pläne. Gern hätte ich einen kleineren Teil, eines Schuppens, mit einer Hebebühne versehen und dort geschraubt.
Von dem Gedanken aber musste ich mich verabschieden – und auf dem Hof zu schrauben, das war zwar eine Option, aber stets war man abhängig vom Wetter und wirklich angenehm war das auch nicht. Der Platz war da, nur nutzen durfte ich ihn nicht. Das war jammer schade und ein Grund, warum wir immer wieder mit dem Gedanken spielten den Ort zu verlassen.
Im Laufe der Zeit am Campingplatz war ich immer wieder darum bemüht die Gunst des Alten zu gewinnen, um vielleicht doch noch meinen Platz zu bekommen. Aber egal wie sehr man sich bemühte – der Alte blieb stur.
Er war einfach nicht dazu bereit, Teile seines Königreiches aufzugeben und sich von dem Müll, der in den Nebengebäuden lagerte, zu trennen.
Unsere Hilfe war am Campingplatz dennoch immer wieder gefordert. Stets ohne die geringste Form des Dankes oder der Gegenleistung.
Gut, wir haben günstig im dem alten Wohnhaus leben können – aber seine Ruhe hatte man dort nicht. Im großen und ganzen war es erniedrigend der Sklave zu sein.

Umziehen wäre eine echte Option gewesen. Allerdings war ich spärlicher Alleinverdiener – und der Umgang mit Geld, seitens der Unbekannten, hat mich immer wieder davon abgehalten Nägel mit Köpfen zu machen.
Meine Angst in Rückstände zu geraten war zu groß. So waren wir in dieser Konstellation im alten Wohnhaus gefangen.
Unbegründet war meine Angst nicht. Als wir 2010 in das alte Wohnhaus einzogen, nahm ich auch an, dass die Miete direkt vom Amt an den Alten bezahlt wird. Auch die Unbekannte versicherte mir, dass es so ein würde. Ich verließ mich somit auf die Aussagen der Unbekannten und wurde, wer hätte etwas anderes erwartet, enttäuscht. Einige Monate später sollte es den Knall geben und seither standen wir für eine Weile in der Schuld ihres Vaters.
Das war nicht sonderlich angenehm, denn wieder war es egal wie sehr man sich bemühte, die Last der Schulden sollte nicht geringer werden.

Rückblickend betrachtet war es wohl auch meine eigene Schuld. Wahrscheinlich wäre sehr Vieles, sehr viel einfacher gewesen, wenn ich von Anfang an die Amtsangelegenheiten selbst geregelt hätte. Ebenso, wie es sich bei Wäsche und Sauberkeit verhielt, konnte die Unbekannte auch auf diesem Gebiet nicht für die nötige Konstanz und Entlastung sorgen.
Das war bitter, aber ich fühlte mich auch nicht in der Lage ihr das Heft des Handels aus der Hand zu nehmen. Ich hasste diese Ämter, jeder Gang dorthin fühlte sich an, wie das zu Kreuze kriechen. Erbärmlich. Und eigentlich war ich froh, nichts damit zu tun zu haben. Notwendig war es trotzdem, denn allein von meinem Gehalt konnten wir den Alltag nicht sorgenfrei gestalten.

Die Beziehung zwischen der Unbekannten und mir war unterdessen irreparabel beschädigt. Offiziell bezeichneten wir uns zwar immernoch als Paar, haben Sachen zusammen unternommen und so – aber weiterhin war ich nicht Ansatzweise in der Lage ihr irgendwelche Gefühle entgegenzubringen, zu vertrauen oder in irgendeiner Form zu verzeihen. Immernoch war ich der Meinung, nicht zu wissen, mit wem ich es zu tun habe. Ich wollte es auch gar nicht mehr wissen – aus Angst wieder mal einen Kracher zu fressen und verletzt zu sein. Ich wollte nichts über Sie hören – gar nichts.
Was ich wollte war, in den Tag hinein zu leben und die Vergangenheit irgendwo zu verstecken, wo ich sie so schnell nicht finden würde..
Eine leise Hoffnung war immernoch da, das Sie eines Tages meinen Erwartungen gerecht werden würde. Die leiste Hoffnung war da, dass sich meine schlimmsten Befürchtungen nicht bewahrheiten würden. Nicht mehr auf der Stelle treten – sondern endlich Vorwärts gehen.

Die, mit Abstand, beste Zeit lag nun erstmal hinter mir. Die Angst vor dem freien Fall und dem nächsten Oberhammer war nun immer präsent. Was mir die Zukunft bringen sollte, davon hatte ich nichts die geringste Vorstellung – nur so wollte ich eigentlich nicht weiter leben. Aber wie sollte ich da jemals wieder raus kommen?
Vor meinem inneren Auge war alles schwarz geworden – wenn ich an die Zukunft dachte, sah ich – überhaupt nichts mehr. Ich verfiel in eine tiefe Depression..

Ich und Ich

Viele Highlights hatte 2013 nicht zu bieten. 2014 würde damit beginnen, dass mein befristeter Arbeitsvertrag auslaufen sollte. Ergo würde ich auf Stellensuche sein. Die Bezahlung und die Widrigkeiten in der zweiten Smart-Werkstatt waren einfach zu krass um dort weiterhin arbeiten zu wollen.

Mr. G hielt allerdings sein Versprechen und stellte uns eines Abend seine neue Freundin vor.
Ich hatte ja schon einige Freundinnen von Mr. G kennengelernt, aber diese  war ganz speziell. Zum ersten Mal brachte er kein durchgestyltes Supermodel mit, sondern eine, über beide Ohren strahlende, junge Frau, die etwas weniger durch die Äusseres, als mehr durch ihre positive Aura den Raum mit Wärme erfüllte.
Zu Mr. G passte das ja gar nicht, dachte ich. War er eher der oberflächliche Typ. Beide plauderten aus dem Nähkästchen und schnell kam in mir wieder das Thema auf, das besagte Freundin ja ich – als Frau sei.
Ich beobachtete das Geschehen aufmerksam und analysierte jede Reaktion und jede Emotion mit Nachdruck. Wie kam er darauf, dass das ich – als Frau wäre?
Es stellte sich heraus, dass wir tatsächlich wenigstens eine große Gemeinsamkeit hatten – aber das allein war es nicht. Es war der Gesamteindruck. Aber es war nicht der Gesamteindruck, den ich durch ein Gespräch mit mir selbst erfahren hätte – es war der Gesamteindruck, den ich gewonnen hätte, wenn ich mit dem fehlenden Teil von mir gesprochen hätte.
Das was Mr. G da mitgebracht hatte, das war nicht ich – als Frau. Es war der fehlende Teil von mir. Der heilige Gral.

Ich bin mir nicht sicher, ob Mr. G wusste, was er da getan hatte. Was ich wusste war, dass die Beziehung nicht lange halten würde und sie genau so lautlos verschwinden würde, wie all ihre Vorgängerinnen. Mr G. war einfach nicht in der Lage irgendwas von Dauer an den Start zu bringen, aber die herzliche Art und ihr verliebter Blick verrieten mir, dass sie sich mehr von ihm versprochen hat. Es würde ihr das Herz brechen, das arme Ding.

Künftig trafen wir häufiger aufeinander. Sei es bei Geburtstagen, oder nur zum rumhängen. Immer wieder faszinierte mich ihre überwältigend positive Ausstrahlung. Jeder noch so finserte Ort – wäre davon ergriffen gewesen. Und mein eigenes Selbst, das war wohl so ein finsterer Ort..
Egal wie sehr ich Geburtstagsfeiern sonst hasste, ihre Anwesenheit machte einfach alles zu einem Fest. Natürlich konnte ich ihr nicht sagen, dass ihre Beziehung mit Mr. G nicht lange halten würde – diesen Weg musste sie selbst gehen.
Die Vorstellung, sie danach nicht mehr wieder zu sehen, war ätzend. Ich hatte sie viel lieber als Mr G.
Wenn ich lieber mit ihr, als mit allen anderen redete, spürte ich die Eifersucht der Unbekannten. Ich fürchte, Sie war sich dessen bewusst, was Mr. G da damals mitgebracht hat.

[Zeitsprung]
Wie erwartet endete die Beziehung zu Mr. G dann eines Tages. Sie aber blieb.
Ohne je ein Wort darüber verloren zu haben, war es wie selbstverständlich, dass sie uns auch weiterhin besuchte – so, als wäre sie immer da gewesen.
Nach wie vor hatte ich ihre Anwesenheit sehr genossen. Schließlich war sie der heilige Gral – das war einfach so.
Auch meine Kinder mochten sie und wenn ich mir bei einer Sache sicher war, dann wenn ich jemals mein Loch verlassen würde, wäre sie die Einzige, die all meinen Erwartungen je gerecht werden könnte.

Selbstverständlich ließ ich mir all das nicht anmerken. Innerlich kochte es in mir. Fortwährend erwischte ich mich immer wieder in flüchtiger Träumerei.
Die Vorstellung, eines Tages könnte sich zwischen ihr und mir etwas entwicklen, fühlte sich genau so wunderbar surreal an wie damals in der Lehre, als ich ehrfürchtig meinem Lehrmeister gegenübertrat.

2014

Am 1.2.2014 endete mein Arbeitsvertrag. Danach war ich Arbeitslos und bekam sogar tatsächlich mal mein Arbeitslosengeld.
Das Sabbatjahr, das ich mir für 2013 gewünscht hätte – jetzt konnte ich es mir nehmen. Für Teile meiner Vorhaben war es aber bereits zu spät, also sondierte ich den Stellenmarkt und bewarb mich auf diverse freie Stellen. Das Jobcenter schickte mich nebenbei noch in eine Maßnahme, wo ich im Schreiben von Bewerbungen auf den neusten Stand gebracht werden sollte.

Der Erfolg war allerdings sehr Verhalten. Hier und da mal ein Vorstellungsgespräch, anschliessend mal Probearbeiten – aber die meisten Stellen sagten mir einfach nicht zu. Ich wollte etwas von Dauer, wo ich mal locker 5 Jahre bleiben konnte. Die Mischung aus der eigentlichen Arbeit, der Austattung, dem Chef und dem Betriebsklima musste einfach stimmen – offenbar suchte ich aber die Nadel im Heuhaufen.

Eine Stelle erregte meine besondere Aufmerksamkeit. Technischer Redakteur bei Hella-Gutmann. Das wär’s. Wo hätte ich besser die Symbiose aus All dem was ich mag ausleben können, wie dort?
Ich bewarb mich regelmäßig. Ebenso regelmäßig erhielt ich Absagen. Einmal bewarb ich mich gar, als ich sternhagelvoll war. Meist schrieb ich in dem Zustand bessere Bewerbungen. Allerdings erhielt ich auch hier wieder eine Absage.
Im Großen und Ganzen fand und finde ich das Schreiben von Bewerbungen für’n Arsch. Während ich z.B. hier auf meinem Blog, damals im Chat oder im Forum den ganzen Tag fröhlich vor mich hin schreiben konnte, muss ich mir für ein Bewerbungsanschreiben meist Ideen über Google holen.

In der Vergangenheit musste ich immer wieder feststellen, dass ich offenbar jemand war, bei dem der erste Eindruck täuschte. Viele Menschen, die ich kennenlernen durfte, erkannten erst auf den zweiten Blick, dass ich kein Idiot war.
Ich nehme an, dass dieses Phänomen mich in meiner Jobwahl und in den Vorstellungsgesprächen immer mal wieder ins Aus geschossen hat.
Die Meinung anderer Leute hat mich aber nie sonderlich interessiert. Entweder wusste jemand was er an mir finden konnte – oder er ließ es halt bleiben.
Ich hatte genug Dreck gefressen, ich sah mich nicht mehr in der Position irgendwen großartig überzeugen zu müssen.

Neben den Bewerbungen, den Vorstellungsgesprächen und den Probearbeitstagen arbeitete ich hin und wieder für die zweite Smart-Werkstatt. Immerhin war ich ein absoluter King auf diesem Gebiet. Die, die mir in der Hinsicht das Wasser reichen konnten, waren an einer Hand abzuzählen. Deutschlandweit.

Durch günstige Umstände schaffte ich es, trotz Arbeitslosigkeit, 2014 meine Mietschulden aus 2010 beim Alten endlich los zu werden.
Eine unheimliche Last fiel von meinen Schultern. Nun brauchte ich nicht mehr wie ein jämmerlicher Hund angekrochen kommen, wenn er mit dem Finger schnippte und es etwas zu erledigen gab.
Unterstützt habe ich ihn aber weiterhin. Ich konnte den Zustand der ganzen Campingplatzanlage und seine Hilflosigkeit diesbezüglich, nämlich einfach nicht mit ansehen.

[Zeitsprung]
Den endlosen Kampf gegen die Verwahrlosung, der Anlage, gab ich aber final auf. Es war einfach zu frustrierend mit anzusehen, dass ein aufgeräumter Abschnitt innerhalb weniger Wochen wieder genau so aussah wie zuvor.
Diese Eigenschaft hat der Alte offenbar auch auf die Unbekannte übertragen. Die Parallelen sind kaum zu übersehen. Auch in meinem eigenen Haus beobachtete ich dieses Phänomen in regelmäßigen Abständen und zunehmener Häufigkeit.

It doesn’t even matter

Der Chef, der zweiten Smart-Werkstatt versuchte natürlich mich zu ersetzen. Allerdings war ich nicht zu ersetzen. Er brauchte einen Meister, um seinen Betrieb aufrecht zu erhalten – so kamen wir erneut in Verhandlungen. Schlussendlich fing ich am 01.10.2014 wieder fest, zu alten Bedingungen und besseren Konditionen dort an.
Bis zum heutigen Tag, bin ich als betriebsleitender Meister eine tragende Säule des Betriebs.

Das Autohaus, der zwei Afghanen, für die ich vor der Meisterschule gearbeitet hatte und auf dem Weg zur freien Motorinstandsetzung war, ist, wie ich ahnte, untergegangen und existiert nicht mehr.
Der ehemalige Meister des Betriebs hat das Heft des Handelns dann auch in die eigene Hand genommen und ist nun selbständig. Wir haben sporadisch auch noch Kontakt, meist kümmere ich mich dann um seine IT.

Die Tankstelle, mit der Halle, in der ich mich selbständig machen wollte, wurde in der Zwischenzeit veräussert. Nachdem die Halle abgerissen wurde, entstanden dort Wohnhäuser. Mittlerweile ist selbst der Tankstellenbetrieb eingestellt worden. Das Ganze habe ich natürlich wehmütig zur Kenntniss genommen. Gern hätt ich den Betrieb weiter geführt – aber es sollte nicht sein.

Wirklich zufrieden bin ich mit meiner Arbeitssituation nicht. Immer wieder blitzt der Wunsch durch, das eigene Ding durch zu ziehen. Ich habe in der Zwischenzeit so viele Betriebe gehen und weiß sowohl wie es gehen kann – und auch wie man es nicht macht. Ab und zu schreibe ich sogar eine Bewerbung. Weiterhin ernte ich nur mäßigen Erfolg. Ich denke das eigene Ding – das ist der Weg, den die Zukunft bringen soll. Jedenfalls möchte ich nicht in der zweiten Smart-Werkstatt verotten 🙂

Alles so wie es immer war

Privat sollte das Jahr 2014 aber noch eine Überraschung parat halten. Erneut war die Unbekannte schwanger – und diesmal freute ich mich sogar von Anfang an.
Die Unsicherheit war natürlich ein treuer Begleiter auf dem Weg bis zur Geburt, aber nach all  dem was ich schon erlebt hatte gab es ja kaum etwas, das mich noch schocken könnte.

Im alten Wohnhaus wäre es beinah etwas eng geworden. Ich entschied mich dazu die alte Waschküche, die hinter dem Wohnzimmer liegt, zu einem Kinderzimmer umzubauen.
Waschmaschine und Trockner sollten künftig im riesigen Badezimmer Platz nehmen, dafür verzichtete ich eben weiterhin auf eine Dusche. Nach und nach baute ich den Raum zu einem Kinderzimmer um und war stolz auf mein Werk.

Nach der Fertigstellung des Raums dauerte es gefühlt ewig bis das Kind kam. Ende November 2014 war es dann soweit. Es wurde wieder ein Mädchen, ich gab ihr den Namen Miriam.
Diesmal fühlte sich alles viel besser an. Gern erinnere ich mich an das Weihnachtsfest 2014 zurück, als ich die Feiertage, mit meinem Baby, gemütlich auf der Couch verbrachte.
In meiner geregelten Einsamkeit, voll Frust und Verzweiflung war Miriam mein Anker. Niemand sonst konnte mir geben, was dieser kleine Mensch mir gab.
Entgegen der vorangegangen Zeiten, wollte ich bei Miriam voll dabei sein. Und das war ich. All meine positiven Gefühle, die ich bis dato in mich hereingefressen hatte, über Miriam schütttete ich sie mit vollen Händen aus.

Der Unbekannten gegenüber war weiterhin alles unverändert.
Wieder mal wechselte das Jahr. 2015 war herangebrochen. Im Laufe desr Zeit war ich Abends immer mal wieder längere Zeit allein mit meinem Baby. Die Unbekannte hatte es sich offenbar neuerdings zum Hobby gemacht Abends zur Tankstelle zu fahren – oft über ne Stunde lang.
Dieses Verhalten war neu und merkwürdig. Irgendwas war im Busch, aber ich wusste nicht was und ich hatte auch kein Interesse danach zu forschen. Lieber genoss ich die Zeit mit meinem Baby.
Ich vermutete einen anderen Typ, immer wieder beobachtete ich die Unbekannte beim Texten.

Es sollte sich herausstellen, dass sie ein Verhältnis hatte. Persönlich hatte Sie mir das natürlich wieder einmal nicht gesagt, das musste jemand Anderes übernehmen.
Besonders dreisst an der Nummer war diesmal, dass Sie offenbar keine Scheu hatte, jenen Typen sogar in meiner unmittelbaren Nähe zu dulden und ihn gar von mir bespeisen zu lassen.
Mit jenem Typen, noch bevor ich es wusste, stand ich hinter der alten Gaststätte auf der Wiese und hatte, im Kreise weiterer unbekannter Typen, ein bischen mit ihnen gegen den Ball gekickt.
Einen kurzen Moment dachte ich gar, dass ich vielleicht mal wieder ein paar neue Freunde getroffen hätte – aber nein. Wieder einmal wurde meine Gutmütigkeit gnadenlos ausgenutzt.
Vermutlich hätte ich es nie erfahren, hätte nicht jemand Mitleid mit mir gehabt.

Den Tag als ich es dann erfuhr, per Facebook, schliff ich die Unbekannte an ihren Beinen über den Boden aus meinem Haus heraus. Ich verweigerte ihr den weiteren Zutritt und sie drohte mit der Polizei.
Zufällig ging der Alte grade von der alten Gaststätte in Richtung seiner Wohnung, in den alten Stallungen. Ich rief ihn herüber und erläutere ihm den Sachverhalt. Es schien, als hätte er Verständnis, jedenfalls hörte man ihn draußen auf dem Hof rumbrüllen.

Wie unzählige Male zuvor, war auch hier wieder die Grenze überschritten worden. Es bewahrheitete sich, was ich immer geahnt habe – in Wahrheit war die Unbekannte doch nur ein billiges und verlogenes Flittchen. Der Grund, warum wir immer so wenig Sex hatten – auf einmal war alles plausibel.
Auf der anderen Seite entwickelte ich sogar Verständnis dafür, schließ war Sie ja auch nur ein Mensch, der sich nach Gefühlen sehnte.
Gefühle, die ich ihr nicht geben konnte. Ich war zwar körperlich immer da, aber seelisch immerzu fern. Es war ein leichten für Außenstehende das zu erkennen und auszunutzen. Dennoch hätte es nicht geschehen dürfen.

Ich hatte meine Gewissheit, das war eine Genugtuung für mich. Dennoch war die Situation nicht leicht. Wir lebten mit drei Kindern im Haus ihres Vaters – und wenn jemals einer gehen sollte, würde ich es sein.
Ich – müsste mein Haus verlassen. Alles was ich in der Zwischenzeit hier geschaffen hatte – für die Katz. Ein kompletter Neustart.
Dazu fühlte ich mich nicht bereit. 2015 nicht. 2016 nicht.
Erst gegen Ende 2017 sollte ich so viel Motivation zusammen gesammelt haben, das ich in der Lage war mich an meinem einen Schopf zu packen und langsam anfing wieder aus dem Loch empor zu klettern.

The final Chapter

Die ganze Zeit lebte ich die Lüge weiter – nur wurde sie immer größer. So groß, dass selbst viele um mich herum, wie z.B. mein Vater, es nicht mehr mit ansehen konnten.
Aus seinen sonntaglichen Besuchen – entstand Funkstille.
Ich schämte mich enorm für meine Unfähigkeit. Doch sah ich mich ausserstande meine Kinder mit dem Mensch allein zu lassen, der für all mein Leid die unmittelbare Verantwortung trug.
Ich sah mich außer Stande das Haus zu verlassen und unter Menschen zu gehen. Ich hab mich geschämt. In Grund und Boden. Auch wenn ich nur zum Einkaufen ging und die Menschen an der Kasse stehen sah, die mich anschauten – es fühlte sich an, als würde jeder mit dem Finger auf mich zeigen und lachen..
Haha, du bist der Vollidiot, der sich bis auf das Mark verarschen lässt. Andere hatten mehr mit deiner Freundin als du selbst.. Exakt so fühlte es sich an – und es war scheußlich..

Ich war der Freund, der nicht ist, was er mal war. Viele vergaßen meinen Namen..

Ich resignierte vollständig. Nur noch sehr selten bringe ich die Kraft auf, gegen das vorherrschende Chaos anzukämpfen. Das Chaos um die Wäsche gab ich vor längerer Zeit schon ganz auf. Ich gab es auf, mich an die Unbekannte zu heften – was sie ließ und tat, es war mir egal. Auch der Zustand des Hauses war mir egal. Einst hätte ich gern renoviert – ich tat es nicht mehr.
Immer wieder, wenn die Unbekannte mein Auto nutzte, erhielt ich danach einen Müllhaufen wieder – auch das war mir mittlerweile egal.

Alles, was ich versuchte in die Wege zu leiten, um diese grauenhafte Situation zu verbessern – es fand kein Gehör. Die mangelhafte Konsequenz der Unbekannten, sollte sich auf die Kinder übertragen. Weil ich resigniert habe. Ich bin müde. Müde vom Kampf gegen eine unüberwindbare Mauer aus Frust und Verzweiflung. Müde, allein durch die endlosen, dunkeln Straßen, des krampfhaften Zusammenlebens voran zu schreiten. Und auch müde davon, auf der Stelle zu treten.

Es offenbarten sich nur wenige Lichtblicke, die mir im Ansatz die Motivation gaben, an eine bessere Zukunft zu glauben. Verloren und verarscht.
Ich war mir ziemlich sicher, dass ich mein eigenes Leben so nicht mehr lang ertragen würde. Depressionen kamen und gingen – jede neue war härter als die zuvor.
Ich entschied mich zum Arzt zu gehen und mein Leid vorzutragen.

Auch in der Vergangenheit war ich bereits beim Arzt. Nie bin ich den Schritt konsequent zu Ende gegangen.

Ende 2017, Anfang 2018 sollte sich das ändern.
Ich war mir sicher, dass ich ein weiteres Jahr nicht überstehen werde. Die Kugel, oder die Reißleine. Ich hatte die Wahl.
Der Arzt schrieb mich eine Weile krank. Eine Auszeit, die ich dringend benötigte. Er überwies mich zum Psychologen, hier bekam ich Tabletten gegen Depressionen. Künftig werde ich an einer Gesprächstherapie teilnehmen.

Im Gegensatz zur Vergangenheit, nahm ich die Tabletten diesmal sehr konsequent. Relativ schnell stellte sich tatsächlich eine Besserung ein. Ich fing an, das alles um mich herum nicht mehr so sehr an mich heran zu lassen und war sogar motiviert einige neue Projekte in Angriff zu nehmen.
Das Wetter war geil – und so renovierte ich einige Fassaden, der alten Gebäude am Campingplatz-Gelände.
Ich realisierte, welchen Tiefpunkt ich erreicht hatte. Fortan begann ich damit, die Beziehung zur Unbekannten innerlich abzuschließen.
Der Gedanke daran, mein eigenes Haus zu verlassen – auf einmal erschien er mir gar nicht mehr so schlimm wie einst.

Ich war nun bereit, die neue Welt hinter mir zu lassen und in eine völlig neue Welt weiter zu gehen. Eine Welt, die perfekt sein würde. Mit aller Geduld, die ich aufbringen konnte – eine perfekte Welt zu schaffen.
Stück für Stück begann ich also meinen Weg aus dem Loch heraus. Machte das, was mir gut tat.
Ich beendete neue Projekte, sammelte Motivation. Der Glaube, meine perfekte Welt irgendwann zu erreichen – es haperte lediglich an ausreichender Überzeugung. Doch Zweifel hatte ich nicht. Ich würde es schaffen.
Neue Zeile, kleinere Ziele. Schritt für Schritt. Keine unüberlegten Handlungen mehr – kein verzweifeltes Klammern, kein Frust.

Ich sollte meine Überzeugung bekommen – und niemand geringeres, als der heilige Gral selbst sollte sie mir liefern.
Ich sehe jetzt wieder Ziele vor Augen. Befinde mich auf einem Weg. Ein Weg, der sich richtig anfühlt.
Die Überzeugung, es war ein Schubser von der Stelle, auf der sich so lang rum getreten habe. Es liegt nur an mir allein, den Weg weiter zu gehen.

Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt,
in schlechten Zeiten bekommt man nichts geschenkt.
Egal was man erwartet – man bekommt was man verdient.
Lieder, die das Leben schreibt – Schicksalsmelodien.

Das Leben war nicht immer, nicht immer gut zu mir –
Licht und Schatten steh’n gemeinsam vor der Tür.

Das ist mein Leben,
vielleicht soll es so sein – eine Reise durch den Wahnsinn,
durch Licht und Dunkelheit.
Man muss wohl erst ganz unten sein, um oben zu besteh’n – bis zum Hals in Scheiße steh’n, um wieder Land zu sehen – um Land zu seh’n…

Vom Himmel in die Hölle, von der Hölle ganz hinauf. Ein tiefer Fall nach unten und die Treppe wieder rauf. Egal was man erwartet, man bekommt was man verdient – das sind Lieder, die das Leben schreibt – Schicksalsmelodien.
Das Leben war nicht immer, nicht immer gut mir –
Licht und Schatten steh’n gemeinsam vor der Tür.

Das ist mein Leben,
vielleicht soll es so sein. Eine Reise durch den Wahnsinn,
durch Licht und Dunkelheit.
Man muss wohl erst ganz unten sein, um oben zu besteh’n – bis zum Hals in Scheiße steh’n um wieder Land zu seh’n..

 

Meine Geschichte soll hier nun enden. Das Leben hat diesen Abschnitt zuende geschrieben und bereits damit angefangen, einen Neuen zu schreiben.

Die Aufarbeitung meines bisherigen Lebens war nicht leicht. Erst durch das Niederschreiben hat sich für mich noch einmal verdeutlicht, wie sehr ich mich verlaufen habe. Oft lag ich nach der Fertigstellung einiger Kapitel noch lange wach im Bett – und ließ die ganze Sache erneut an mir vorbei ziehen.
Es hat mich eine ganze Woche gekostet diese Zeilen niederzuschreiben – oft war mir zum Heulen zumute..

Angst vor dem Alleinsein. Angst zu versagen. Angst, Andere zu verletzten. Angst vor Veränderungen..
Ängste gehören zum Leben, wie der Sauerstoff den wir atmen. Allerdings sollte man seine Ängste niemals die Oberhand gewinnen lassen, sie zwingen einen zu Boden. Je tiefer man sinkt, desto härter wird es wieder aufzustehen. Wenn es sich lohnt, gegen etwas zu kämpfen, dann gegen sich selbst und seine Ängste.

Tatsächlich kann man sich selbst viel vor machen. Tatsächlich kann man erfolgreich die dunklen Kapitel seines Lebens verdrängen. Doch es wird immer den Punkt geben, an dem die Konsequenzen dafür getragen werden müssen.
So oder so, das Leben ist zu kurz um sich zu quälen – wir leben nur EIN verdammtes Mal. Es ist unser verfluchtes Recht, wenn nicht gar die Pflicht, das Leben so zu leben, wie wir es wollen.
Ich habe realisiert, dass ich in der Vergangenheit nicht in der Lage war die Konsequenzen zu ziehen. Ich war damit beschäftigt, mich für mein eigene Armseeligkeit zu bemitleiden und habe mich damit der Lächerlichkeit preisgegeben.
Ich sah mich dazu genötigt, mich für das Wohl meiner Kinder zu opfern. Es hat mich meine Träume, mein Selbstvertrauen und Jahre meines Lebens gekostet.
Ich bereue die Zeit dennoch nicht, für irgendwas war sie gut.
Die Schlüsse, die ich ziehen konnte – für meine perfekte Welt, werden sie mir von Nutzen sein.

Die wahren Werte des Lebens, die kann man mit keinem Geld der Welt bezahlen. Es sind diese Werte, wegen denen ich die Politik und das gesamte System so sehr hasse. Es spielt keine Rolle mehr, wie gut ein Mensch ist – in dieser Welt zählen nur Gier, Macht und Reichtum. Je größer das wandelnde Arschloch, desto größer der Erfolg.

Egal was meine Niederschrift in euch auslöst, mir hilft sie dabei, die Sache für mich selbst abzuschließen.
Ob es einen dritten Teil geben wird? Selbstverständlich. Ob ich ihn niederschreiben werde? Ich weiß es nicht.
Gern würde ich euch ein Happy-End präsentieren, eine Idee dafür habe ich bereits im Kopf – ob es so jemals kommt? Selbst ich bin sehr gespannt.
Für mich ist es wichtig, die Depression zu überwinden und mich selbst wieder zu finden. In der Zeit nach der Meisterschule hatte ich nie wieder das Gefühl „Ich selbst“ zu sein, dabei fühlte es sich so unfassbar gut an..

Auch wenn einige Leser hier bestens über die beteiligten Personen meiner Geschichte informiert sind, so sind sämtliche Details der hier geannnten Kapitel absolut kein Anlass über jene Personen ein vorschnelles Urteil zu fällen.
Jeder hat für sein Handeln seine ganz eigenen Motive und auch wenn man sie nicht immer verstehen kann – ohne jemals beide Versionen einer Geschichte zu kennen, macht es keinen Sinn ein Urteil zu fällen.
Ich hege keinen Groll gegen Irgendwen, wegen Irgendwas. Was geschehen ist, ist geschehen und ich denke ich habe aus den unmöglichsten Situationen stets versucht das Beste zu machen.
Es ist meine Sicht der Dinge, meine Erlebnisse, meine Erfahrung – sie haben mich zu dem gemacht, der heute hier sitzt.

Dieser Blog ist die Erfüllung eines Traums. Mein Geschenk an mich selbst. Ein Meisterwerk. Eins von Vielen, die noch folgen werden.
Der Traum meiner perfekten Welt – er lebt.

Die Welt ist voll von Herausforderungen. Immer auf’s Neue auf der Suche nach dem heiligen Gral, der das Leben lebenswert macht.
Ich will die Herausforderung wieder annehmen.

Danke.

Die Offenbarung.. Teil 1

Das Wetter ist mies, meine Motivation mich irgendwie wieder auf die wesentlichen Themen meines Blogs zu konzentrieren ist, nach wie vor, nicht zurück. Was bleibt sind die lyrischen Highlights meines kranken Daseins nieder zu schreiben und euch, meine treuen Leser, eine Zeit lang von anderen Dummheiten fern zu halten.

In nicht allzu ferner Vergangenheit hatte ich angekündigt, fremde Menschen zu interviewen und ihre Geschichten zu präsentieren. Das hätte auch funktioniert, wären mir nicht immerzu andere Menschen aus meinem Bekanntenkreis aufgefallen, deren Geschichten ich eigentlich für viel interessanter halte. Bisher hatte ich allerdings noch nicht die Muße, um diesbezüglich etwas in die Wege zu leiten. Nicht nur aus dem Grund habe ich mich dazu entschlossen einfach meine eigene Geschichte aufzuschreiben.

Meine Geschichte

.. beginnt in einer Zeit, in der das Internet, in der heutigen Form, noch gar keine Bedeutung hatte. Damals, wo man sich mit seinen Freunden bereits Stunden oder Tage vorher verabredet hatte, wo man noch telefoniert hat – oder auch nur einige wenige über einen eigenen Computer verfügten.

An den Nachmittagen, nach der Schule, den Hausaufgaben oder in den Ferien – haben wir Gleichgesinnten aus unserem Viertel einer gehobenen Wohngegend uns meist irgendwo versammelt, Fußball gespielt, Gameboy gespielt, Fahrrad rennen gefahren oder sind sonstigen Aktivitäten nachgegangen, die Heranwachsende nun mal so unternehmen.

Das andere Geschlecht hat damals nie eine Rolle gespielt. Die Anzahl an Mädchen, die sich unserer Gruppe angeschlossen hatten, lag bei exakt: Null. Sämtliche Interaktionen mit Mädchen beschränkten sich auf die heimliche Schwärmerei des hübschesten Mädchens in der Schulklasse, oder der netten Töchter in der Nachbarschaft.

Offen über seine Gefühle und Gedanken mit jenen Mädchen sprechen? Undenkbar. Lieber wäre man nackt über den Pausenhof gelaufen. Die Sorge, dass sich jemand über die eigenen Gefühle belustigen kann, möglicherweise sogar in ganzen Gruppen darüber gelacht wird – ein Albtraum, den es unbedingt zu vermeiden galt.

Die Blöße hätte ich mir nie gegeben, noch nicht einmal in einem Brief ohne Angabe des Absenders. So schleppte ich Jahr für Jahr meine inneren Sehnsüchte mit mir herum, konnte aber damit aber wunderbar leben.

7

Die 7. Klasse auf der Realschule war das Jahr des Umbruchs. In dem Jahr haben sich meine Eltern getrennt und diese schwere Phase in Kombination mit meiner eigenen Faulheit haben dafür gesorgt, dass ich das Klassenziel seinerzeit nicht erreicht hatte. Die Chance, doch noch versetzt zu werden, scheiterte an ebenfalls an einer Nachprüfung im Fach: Deutsch.

Meine Erinnerungen an diese Zeit sind schwach. Die prägnanteste Erinnerung habe ich an ein Mädchen aus der Parallelklasse. Langes, glattes, rotes Haar. Ein Körper, eine Ausstrahlung – wie nur der Herr selbst hätte erschaffen können. Mein Schwarm. Unerreichbar weit weg, noch nicht einmal in der selben Klasse.. Noch heute sehe ich sie deutlich neben der Klassenzimmertür an der Wand stehen, mit karierter Bluse und einem feinen Lächeln, wie von Zauberhand gemalt. Die schönste Frau der Welt.

Als die Ferien, nach dem vergeigten ersten 7. Schuljahr, zu ende waren, trat ich also meine Ehrenrunde an. Die neue Klasse bestand ausschließlich aus Wiederholern und Schulwechslern. Beim ersten Gang durch die Klassenzimmertür traf mich dann sofort der Blitz – die Schönheit aus der Parallelklasse, über die Ferien beinah vergessen, saß auch dort.

Das Schuljahr in der sog. Wiederholerklasse war besonders. Die Klassengemeinschaft war sensationell und an jeder Ecke herrschte reger Kontakt.

Das war auch die Zeit, in der Handys schwer in Mode kamen und für jedermann erschwinglich wurden. Der heilige Gral, ein Nokia 3210 mit Vertrag. Dank meines Vaters kam ich tatsächlich in den Genuss eines solchen Privilegs. Erst am heutigen Tag weiß ich, wie dankbar ich dafür eigentlich sein musste, es aber natürlich nicht war.

Im Laufe des Schuljahres dann fasste ich einen Entschluss: Ich wollte Sie. Um jeden Preis. Meine Angebetete saß zu dem Zeitpunkt in der letzten Reihe, die Bank links neben ihr war frei. Der bisherige Kontakt beschränkte sich auf das relativ proletenhaftes Gehabe pubertierender Kinder. Aber irgendwie musste ich sie ja davon überzeugen, wer ich wirklich bin.

Um, natürlich mit äußerster Vorsicht, zu ihr vorzudringen, überzeugte ich meine damalige Klassenlehrerin davon, die Bank links neben ihr belegen zu dürfen. Schließlich habe ich bis dato neben meinem besten Freund gesessen und die ständigen Ablenkungen waren schlecht für meine Aufmerksamkeit und schulischen Leistungen 😉

Meine Überzeugungskraft war offenbar enorm, ohne weitere Diskussion durfte ich von dannen ziehen und meinen neuen Platz beheimaten – in unmittelbarer Nähe zu ihr.

Im weiteren Verlauf der Zeit habe ich dann immer wieder versucht ihre Aufmerksamkeit zu gewinnen. Mit Erfolg. Irgendwann haben wir sogar unsere Handynummern ausgetauscht und uns im Rahmen der Nachmittage, meist im Beisein weiterer Klassenkameraden, sogar in ziemlich regelmäßigen Abständen getroffen. Häufig haben wir uns, bis spät in die Nacht, SMS geschrieben und immer hatte ich den Eindruck, absolut das richtige zu tun..

Ich fühlte mich großartig in ihrer Gegenwart – und dennoch hatte ich, nach wie vor, Angst davor meine Gefühle ihr gegenüber zu offenbaren. Obwohl ich teilweise sogar deutlich gespürt habe, dass von ihrer Seite auch irgendwas magisches ausging, habe ich es nie geschafft sowohl ehrlich zu ihr, als auch ehrlich zu mir selbst zu sein.. Immerzu wartete ich ab, ob sie nicht vielleicht den entscheidenden Schritt machen will.

Die Zeit flog dahin, das Schuljahr ging auf das Ende zu. Im zweiten Anlauf hatte ich das Klassenziel erreicht, Sie jedoch nicht. Stück für Stück riss der Kontakt ab. Sie wechselte die Schule, der Klassenverband aus den Wiederholern wurde aufgelöst und auf die anderen Klassen verteilt.

Moral

Innerlich war ich frustriert, sauer und wütend. Das Ziel war zum Greifen nah – doch ich habe das Zeichen der Zeit verpasst und stand mit leeren Händen da. Ich war so überzeugt davon mein Ziel zu erreichen und habe dann kurz vor dem Ziel den Schwanz eingezogen… Zu feige den entscheidenden Schritt selbst zu gehen, aus Angst auszurutschen und nie wieder aufzustehen..

Der Kontakt brach ab, ab uns zu traf ich sie nach der Schule, auf dem Heimweg, im Bus. Aber es war zu der Zeit nicht mehr das Selbe. Ich fühlte ich verletzt und missmutig.

Von allen Geschichten, die mein Leben bis dato so geschrieben hat, hat diese Geschichte einen besonderen Stellenwert für mich.

Ich habe gelernt, dass wenn ich etwas wirklich will – bin ich dazu in der Lage mein Ziel zu erreichen. Ich hab gelernt, dass es sogar möglich ist, das, für mich, Unmögliche zu erreichen. Und vor allem habe ich gelernt, dass man niemals warten sollte, bis der Andere den ersten Schritt macht, denn meist hat er genau so viel Angst sich selbst zu verlieren, wie ich.

Diese Geschichte hat mich ziemlich lang verfolgt. Oft hab ich Nachts sogar tatsächlich davon geträumt ihr zu sagen, was ich damals wirklich empfunden habe. Das gute Gefühl an sich war natürlich lange verschwunden, dennoch blieb der Schmerz ziemlich nachhaltig. Wenn ich nach so einem Traum aufgewacht bin, hatte ich immer den Eindruck, dass ich die Sache bereinigen muss um meinen inneren Frieden zu finden.

Jahre später

Meine Geschichte spielt im Jahr 2000. Fast 15 Jahre lang habe ich diese Bürde mit mir herumgeschleppt ehe sich mir die Gelegenheit bot ihr gegenüber einzugestehen, dass ich ein Idiot war. Die Träume sind seitdem verschwunden und der innere Frieden wieder hergestellt.

Back in 2000

Das Jahr 2000 hatte aber noch ein prägendes Erlebnis für mich zu bieten.

Schon immer hatte ich ein besonderes Verhältnis zur Musik. Hörte ich bis Dato eigentlich nur das, was die Charts so hergaben, sollte das Jahr 2000 alles bisherige mit einem wuchtigen Schlag auslöschen.

Der Initiator für diesen Wuchtschlag war, mal wieder, mein Vater. Der Tag des Geschehens war der 29. Mai – an diesem Tag erschien ein Meilenstein der Musikgeschichte. Ein Album, das alles bisher da gewesene in den Schatten stellte und auf diesen Schatten auch noch fröhlich herumsprang.

Es war eine Art von Musik, die ich bis dato noch gar nicht wahrgenommen hatte. Kraftvoll, wunderschön, emotional, aufladend, ansteckend. Beim Hören kam die Musik eigentlich gar nicht aus den Lautsprechern, sondern aus tiefster Seele. Man fühlte sich Eins mit der Musik und überschwemmt vor Glücksgefühlen.

Das Album von dem ich hier spreche, das ich im zarten Alter von grade einmal 13 Jahren kennenlernen durfte heisst Brave new World.

Aus der Distanz betrachtet ist der Name – Programm, hat es auch mich in eine neue Welt versetzt. Wenn man des Abends im Jahr 2000, während eines Fahrradrennens mit den Nachbarskindern, nur noch „Out of the silent Planet“ singt, dann hat man definitiv eine neue Welt erreicht.

Live

Den absoluten Höhepunkt erreichte die neue Welt am 6.11.2000 – in der Grugahalle in Essen. Mein erstes Konzert. Iron Maiden – Brave new World Tour. Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass ich mich an dem Tag mit meinem Vater gestritten hatte und wir beide eigentlich keinen Bock mehr auf das Konzert hatten. Dennoch fuhren wir hin.

Als Vorgruppe trat Rob Halford, der Sänger von Judas Priest, auf um die Masse auf das bevorstehende einzuheizen. Mit 13 Jahren war ich glaub ich der Jüngste auf dem Konzert, aber ich denke auch der, der am meisten Freunde empfand.

Als Halford seine Show beendet hatte, kam die Umbaupause. Die Zeit kam mir vor wie ein ganzes Jahr, ehe das Licht in der Halle wieder abgeschaltet wurde und ein majestätisches Intro im klassischen Stil anlief und ankündigte, wofür jeder Einzelne hier im Saal war. Die Atmosphäre innerhalb der Halle, als das Intro lief, war atemberaubend – über 20.000 Menschen – jeder gespannt wie ein Flitzebogen.

Dann geschah es – das Intro endete und in einer nie zuvor gespürten Wucht und Lautstärke stimmte Adrian Smith „The Wicker Man“ an. In einem Bruchteil einer Sekunde wurde mein ganzer Körper von so unfassbar vielen Glückshormonen geflasht, dass das pure Glück mir sogar in Form von Tränen aus den Augen lief. Ich war vollkommen unfähig mich in irgendeiner Form zu bewegen, zu sprechen oder zu atmen. Aber nur wenige Augenblicke später schrie ich aus ganzem Körper, jede einzelne Silbe des Songtextes mit voller Kraft mit.

[Ein Glück für mich, dass ich bis zu dem Zeitpunkt nur ein Album von Iron Maiden kannte, nicht auszudenken was mit meiner Stimme passiert wäre, wenn ich das volle Konzert hätte mitsingen können.]

Alles war zuvor war, war vergessen. Der Streit mit meinem Vater – ausgelöscht. Noch Tage später fühlte ich mich unfassbar frei und erhaben.

In meiner neuen Welt bin ich seitdem Zuhause. Eins mit der Musik. Heavy Metal. Und absolut nichts wird dieses Band jemals zerschneiden können. Meine Andenken an diesen Tag, das Tourposter, wird ewig als Zeichen, der Erinnerung, irgendeine Wand in meiner Behausung schmücken.

Carry on

In der Schulzeit hatte ich musikalisch nicht so sehr viele Gleichgesinnte, ich konnte zwar einige zum Metal bekehren, dennoch genoss ich immer ein Dasein in einer Randgruppe, umgeben von Wenigen. Diejenigen, mit denen ich zu tun hatte – waren aber allesamt Menschen, für die ich meine Hand ins Feuer gelegt hätte.

Ich hab Metal gehört und gerne gezockt. Es war die Zeit der Lan-Partys – schlecht nur, wenn man im Jahr 2001/2002 immernoch mit dem 133MHz PC von 1995 unterwegs war und am aktuellen Geschehen einfach nicht teilnehmen konnte.

Im Rahmen intensiver Gespräche mit den PC-Freaks aus meiner Klasse, unter Berücksichtigung des knappen Budgets meines Sparbuchs und der schier unüberwindbaren Hürde, nämlich meinen Vater davon zu überzeugen, zogen mein Klassenkamerad (heute würde man Buddy oder Homie sagen) und ich los, um uns beim Computertürken neue Hardware zu kaufen.

An PCs hatte ich ja schon immer rumgeschraubt, daher war der Bau eines neuen PCs ja eigentlich keine Herausforderung für mich – denkste..

Aufgrund der Empfehlungen, der PC-Freaks, hatten mein Kollege und ich uns für ein Aufrüstkit entschieden – bestehend aus Mainboard, CPU, Kühler und Ram. Leider konnten wir beide nicht ahnen, dass wir falsch beraten wurden und unsere technischen Fähigkeiten maßlos überschätzt hatten.

Fehler Nr.1: Das Mainboard war ein Elitegroup K7S5A. Mittlerweile sowas wie eine Legende dafür, wie man Mainboards nicht baut.

Fehler Nr.2: 1995 wurden CPUs nicht sooooo warm, das man zwingend hätte Wärmeleitpaste zwischen CPU und Kühlkörper hätte verwenden müssen – 2001/2002 hätte man das aber besser schon gemacht.

Unsere Investition in ein besseres Computerspieleerlebnis – ein Desaster. Das Budget – weg.

Let us be better Lovers

All das hatte aber auch etwas ziemlich Gutes. Denn in dieser schier aussichtslosen Zeit, eröffnete direkt neben unserer Schule ein weiterer PC-Laden.

Eines Tages, nach Schulschluss, gingen mein Kollege und ich in Richtung Bushaltestelle – da blickten wir durch das, sagen wir mal, Schaufenster des neuen Computerladens. Ich kann mich nur noch wage daran erinnern, aber ich meine es lief eine Art Benchmark, auf einem Bildschirm – einfach so vor sich hin.

Neugierig gingen wir einfach mal hinein. In einem weißen, quadratischen Raum, ca. 25m² groß, mit einem gigantischen, schwarzen Eckschreibtisch mittendrin und vereinzelten Regalen an der Wand, auf denen neue Computerhardware thronte – saß er – Hermann.

Was dann geschah, mündete knapp 18 Jahre später in diesen Blog. Wir baten Hermann um einen Rat für unsere missliche Lage – und wurden nicht nur aufgeklärt, sondern nachhaltig belehrt.

Im Laufe der Zeit besuchten wir Hermann immer mal wieder in seinem Laden, lernten uns hinterher auch privat kennen und entwickelten ein solides, freundschaftliches Verhältnis. Mein Schülerbetriebspraktikum absolvierten mein Kollege und ich natürlich beide bei Hermann und wer uns die ganzen Jahre die Hardware für unsere PCs verkauft hat – liegt sicher auf der Hand.

Aber, wie schon erwähnt, spielte Hermann nicht nur in der Welt der Computer eine tragende Säule für mich. Auch Privat waren Hermann und seine Familie immer eine Anlaufstelle für mich – in, im nachhinein gesehen, einer wirklich schweren Zeit meines Lebens, war Hermann für mich da – und auch wenn er das vermutlich nie lesen wird – Hermann, ich möchte dir von ganzem Herzen dafür danken.

Dank dir, bin ich heute derjenige, der bei Computerproblemen angerufen wird. Dank dir weiß ich, dass Asus Users better Lovers sind. Und egal wie viel du auch redest, ich genieße jedes Wort davon – denn es sind ehrliche Worte, die ich sehr schätze.

Am Anfang war das Netz

Neben der Schule, den Freunden und der Zockerei – gewann das Internet an immer mehr Bedeutung. Bei ICQ hat man mal mit seinen Freunden geschrieben, manchmal hat man sich sogar wahllos irgendwen rausgesucht und einfach los gechattet. Manchmal nur um denjenigen zu verarschen, manchmal um zu flirten, manchmal um einfach nur mit irgendwem zu kommunizieren.

Die Ersten kamen dann mit ihren DSL-Flatrates um die Ecke und verbrachten plötzlich deutlich mehr Zeit im Internet. Wenn man dann selbst mal online war, hat man dann ein paar Wörter gewechselt – und dann später mit anderen Freunden draußen rumgehangen. Ohne es zu merken hatte ICQ dann teilweise die realen treffen vollkommen abgelöst. Meist hat man sich dann irgendwann mal zu einer LAN-Party verabredet, weil nicht jeder ne Flatrate hatte und spätestens dann war die Welt wieder in Ordnung.

Bei mir Zuhause herrschte das strenge Reglement meines Vaters. DSL-Flatrate gab es nicht und die Zeit am Rechner wurde stark beschnitten. Das nervte tierisch. Viel lieber hätte ich auch im Netz gehangen..

Wenn ich denn mal online war und gechattet hab, dann fühlte ich mich frei. Frei herauszuschreiben, wie es mir im Kopf herum spukte – ja, sogar Mädchen gegenüber. Das fühlte sich herrlich an und ich wollte mehr davon.

Zuhause konnte ich allerdings nicht viel mehr davon bekommen, daher wich ich bei Zeiten zu meiner Mutter aus.

Zwiespalt

Meine Mutter und ihr Lebensgefährte hatten anfangs gar keinen Computer. Durch meine Hermann-Connection war ich aber in der Lage sie zu ihrem Glück zu zwingen. Im Gegensatz zu meinem Vater, gab es bei meiner Mutter dann recht bald auch eine DSL-Flatrate.

Das Reglement bei meiner Mutter war deutlich entspannter und ich fühlte mich dort viel wohler als bei meinem Vater. Zur Scheidung meiner Eltern hatte ich mich allerdings für meinen Vater und meine gewohnte Umgebung entschieden – und die Tatsache, dass mein, zu der Zeit, tyrannischer Bruder, erstmal nicht bei meinem Vater leben würde, hatte mich zusätzlich motiviert bei meinem Vater zu bleiben.

Einige Zeit klappte das auch wirklich gut zwischen meinem Vater und mir, doch irgendwann stieß mein tyrannischer Bruder wieder zu uns – und das einst gute Verhältnis bekam einen Schlag, von dem es sich bis zum heutigen Tag nicht wirklich erholt hat.

Naja, mein Vater jedenfalls, war nicht gut auf meine Mutter und ihren Lebensgefährten zu sprechen und beharrte förmlich darauf, dass ich so wenig Kontakt wie möglich mit ihnen Pflege. Bis heute weiß ich nicht so wirklich warum das eigentlich so war – aus Angst, mir könnte es dort besser gefallen und ich könnte ich den neuen Lebensgefährten meiner Mutter Akzeptanz gegenüber bringen? Aus persönlichem Hass vielleicht? Ich weiß es nicht und ich habe bzw. werde meinen Vater auch nie danach befragen. Das alles ist schon so lange her und irgendwann muss man manche Sachen auch einfach auf sich beruhen lassen.

Meine Mutter und mein Vater lebten beide im selben Ort – nur an unterschiedlichen Enden. Da man ja früher immer von alleine rausging und sich in der Regel nicht für seine Abwesenheit rechtfertigen musste, konnte ich quasi täglich bei meiner Mutter vorbei gehen und Zeit dort verbringen. Meist hatte ich nen Kumpel dabei.

Mein Vater durfte von all dem natürlich nichts wissen – wahrscheinlich hätte er mich nach einer Tracht Prügel im Zimmer eingesperrt, wenn er gewusst hätte, dass ich mich regelmäßig bei meiner Mutter aufhalte UND ihren neuen Lebensgefährten leiden kann. So kam es halt dazu, dass ich immer einen Rucksack mit mir herumschleppte, immer in der Angst mein Vater könnte etwas bemerken. Auch meinen tyrannischen Bruder konnte ich nicht in das Tagesgeschäft einweihen – er hätte mich umgehend bei meinem Vater verpetzt. Offiziell war ich, mit meinem Bruder, nur alle zwei Wochen, jeweils am Wochenende bei meiner Mutter.

Im Laufe der Zeit war es für mich üblich nach der Schule erstmal bei meinem Vater zu sein, zu essen und Hausaufgaben zu machen – danach zu meiner Mutter zu gehen, was zu essen und rumzuhängen. Abends bin ich dann wieder zu meinem Vater gegangen. Bei meiner Mutter haben DVDs geguckt, Musik gehört, zusammen gesessen – eine herrliche Zeit. Bei meiner Mutter fühlte ich mich unbeschwert, frei – wie ein geachteter Mensch, während ich mich bei meinem Vater immer eingeengt und beklemmt gefühlt habe. Während ich immer das Gefühl hatte mit meiner Mutter über alles reden zu können – kam ich mir bei meinem Vater dazu nie in der Lage vor.

Mein Vater und ich hatten während der Trennung meiner Eltern viel zusammen durchgemacht, war ich doch sein scheinbar einziger Vertrauter in seiner Welt, die um ihn herum zusammenbrach. Oft hat mein Vater stundenlang auf mich eingeredet und über seine Gedanken und Gefühle gesprochen. Als sein Vertrauter, sind wir losgefahren um seine Verdachtsmomente zu prüfen, hab mich dazu überreden lassen, ihn als Spitzel in seinem Wahn zu unterstützen.

Der Trennungsschmerz meines Vaters – ich hab ihn voll miterlebt. Mit der Erwartung das alles Verstehen und Verarbeiten zu können wurde mir im Alter von grade einmal 13 Jahren eine hohe Last aufgelegt. Wahrscheinlich wollte ich meinen Vater auch einfach nur nicht enttäuschen..

Der ganze Druck, der Seitens meines Vaters unwissend auf mir lastete – bei meiner Mutter spürte ich nicht das geringste davon. Und solange das so blieb, lief auch alles wie am Schnürchen.

Knuddels

Immer mal wieder verirrte ich mich/ wir uns wieder ins Internet. Mein Kumpel und ich, wie wir immer bei meiner Mutter waren, saßen am Rechner und wollten spaßige Unterhaltung. Also suchten wir einen Chatroom auf um ein paar Leute zu ärgern. Die Wahl des Chatrooms fiel auf Knuddels.de, das Facebook der Antike des Internets. Mit seiner rosa Startseite und dem eher niedlich wirkenden Namen war der Chat ja wohl eher was für Weicheier und Memmen – also wollten wir mal ein wenig früh pubertäres Testosteron los werden und einem paar der dort Anwesenden auf die Eier gehen.

So meldete ich mich an, betrat einen Chatroom und nervte los. Mein Kumpel saß neben mir und beobachtete amüsiert die Show. Irgendwie entwickelte das ganze dann eine eigene Dynamik. Wir stellten fest, dass gar nicht so viele Idioten in dem Chat waren – sondern durchaus nette Leute. Das Chatten dort hat Spaß gemacht – zumindest mir. Künftig erwischte ich mich immer wieder dabei, wie ich den Chat besuchte und Stunden dort verbrachte.

Aus Stunden wurden dann aber immer mehr Stunden. Die Anzahl meiner Chatfreunde wuchs stetig an. Mittlerweile hatte ich einen Lieblingschatroom und lernte die Vorzüge von Knuddels zu schätzen. Man konnte ja schließlich nicht nur Chatten, sondern sich auch virtuell küssen, Spiele spielen und so langsam aber sicher sein Profil füllen. Das Chatleben hatte einen Sinn.

Je nach Anzahl verbrachter Zeit im Chat, stieg der Rang der Mitgliedschaft an – und mit jedem neuen Rang, eröffneten sich neue Möglichkeiten. Es fühlte sich an wie ein RPG – versteckt hinter seinem Chat-Nickname, auf der Suche nach netten Kontakten und nebenbei immer darum bemüht das eigene Profil aufzumöbeln.

Die einzelnen Chatrooms wurden von Moderatoren überwacht, die Moderatoren waren Admins unterstellt – und an oberster Stelle standen die Systemadmins, der heilige Gral.

Moderatoren und Admins wurden sehr demokratisch, durch die Stimmvergabe der Stammchatter, des jeweiligen Chatrooms (und davon gab es viele Verschiedene) gewählt. Moderator oder gar Admin zu werden – das war ein Zeichen des Vertrauens seiner Community.

Offenbar habe ich es geschafft jenes Vertrauen zu gewinnen, denn lange Zeit war ich sowohl als Moderator – und sogar eine Zeit lang als Administrator im Chat unterwegs. Wahrscheinlich ein Zeichen von Führungsstärke?! Zumindest rede ich mir das bis heute ein.

Neben dem Chat gab es auch ein Chat-eigenes Forum, hier wurde kontrovers diskutiert. Die Welt von Knuddels war ein eigener Mikrokosmos. Tatsächlich habe ich es durch meine Beiträge und mein Engagement auch geschafft im Forum als Moderator ernannt zu werden und war in der Zeit der Herr des Kritik-Subforums. Gern wäre ich auch irgendwann einmal Forums-Administrator geworden, jedoch war ich nicht so geduldig. Als ich meinen Rücktritt als Moderator erklärt hatte, seufzen meine Kollegen und ehrten meinem Abgang dadurch, dass sie mich eigentlich immer schon als künftigen Administrator gesehen haben.

Ein schöneres Zeichen der Anerkennung kann es ja wohl kaum geben.

Virtuelle Nähe

Im Chat selbst habe ich viele interessante Menschen kennengelernt, mit einigen davon habe ich sogar jetzt, lang nachdem ich den Chat für immer hinter mir gelassen habe, noch Kontakt.

Meine Unfähigkeit dem anderen Geschlecht meine Gefühle zu offenbaren hielt aber auch anfangs noch im Chat stand. Unter meinen Chatfreunden waren natürlich auch die ein oder anderen Mädchen dabei. Mit Einer davon habe ich mich besonders gut verstanden. Offen und ehrlich haben wir stundenlang miteinander gechattet und Blödsinn mit den Anderen getrieben.

Im Chat standen wir uns wirklich sehr nah und irgendwie fühlte es sich wie damals an.. Allerdings lagen zwischen uns allen ca. 300 KM Entfernung – an echte Nähe war also gar nicht zu denken. Wie kann das sein, das man sich zu jemandem hingezogen fühlt, den man noch nie gesehen und erlebt hat?

Einige meiner Chatfreunde stammten alle aus dem gleichen Ort und kannten sich untereinander auch in „echt“ – eines wahnwitzigen Tages kamen wir dann auf die Idee, dass ich zu Ihnen kommen soll. Gesagt, getan. So fuhr ich mit dem Zug bis hinter Köln und besuchte meine Chatfreunde. Es war ein sensationell schönes Wochenende, fortan haben wir uns sogar häufiger getroffen. Gegenüber meiner virtuellen Flamme war ich allerdings wieder nicht in der Lage den ersten Schritt zu gehen. Wieder wartete ich ab, wieder kam er nicht von ihr.

Mit meiner Kölsch-Connection hatte ich aber immer eine Menge Spaß. Ihnen ist es zu verdanken, dass ich mich jemals intensiver mit den Böhsen Onkelz auseinander gesetzt habe. In der Musik, der Onkelz fand ich mich immer wieder – also wenig verwunderlich, dass die Onkelz seitdem ein Teil meiner neuen Welt sind.

Situationskomik: Mein bester Chat-Kumpel wurde eines Abends von ein paar Mädchen darauf hingewiesen, dass er „nervt“ – darauf hin fing er an zu weinen. Den gesamten nächsten Tag habe ich damit verbracht ihn nicht nach allen Regeln der Kunst auszulachen – bis zum Abend habe ich tatsächlich durchgehalten, obwohl es wirklich schwer war, danach folge der Lachflash meines Lebens.

Die Zeit verging, die Wunden heilten. Immer häufiger chattete ich mit einzelnen Personen und hatte das Gefühl etwas besonderes zu spüren. Wie auch bei

Michaela.

Michaela hieß im Chat „Path“ und hing immer im Gothik oder Metal Chatroom rum. Hin und wieder war ich auch dort, schließlich war ich ja auch Metaler – allerdings konnte ich mich in das Stammpublikum nie einleben. Bei einem der Aufenthalte lernte ich „Path“ kennen und wir haben über sehr lange Zeit, sehr intensiv miteinander geschrieben. Offenbar fühlten wir uns beide so sehr miteinander verbunden, dass wir gar die drei magischen Worte ausgetauscht haben. Ohne das wir uns je persönlich gegenüberstanden, ohne, dass ich je ein Bild von ihr sah, ohne auch nur einmal mit ihr telefoniert zu haben – nur aufgrund von Worten in einem Chatfenster.

Das ganze ging so weit, dass wir uns dann endlich mal treffen wollten – kurze Zeit vorher bekam ich sogar ein Bild von ihr. Was ich da sah, gefiel mir allerdings mal so gar nicht. In mir machte sich eine tiefe Enttäuschung breit. Alles was ich bis dahin positives fühlte – war mit einem mal wie ausgestorben. Als meine echten Freunde das Bild sahen, brachen Sie in höhnisches Gelächter aus – war der Termin für unser Treffen doch schon fix.

Fassungslos saß ich da und wollte im Erdboden versinken – wie konnte jemand, mit dem ich mich so verbunden fühlte, nur so aussehen?! In „Echt“ hätte ich einer Person wie Michaela keinen Blick nach geworfen – aber offensichtlich musste ich feststellen, dass innere- und äußere Schönheit nicht Hand in Hand gehen – das frustrierte mich.

Am Tag des Treffen wollte ich am liebsten irgendwo versinken und eine Woche verschollen bleiben. Michaela wollte mit dem Zug kommen und sich telefonisch bei mir melden. Weil ich ja kein Unmensch bin, hätte ich das Treffen vermutlich durchgezogen – doch das Schicksal wollte es anders. Ein Treffen hab es nämlich nicht, denn offenbar hat Michaela meine Telefonnummer falsch notiert und ist nach diversen, gescheiterten Versuchen dann wieder nach Hause gefahren.

Später im Chat war Michaela natürlich sehr sauer auf mich, weil sie dachte, ich wär nicht ran gegangen – jedoch konnten wir die Sache aufklären und uns versöhnen. Auf das habe ich innerlich natürlich gar keinen Wert mehr gelegt – für mich war die Nummer gelaufen. In den kommenden Wochen ist der Kontakt immer mehr eingebrochen, was auch daran lag, dass ich schon jemand neues zum Träumen gefunden hatte – diesmal sogar mit Bild.

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So nannte sie sich im Chat. Auf dem Foto sah sie zuckersüß aus und ihre liebliche Art mit mir zu schreiben hat mich vollkommen wahnsinnig gemacht. Wieder fühlten wir uns auf einer besonderen Ebene miteinander verbunden. Allerdings stellten die Mischung aus ihrem Alter und der enormen Entfernung ein unüberwindbares Hindernis dar. Sie war auch die Erste, die dann den Kontakt zu mir abgebrochen hat – und es brach mir das Herz. Ich war so frustriert und wütend, dass ich am liebsten gestorben wäre. Ich wollte nie wieder online kommen, um ja nie wieder irgendwen kennenzulernen und noch einmal der Liebe Leid erleben muss.

So muss es sich anfühlen, wenn man im Knast sitzt und nicht beeinflussen kann, ob seine Frau da draußen grade mit dem Cousin durchbrennt. Die Hölle – und man sitzt ganz allein darin.

Ich ging aber natürlich wieder online und irgendwann hatte ich mich auch wieder gefangen. Dazu beigetragen hatte eine ganz besondere Person, Andrea.

Cherry06w

.. war ihr Name im Chat. Sie war schon einige Zeit im selben Chatroom wie wir und daher kannten wir uns schon flüchtig.

Mein Kumpel, mit dem ich damals immer bei meiner Mutter rumgehangen hab, tummelte sich zeitweise auch im Chat rum und Andrea hatte einst ein Auge auf ihn geworfen.

Mein Kumpel war aber viel schlauer als ich und gab auf all das was im Chat passierte nicht so viel, bei mir war das ja – wie ihr sicherlich bemerkt habt, anders. Ich war im Chat zuhause, hier konnte ich sein wer ich sein wollte – immer.

Nachdem mein Kumpel nicht wirklich auf Andrea angesprungen war, schien sie sehr enttäuscht zu sein. In der Zeit begannen wir intensiver miteinander zu schreiben. Anfangs lief das ganze auch noch recht normal ab, so wie Stammchatter nun mal miteinander umgehen – doch im Laufe der Zeit entwickelte sich zwischen Andrea und mir auch wieder diese Besonderheit. Wirklich viel kann ich  gar nicht mehr zu ihr sagen, wir haben halt beide die selbe Musik (in dem Fall Onkelz) gehört, waren beide einsam und ansonsten wüsste ich nicht, was uns großartig verbunden hat.

Eines Tages hatten wir beschlossen, dass wir uns unbedingt mal treffen müssen. So kam Sie mich besuchen. Der Besuch war allerdings nicht, wie von unzähligen anderen Treffen in der Vergangenheit gewohnt – denn Andrea durfte mich nur in Anwesenheit ihrer Mutter besuchen. Selbstverständlich haben die beidem im Hotel übernachtet – und jeder Schritt wurde streng überwacht.

Die Nummer war gleichermaßen frustrierend wie amüsant. Viel Interessanter war aber, dass Andrea wirklich nicht zu den gesprächigsten Menschen gehörte. Aus der Vergangenheit hatte ich ja den Schluss gezogen, dass die Optik sehr wohl eine Rolle spielen kann, Andrea sah auf dem Foto schon sehr gut aus – und in echt war sie für mich überwältigend schön anzusehen.

Während wir eines Nachmittags durch die Stadt gezogen sind, spürte ich immer wieder das Verlangen sie zu umarmen und in ihrer Nähe zu sein – habe es aber nicht getan. Ich war hin und weg von ihr – aber es war unser aller erstes Treffen und wir kannten uns zwar theoretisch, praktisch war das jedoch alles viel komplizierter.

In Kino schauten wir uns damals „Die Insel“ an, ein schöner Film. Mit ihr zusammen dort zu sein fühlte sich wieder enorm wunderbar an. Ich hatte mir gewünscht, dass der Film niemals endet..

Als ich Andrea an dem Abend am Hotel abgesetzt hab, war ich wie in einem Rausch aus Glücksgefühlen und Unsicherheit. Wir schrieben noch ein paar SMS – und spätestens dort war klar, dass wir exakt gleich empfanden.

Leider ist so ein Wochenende nicht besonders lang und natürlich endete es, ehe es für uns wirklich begonnen hatte. So fuhren Andrea und ihre Mutter wieder gen Heimat – während ich frustriert und traurig zurück blieb.

Sehnsucht stellte sich ein und wir beschlossen, dass ich zu ihr kommen soll. Natürlich würde ich nicht bei ihr Zuhause, sondern im Hotel wohnen – aber das war nur eine kleine Unannehmlichkeit – hautpsache bei ihr. So fuhr ich also mit dem Zug in die Nähe von Frankfurt und wir verbrachten wieder Zeit miteinander. Anfangs lief noch alles sehr zurückhaltend, der reale Knoten war irgendwie noch nicht geplatzt. Ich, nach wie vor nicht dazu in der Lage den ersten Schritt zu machen, verzweifelte und frustrierte ein wenig. An einem heißen Sommertag im Jahr 2005 verirrten wir uns in Andreas Heimat ins Freibad. Wir hatten allerdings keine Badesachen dabei – wer konnte das schon ahnen. Also saßen wir schweigend nebeneinander, auf einer Wiese, umgeben von einer Schar an Badegästen. Ihr Bruder schaute auch mal kurz vorbei, den kannte ich bis dato allerdings nicht und die beiden schienen auch kein sonderlich gutes Verhältnis zu haben. Wieder in befremdlicher Zweisamkeit saßen wir weiterhin da – jeder wartete geduldig ab, jedoch war Andreas Geduld kurz drauf wohl zu ende und sie näherte sich mir an und lag anschließend in meinem Arm. Das Eis war gebrochen. Der Knoten geplatzt – aus zwei wurde Eins. Ab diesem Moment waren wir unzertrennlich. Und es fühlte sich so unglaublich schön an.

Die restliche Zeit verbrachten wir, hauptsächlich schweigend, eng beieinander. Wo auch immer wir waren – hauptsache so nah wie möglich zusammen. Im Grunde gaben wir uns nichts – nur Nähe, aber die allein hat sich so gut angefühlt, dass ich sie nicht im Traum gegen irgendetwas auf der Welt eingetauscht hätte.

Wir trafen uns regelmäßiger, wurden intimer, waren glücklich und wurden wieder auseinander gerissen. In Zeiten ohne eigenes Geld, kann man eben nicht jedes Wochenende nach Frankfurt fahren – so kam nach jeden Hoch auch immer ein Tief. Eins wusste ich aber genau, denn wenn ich neben ihr lag und sie ansah, war Andrea für mich die schönste Frau der Welt.

Jessy

.. war die Tochter der Nachbarn, die über meiner Mutter wohnten. Ein wirklich hübsches Mädchen mit einem tollen Körper, äußerst freundlich, nett und aufgeschlossen. Meine Kumpels und ich sind Jessy regelmäßig begegnet und hin und wieder haben wir auch mal zusammen rumgehangen. Ich hatte zu Jessy ein sehr freundschaftliches Verhältnis. Oft war es amüsant zu beobachten, wie sie quasi wöchentlich einen anderen Typen als ihren Freund präsentierte. Mein einer Kumpel, also der, auf den Andrea mal stand, hatte immer ein Auge auf Jessy geworfen, aber Jessy hat ihn nie ran gelassen – ihn immer wieder an ihr scheitern zu sehen hatte etwas sehr belustigendes.

Ob es der Plan des Herrn war, oder Jessys – ich weiß es nicht. Jedenfalls entwickelte sich zwischen Jessy und mir ein gewisses, leidenschaftliches Feuer. Natürlich nur unter der Woche, am Wochenende war ich ja meist mit Andrea beschäftigt.

Als Andrea eines Sonntags wieder nach Hause fuhr und ich tot traurig in meinem Zimmer saß, kam Jessy vorbei. Wir verbrachten mehrfach etwas Zeit miteinander und gaben uns schlussendlich der Leidenschaft hin.

In den Momenten des Geschehens fühlte sich für mich alles super an. Nach einem Kuss hätte ich sogar beinah die drei Worte gesagt. Es fühlte sich in dem Moment alles absolut richtig an und das erste Mal hatte ich echt das Gefühl, dass auf ein hoch – kein Tief mehr folgen muss. In dem Moment, an dem ich Andrea am meisten gebraucht hätte, war Jessy für mich da. Was plausibel klingt, hätte aber dennoch nicht geschehen dürfen.

Was im Detail danach passierte kann ich gar nicht  mehr so genau sagen, jedenfalls erlosch das Feuer zwischen Jessy und mir und ich entschied mich Andrea nichts davon zu sagen. Wie konnte auch ausgerechnet MIR das passieren? Dem, der unfähig ist seine Gefühle auszudrücken. Der, der froh sein kann überhaupt eine Beziehung zu haben – hintergeht seine Freundin mit der Nachbarin.

Wenn ich ehrlich bin, habe ich mich nicht deswegen nie wirklich schlecht gefühlt. Wie auch? Schließlich konnte ich mir mein eigenes Handeln ziemlich plausibel erklären. Ich bin auch froh, dass zwischen Jessy und mir danach nichts weiter vorgefallen ist – so können wir uns heute noch in die Augen gucken und gemeinsam lachen.

Der Anfang vom Ende

Später konnten wir uns auch tatsächlich „alleine“ miteinander treffen und ich durfte bei ihr im Haus (nicht aber im selben Zimmer) übernachten, häufig verbrachten wir die Zeit bei ihr auch im Haus ihrer Großmutter. Wie lang die Beziehung mit Andrea noch gehalten hat, das kann ich gar nicht mehr genau sagen. Den Jahreswechsel hat sie aber definitiv noch überstanden. So richtig kaputt gegangen ist das Ganze erst, als Andrea sich irgendwie verändert hat. Sie hörte plötzlich andere Musik und chattete mit anderen Leuten. Das gefiel mir nicht und den Zorn meiner Eifersucht ließ ich sie gnadenlos spüren. Die heile Welt hatte irgendwie eine Delle bekommen und all der Schmerz und die unbeantworteten Fragen ließen sich über diese Distanz nicht so einfach aus der Welt räumen. Wieder kam ich mir vor wie im Knast – und meine Freundin drohte mit dem nächst besten Typ durchzubrennen.

Ich hätte los lassen müssen, doch ich wollte es nicht. Jeden Preis hätte ich bezahlt um alles wieder so machen, wie es einmal war. Doch es war zu spät und ich kämpfte weiter – auf verlorenem Posten.

In meinem Wahn habe ich Andrea im Chat nachgestellt, Sie hatte einen Typ aus Kassel kennengelernt. Nur ein Chat-Freund, schrieb sie. Doch das konnte ich zu dem Zeitpunkt nicht mehr glauben.

Eines Samstags dann, von Andrea kein Sterbens Wort. Sonst immer Online – an jenem Samstag gab es von Andrea keine Spur weit und breit. Keine SMS, keine Antwort. Panisch rief ich ihre Mutter an und fragte nach, die Mutter berichtete mir, Andrea wär mit ihrer Freundin in der Stadt – shoppen. Kann man glauben, aber das Gefühl ließ mich nicht los, dass irgendwas nicht stimmt.  Der Typ aus Kassel war ebenfalls nicht online – Verdachtsmoment.

Unter falscher Identität und unter einem Vorwand nahm ich dann Kontakt zu einem der Chat-Freunde des Kasslers auf – und siehe da, er traf sich mit Andrea und berichtete später in seinem Status fröhlich darüber, wie gut sie küssen kann.

Wiederholt brach meine Welt zusammen. Voller Wut und Frust rief ich zuerst wieder bei Andreas Mutter an, um sie zu informieren, danach rief ich Andrea an – um sie zur Rede zur stellen. Das Gespräch mit Andrea hätte ich mir natürlich sparen können, denn, wie immer hat sie nicht viel gesagt und die meisten Antworten hatte ich mir ja bereits selbst erkämpft. Allerdings fühlt es sich dann doch nochmal ein bischen besser an, wenn man die Bestätigung der anderen Seite erfährt.

Den Herzschmerz habe ich dann zwar eine ganze Weile mit mir herum getragen und schwer gelitten, aber im Großen und Ganzen habe ich damit abgeschlossen. Von meiner zierlichen Andrea, die nie groß geredet hat, hätte ich so ein Verhalten nicht erwartet. Ich war in meinen Grundfesten erschüttert.

Nochmal würde ich keine Beziehung mit so einer Distanz eingehen wollen. Das ständige auf und ab zerrt schon sehr am Nervenkostüm und man ist unfassbar anfällig für Missgeschicke. Fernbeziehungen, als reine Zweckgemeinschaft – das kann funktionieren, solange Gefühle dabei nur eine sekundäre Rolle spielen.

Meine Naivität und die Angst vor dem Alleinsein hat auch dafür gesorgt, dass ich mein Missgeschick gar nicht wirklich realisiert habe, dabei hätte spätestens da schon die Reißleine gezogen werden müssen. In einer intakten Beziehung küsst man nicht einfach so jemand anderes, schon gar nicht schläft man einfach so mit jemand anderes. Wenn man all diese Momente für sich bewertet, stelle ich fest, dass ich mich seinerzeit in einer Illusion verlaufen habe.. Am Ende stand ich also wieder genau so allein da, wie vorher auch, aber es fühlte sich viel schlimmer an. Mein verzweifelter Kampf hat mich viel Kraft gekostet.

All das hat mich verändert. Vertrauen zu fassen fiel mir jetzt viel schwerer, viel häufiger sah ich nur noch das Negative um mich herum und vor allem wollte ich von Gefühlen und deren Offenbarung wirklich rein gar nichts mehr wissen.

down depressed and lonely

Seit dem Beginn meiner Geschichte waren jetzt gute 6 Jahre vergangen.  Inzwischen hatte ich die Realschule erfolgreich hinter mit gelassen und aufgrund mangelhafter Eigeninitiative keinen Ausbildungsplatz. Nach der Realschule besuchte ich dann die Berufsfachschule für Elektrotechnik, schließlich strebte ich immer einen technischen Beruf an. Da die Schulpflicht mit dem 18. Lebensjahr endet und ich auch später wirklich keine Lust mehr auf den Stoff hatte – beendete ich das Projekt Fachabi vorzeitig.

Was dann passierte? Das Leben hat einige Kapitel noch gar nicht zu Ende geschrieben, Andere hingegen sehr wohl.

Ich bekam einen Halb-Bruder. Mein Vater hat eine neue Frau gefunden. Aufgrund des immer schwieriger werdenden Verhältnisses zwischen meinem Vater und mir, zog ich bei meiner Mutter ein – und eine tonnenschwere Last fiel von meinen Schultern. Im Chat gab es nun auch einen lokalen Chatroom. Ich lernte mein Schicksal kennen. Wurde in einen Beruf gedrängt und machte das Beste daraus. Und vieles mehr.

Fortsetzung folgt…